Stelter strategisch: Das Dilemma des Strategen

kolumneStelter strategisch: Das Dilemma des Strategen

Kolumne von Daniel Stelter

Die Unsicherheit an den Märkten wächst. Das sollte dem strategischen Anleger grundsätzlich egal sein. Dennoch bietet sich angesichts der gereizten Stimmung an der Börse eine Standortbestimmung im Portfolio an.

Diese Kolumne heißt mit Absicht Stelter Strategisch. Es geht mir nicht um einen kurzfristigen Gewinn, sondern um den langfristigen kaufkraftbereinigten Vermögenserhalt – plus X.  Natürlich sollte X möglichst groß und auf jeden Fall positiv sein. Doch selbst das ist nicht leicht. Zum einen, weil wir uns nach einem mit immer mehr Schulden und tieferen Zinsen befeuerten Aufstieg nach mehr als 30 Jahren am Gipfel befinden und realistisch nur noch mit geringen Renditen in den kommenden Jahren rechnen können. Zum anderen, weil auch der Stratege – beeinflusst vom ständigen Auf und Ab an den Märkten und der Flut an Artikeln wie diesem – Gefahr läuft, die Strategie zu vergessen und in operative Hektik zu verfallen. Vornehmer „Taktik“ genannt.

Zum Autor

  • Daniel Stelter

    Daniel Stelter war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Seit 2007 berät Stelter internationale Unternehmen zu den Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Zusammen mit David Rhodes verfasste er das 2010 preisgekrönte Buch „Nach der Krise ist vor dem Aufschwung“. Weitere Bücher folgten, aktuell hat Stelter eine Replik auf das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty unter dem Titel „Die Schulden im 21. Jahrhundert“ veröffentlicht. Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums „Beyond the Obvious“, das Antworten auf die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen unserer Zeit sucht.

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Wie der sagenhafte Odysseus muss der Investor sich die Ohren zuhalten und die Arme festbinden, um nicht von den Klängen der Sirenen in das Unglück gerissen zu werden. Die jüngst im Alter von 109 Jahren verstorbene Wallstreet Legende Irving Kahn brachte es so auf den Punkt: „Ich würde Privatanlegern raten, nicht auf die Meinungen, die sie im Radio, Fernsehen oder dem Internet finden, zu hören. Diese sind nicht hilfreich. Die Leute sagen „billig kaufen, teuer verkaufen“ aber das kann man nicht machen, wenn man der Herde folgt. Man muss die Disziplin und das Temperament haben, den momentanen Strömungen zu widerstehen. Menschen haben, was die Kapitalmärkte betrifft, die falschen Instinkte. Wenn man dies erkennt, kann man dem Drängen widerstehen in der Rally zu kaufen und im Abschwung zu verkaufen.“

Die Mehrheit reagiert zu spät

Nur selten liegen Investoren richtig, wenn sie versuchen den Markt zu timen. In der Tat zeigen Studien, dass die Mehrheit zu spät auf den fahrenden Zug aufspringt und nach einem Absturz kurz vor der Wende verkauft. Besser ist es da allemal, immer dabei zu sein. Letztlich sind es nur wenige Tage, die den Ertrag bringen. Da genügt es schon für ein schlechtes Gesamtergebnis, wenn man nur ein paar davon verpasst.

So legen die wirklich Vermögenden an

  • Depotzusammensetzung: Liquidität

    13,7 Prozent

    Quelle: Bayerisches Finanz Zentrum, Complementa Investment-Controlling AG, „Family Office Studie 2015“

  • Zinspapiere

    19,9 Prozent

  • Aktien

    27,2 Prozent

  • Private Equity

    13 Prozent

  • Immobilien

    15,3 Prozent

  • Hedgefonds

    5,8 Prozent

  • Rohstoffe und Infrastruktur

    3,3 Prozent

  • Tangible Assets (zum Beispiel Farmland)

    1,7 Prozent

Mit Blick auf die hohen Bewertungen, die immer noch rekordtiefen Zinsen und die ungelösten Schuldenprobleme der Welt halte ich an meiner Strategie fest: ein diversifiziertes Portfolio von Aktien, Anleihen, Liquidität, Gold und Immobilien mit einer guten regionalen Streuung dürfte das beste sein, um auf Sicht durch die drei Grundszenarien der weiteren Entwicklung zu kommen. Diese sind, zur Erinnerung: das „weiter-so“ geringen Wachstums, steigender Schulden und geringer Inflation – das Szenario „Japan“. Der Konjunktureinbruch mit  Zahlungseinstellungen und Euroaustritten – das Szenario „Deflation“. Und schließlich – auch das sollten wir nicht ausschließen – ein Gelingen der Politik des billigen Geldes – das Szenario „überschießende Inflation“.

Vermutlich werden wir eine Kombination dieser Szenarien erleben.

Crowdinvesting Gemeinsam investieren für mehr Rendite

Anstatt ihr Geld Fondsmanagern anzuvertrauen, versuchen Anleger im Netz gemeinsam an der Börse zu investieren. Das kann die Rendite erhöhen, wenn die Voraussetzungen stimmen. Wann sich Schwarmintelligenz lohnt.

Draufblick auf eine Menschenmasse, die gemeinsam einen ansteigenden Kurschart verkörpert. Quelle: Getty Images

Entscheidend ist in der Strategie der breiten Streuung das Element der Qualität. Die Qualität der Aktien, der Schuldner, der Immobilien und der Bank, bei der man Liquidität hält. Stimmt die Qualität, wird man Vermögen erhalten, ist aber dennoch nicht vor zwischenzeitlichen Kursverlusten geschützt. Und damit kommen wir zur Taktik. Nachdem die Märkte seit dem Sommer deutlich korrigiert haben, stehen wir vor einem Dilemma. Die Sirenen rufen. Zum einen die Skeptiker wie Robert Shiller, der an dieser Stelle vor einem Crash gewarnt hat und die Dauerskeptiker von der Sociéte Générale, nach deren Modell wir zu 100 Prozent in einem neuen Bärenmarkt stecken. Auf der anderen Seite das Team von JP Morgan, welches alle Ampeln auf Grün gestellt hat und einen deutlichen Anstieg prophezeit.

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