Stelter strategisch : Der dumme deutsche Sparer

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Lohnt sich Sparen überhaupt noch?

Kolumne von Daniel Stelter

Früher galten die belgischen Zahnärzte als Synonym für den dummen Investor, mittlerweile haben wir Deutsche sie locker abgehängt. Unser Wohlstand ist nur eine gut genährte Illusion.

Obwohl wir die fleißigsten Sparer in Europa sind, liegen wir in punkto Vermögen weit abgeschlagen hinter Spaniern, Iren, Italienern und Franzosen – und Belgiern. Nach dem gerade veröffentlichten Bericht der Deutschen Bundesbank betrug das durchschnittliche Nettovermögen (Bruttovermögen abzüglich Verschuldung) im Jahr 2014 in Deutschland 214.500 Euro. Das ist doch ganz ordentlich, werden Sie sagen. Doch ein tieferer Blick in die Statistik zeigt, dass drei Viertel der Haushalte in Deutschland ein geringeres Nettovermögen haben als der Durchschnitt. Damit wird der sogenannte Median, das heißt der Wert, der die Haushalte in eine reichere und eine ärmere Hälfte teilt, viel aussagekräftiger, weil er kaum von Extremwerten beeinflusst ist. Dieser Median-Haushalt in der Mitte der Verteilung hatte 2014 aber nur ein Nettovermögen von 60.400 Euro. In der Eurozone hingegen lag dieser Wert schon vor vier Jahren annähernd doppelt so hoch.

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Zur Person

  • Daniel Stelter

    Daniel Stelter war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Seit 2007 berät Stelter internationale Unternehmen zu den Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Zusammen mit David Rhodes verfasste er das 2010 preisgekrönte Buch „Nach der Krise ist vor dem Aufschwung“. Weitere Bücher folgten, so eine Replik auf das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty unter dem Titel „Die Schulden im 21. Jahrhundert“. Im Februar 2016 erschien sein neues Buch, „ Eiszeit in der Weltwirtschaft“. Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums „Beyond the Obvious“, das Antworten auf die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen unserer Zeit sucht.

Sicher: diese Vermögenslücke, die sich im Vergleich zu den vermeintlich ärmeren Nachbarn in Europa auftut, hat auch damit zu tun, dass zwei verlorene Weltkriege und Währungsreformen viel Vermögen vernichtet haben. Dennoch wage ich die Behauptung, dass sie auch dadurch entsteht,  dass unsere Politiker und die Medien so wenig von Wirtschaft verstehen. Sie freuen sich jedes Jahr aufs Neue, dass wir so erfolgreich im Export sind. Für 2016 rechnen die Experten gar mit einem Exportüberschuss von neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Was wir dabei aber nicht wahrnehmen: wenn ein Land für neun Prozent vom BIP mehr Waren aus- als einführt, exportiert es auch Kapital in gleicher Größenordnung. Das ist eine zwangsläufige Folge.

Für 2015 stellten sich die Zahlen so dar: Die privaten Haushalte sparten 4,8 Prozent des BIP; die Unternehmen, die eigentlich nicht sparen, sondern investieren sollten, sparten 3,2 Prozent vom BIP und sogar der Staat sparte 0,6 Prozent vom BIP. In Summe also 8,6 Prozent vom BIP, die wir nicht im Inland konsumiert oder investiert haben. Diese Ersparnisse flossen ins Ausland, finanzierten dort Konsum und Investition. Korrespondierend dazu konnten wir mehr exportieren als importieren.

Die Verluste im Zuge der Finanzkrise werden auf 600 Milliarden geschätzt

Soweit so gut, könnte man anmerken, bauen wir doch damit Forderungen an das Ausland auf, die wir dann, wenn wir das Geld mal brauchen, zum Beispiel um Renten zu bezahlen, wieder abbauen. Idealerweise legen wir das Geld sogar so an, dass wir deutlich mehr zurückbekommen, als wir verliehen haben. Doch genau danach sieht es nicht aus. Schon in der Subprime Krise verloren die deutschen Kapitalsammelstellen – also all jene Institutionen, deren Aufgabe es ist, Geld zu verwalten und zu vermehren – 400 Milliarden Euro. Insgesamt werden die Verluste alleine im Zuge der Finanzkrise auf 600 Milliarden geschätzt.

So sieht die Geldanlage der Deutschen aus

  • Lebensversicherung

    35 Prozent der Deutschen haben eine Lebensversicherung abgeschlossen.

  • Bausparvertrag

    Fast ebenso viele, nämlich 32 Prozent, besitzen einen Bausparvertrag oder Bausparplan.

  • Tagesgeld

    In Deutschland besitzen 29 Prozent der Bürger ein Tagesgeldkonto.

  • Immobilien

    Ebenso viele, nämlich 29 Prozent, sehen ihre Immobilie als Geldanlage an.

  • Fondsanteile, Festgeld, Aktien

    20 Prozent besitzen Fondsanteile, 17 Prozent Festgeld/Termingeld und 12 Prozent Aktien.

  • Edelmetalle

    Deutlich geringer ist dagegen der Anteil der Edelmetallbesitzer: sieben Prozent haben in Goldbarren oder -münzen investiert und vier Prozent zählen Silberbarren oder -münzen zu ihrem Besitz.

  • Kunst und Antiquitäten

    Sechs Prozent sehen ihre Antiquitäten (z. B. einen sehr alten Schrank) als Geldanlage und vier Prozent besitzen wertvolle Kunstgegenstände.

  • Anleihen und Zertifikate

    Jeweils zwei Prozent haben Geld in Anleihen bzw. Zertifikate angelegt.

Falsche Perspektive vom Exportweltmeister nährt die Illusion von Wohlstand

Selbst der Zahlungsverkehr zwischen den Euroländern, der über das sogenannte Target II-System der Notenbanken abgerechnet wird, kann den deutschen Steuerzahlern noch Verluste einbringen. So liegen die Target II Forderungen der Bundesbank an die anderen Notenbanken im Eurosystem bei atemberaubenden 605 Milliarden Euro. Die werden kaum beglichen werden, wenn eines der Länder mit negativem Saldo wegbrechen sollte. So nährt die falsche Perspektive vom Exportweltmeister die Illusion von Wohlstand.

 

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14 Kommentare zu Stelter strategisch : Der dumme deutsche Sparer

  • In diesem Zusammenhang sollte Erwähnung finden, daß das Vermögen der Südeuropäer im wesentlichen aus Immobilienbesitz besteht.

    Wie sich diese Werte angesichts stagnierender Wirtschaftsleistung und hoher Jugendarbeitslosigkeit zukünftig entwickeln, überlasse ich der Phantasie des geneigten Lesers.

    Ich will in diesem Zusammenhang nur anmerken, daß in Griechenland Immobilien teilweise hohe Wertverluste im Rahmen der aktuellen Krise erlitten haben, da niemand mehr Gewerbeimmobilien anmietet bzw. Wohnimmobilien nur noch im untersten Preissegment zu vermieten sind, einfach deshalb, weil die normalen Leute kaum noch Geld haben. Da die Bewertung von vermieteten Immobilien meist als ein Vielfaches der erzielten bzw. erzielbaren Jahresmiete ausgedrückt wird (Ertragswertbetrachtung).

  • Warum steigen die TargetII Salden bei Anleihekäufen der EZB? Das kann uns Herr Stelter sicher schnell erklären. Dahinter stehen aber gar keine "echten" Forderungen, sondern nur banktechnische Verrechnungen. Liest noch jemand Bundesbankberichte?

  • Wer sich im Euro nicht gut aufgehoben fühlt, der kann sich von seiner Bank Währungskonten einrichten lassen, so daß er börsentäglich seine Guthaben in eine andere Währung zu tauschen vermag.

    Alle Hartwährungen international werden kaum zeitgleich untergehen, um die geäußerten Sorgen des Autors etwas zu relativieren.

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