Stelter strategisch: Die EZB ist Gefangene der eigenen Politik

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EZB in der Sackgasse: Ohne weiter Geld in die Märkte zu pumpen, geht es nicht.

Kolumne von Daniel Stelter

Die aufgeregte Debatte um den EZB-Entscheid ist müßig. Die EZB hat gar keine andere Wahl, als Vollgas zu geben und weiter Geld in die Märkte zu pumpen, will sie sich selbst erhalten. Eine Kolumne.

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie viele Appelle es von (mehrheitlich deutschen) Volkswirten an die EZB gibt, heute doch bitte nicht eine weitere Lockerung der Geldpolitik zu beschließen. Deflationsgefahr gäbe es doch nicht, der Reformwille würde geschwächt und überhaupt wäre die Geldpolitik doch nicht mehr wirkungsvoll, ist doch Geld schon so billig wie seit Jahrhunderten nicht. Stimmt zwar alles, geht aber am Thema vorbei.

Wer gegen die Politik der EZB ist, muss sagen, was er stattdessen will. Der Weg zurück zu normaler Geldpolitik und normalen Zinsen ist nämlich nur denkbar, wenn wir die Ursachen beseitigen: die untragbaren Schuldenlasten und die dysfunktionale Eurozone. Ersteres ist mit empfindlichen Einbußen für Gläubiger und Steuerzahler verbunden, zweiteres mit einem Offenbarungseid für die Regierungen Europas. Beides nicht populär und nicht schmerzlos.

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Zum Autor

  • Daniel Stelter

    Daniel Stelter war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Seit 2007 berät Stelter internationale Unternehmen zu den Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Zusammen mit David Rhodes verfasste er das 2010 preisgekrönte Buch „Nach der Krise ist vor dem Aufschwung“. Weitere Bücher folgten, so eine Replik auf das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty unter dem Titel „Die Schulden im 21. Jahrhundert“. Im Februar 2016 erscheint sein neues Buch, „ Eiszeit in der Weltwirtschaft“. Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums „Beyond the Obvious“, das Antworten auf die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen unserer Zeit sucht.

Wir sind überschuldet

2008 war keine normale Krise. Es war auch keine „Finanzkrise“. Es war der Beinahe-Kollaps unseres Wirtschaftssystems, welches von immer mehr und immer billigeren Schulden abhängt. Wie ein Heroinsüchtiger braucht die Weltwirtschaft eine immer größere Dosis an billigem Geld. Wachsen die Schulden nicht mehr, bricht alles zusammen.

Schulden sind solange kein Problem, wie der Schuldner die Absicht hat, Zinsen und Tilgung aus dem Einkommen zu bestreiten. Ich nenne sie „produktive Schulden“. Dies gilt für Investitionen und einen Teil der privaten Kredite. Je größer der Anteil der unproduktiven Kredite, bei denen die Schuldner hoffen, Tilgung und Zinsen aus der Wertsteigerung zu bedienen, desto krisenanfälliger wird das System. In den vergangenen drei Jahrzehnten blieben die produktiven Kredite relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) konstant. Die unproduktiven Schulden haben sich währenddessen vervielfacht. Immer mehr Schulden sind also Spekulation.

Überall liegt die Gesamtverschuldung von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten relativ zum BIP höher als 2007. Neueste Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich unterstreichen die Dynamik.

• Die Industrieländer haben relativ zum BIP 36 Prozent mehr Schulden als 2007. Spitzenreiter sind Japan (77), Frankreich (72), Italien (53), Schweden (52) und Spanien (50 Prozent). Soviel zum vermeintlichen „Sparen“.
• Die Schwellenländer haben im Schnitt ihre Verschuldung seit 2007 um immerhin 50 Prozent des BIP gesteigert. Angeführt von China (82), Singapur (59), Korea (40), Thailand (37), Russland (33), Malaysia und Brasilien (32) und der Türkei (30 Prozent).

Hinter diesem weiteren Schuldenanstieg stehen zwei Treiber. Zum einen war es die chinesische Regierung, die aus Angst vor sozialen Konflikten mit einer wahren Schuldenorgie auf die Krise von 2008 reagiert hat. Um 21 Billionen US-Dollar wuchs der Schuldenberg, während die Wirtschaft um fünf Billionen wuchs. Mindestens sechs Billionen US-Dollar wurden nach Schätzungen in den Sand gesetzt.

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