Stelter strategisch: Die Finanzmärkte sind im Paralleluniversum

kolumneStelter strategisch: Die Finanzmärkte sind im Paralleluniversum

Kolumne von Daniel Stelter

Erst seit ein paar Tagen merken wir auch am Wetter, dass Sommer ist. An den Finanzmärkten hingegen scheint die Sonne offensichtlich ewig. Wirklich?

Putsch (egal ob echt oder inszeniert) in der Türkei, Krieg in der Ukraine, Bürgerkrieg in Syrien, Terror nicht nur in Frankreich, Spannungen im "südchinesischen" Meer, demographische Bombe im Nahen Osten und Afrika, Überalterung in Europa, Krise der Rohstoffexporteure, zunehmender Protektionismus, schwaches Wachstum von Weltwirtschaft und -handel, Überschuldung weiter Teile der Welt, sinkende Produktivität trotz technologischer Revolution, Brexit und dysfunktionale EU, notleidende italienische Banken, gescheiterter Euro, überforderte Politiker und Zulauf für Populisten und Extremisten… Die Liste der Probleme ist nicht mal vollständig.

Natürlich stimmt es auch, dass es der Menschheit trotz dieser Aufreihung noch nie so gut ging wie heute. Viel weniger Menschen sterben durch Terror und Krieg, viel weniger verhungern, viel mehr konnten sich aus Armut befreien, und die weltweite Ungleichheit ist so gering, wie seit der industriellen Revolution nicht mehr (innerhalb der Länder hat sie allerdings wieder zugenommen).  Doch ist das Grund genug, um die Aktienmärkte auf luftige Höhen zu treiben, und die Anleihenmärkte gleich mit?

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Wenn dann doch eines der oben genannten Themen wieder für kurze Zeit in den Vordergrund tritt, endet es jedes Mal sogar mit einer Verstärkung dieser Anomalie: Während die Aktienmärkte für ein paar Tage fallen, nur um wenig später ungerührt wieder nach oben zu streben, steigen ebenfalls die Kurse von Währungen und Anleihen, die als "sicher" gelten.

Helikoptergeld Wenn's nicht anders geht, lassen wir halt Geld regnen

In Europa war die Europäische Zentralbank (EZB) froh, als die Diskussion ums Helikoptergeld wieder verebbte. Eine hochrangige Fed-Politikern holt das Konzept nun wieder hervor.

Geld für alle - kommt das Helikoptergeld doch noch? Quelle: dpa

Mit Blick auf die Schweiz, wo für 50-jährige Staatsanleihen mittlerweile auch eine Aufbewahrungsgebühr in Form negativer Zinsen anfällt, mag dies noch verständlich sein. Doch im Falle von Japan, einem Land, welches überschuldet in eine sich beschleunigende Schrumpf-Vergreisung übergeht, von einem "sicheren" Investment zu sprechen, ist blanker Hohn. Das einzige was sicher ist, ist die völlige Monetarisierung der Staatsschulden nach vorherigem Einsatz der geldpolitischen Helikopter zum Flächenbombardement.

Wer dem deutschen Staat mit

  • ungedeckten Verbindlichkeiten für Renten- und Gesundheitsleistungen in der Größenordnung von rund 400 Prozent des BIP,
  • gigantischen latenten Lasten zur Euro-"Rettung",
  • einer verfehlten Einwanderungspolitik, die die Kosten weiter erhöht, statt die Lasten einer ebenfalls schrumpfenden und überalternden Gesellschaft zu tragen,
  • einer politischen Führung, die mehr darauf aus ist, vorhandenen Wohlstand zu verteilen, statt neuen zu schaffen,

Geld dafür bezahlt, dass er ihm dieses für 10 Jahre leiht, dem ist nicht mehr zu helfen!

Stelter Strategisch Die Notenbanken und der nackte Kaiser

Die Banken Europas sind insolvent, weil die Realwirtschaft pleite ist. Unangenehm für Gläubiger und gefährlich für die Konjunktur. Deshalb bewundern wir weiter des Kaisers Kleider, obwohl er nackt ist. 

Das Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Quelle: dpa

Natürlich ist das Geld dort sicherer aufbewahrt als auf dem Bankkonto, nicht nur in Italien, sondern in der ganzen Eurozone. Natürlich kann man auf eine breite Deflation und damit positive Realzinsen setzen, nur muss jedem klar sein, dass in diesem Fall mit einer werthaltigen Rückzahlung nicht zu rechnen ist. Auch in der Eurozone muss es zu einem Ausgleich zwischen Gläubigern und Schuldnern kommen – entweder organisiert, chaotisch oder über Inflation. Die Helikopter laufen sich auch hier warm. Egal wie, der Gläubiger verliert in dem Spiel immer. Und der Gläubiger sind wir.

Verglichen damit sind US-Staatsanleihen durchaus attraktiv. Zwar ist der Zins für 10-jährige in den letzten Wochen auch unter zwei Prozent gesunken. Ein Blick auf Gesamtverschuldung (tiefer), Wachstum (höher), Demografie (günstiger), Innovationskraft (besser) und Attraktivität für qualifizierte Zuwanderer (deutlich höher) genügt, um in den USA trotz aller Probleme den besseren Schuldner zu sehen. Der berühmte Einäugige unter den Blinden.

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