Verkehrte (Finanz)welt: Keine Angst vorm Robo-Advisor

kolumneVerkehrte (Finanz)welt: Keine Angst vorm Robo-Advisor

Kolumne

Die digitale Disruption der Finanzwelt ist in vollem Gange, Anleger können auf Apps und Software zugreifen, um ihre Finanzentscheidungen zu treffen. Brauchen wir in Zukunft keine menschliche Beratung mehr?

In vielen Branchen wächst die Hoffnung, aber auch die Angst, dass Algorithmen die Aufgaben von selbst hoch-ausgebildetem Personal übernehmen könnten. Diese „neue Industrialisierung“ könnte zu einem enormen Wandel in der Wirtschaft sowie der Gesellschaft führen.

Grundlegende Umwälzung

Die Vermögensverwaltung – lange ein sicherer Hafen, dem Maschinen, Roboter und Computer wenig anhaben konnten – steht nun vor einer grundlegenden Umwälzung. Seit etwa 2008, als sich in den USA die ersten entsprechenden Firmen gründeten, gibt es bereits sogenannte Robo-Advisor oder Algorithmen-gesteuerte Vermögensverwalter. Dabei handelt es sich um Vermögensverwalter, die automatisiert eine vom Kunden angegebene Risikobereitschaft in eine spezifisch angepasste Anlagestrategie umsetzen. Statt persönlicher Berater steuern Algorithmen die Allokation, die auf historischen Daten sowie fixen Regeln beispielsweise zur Steueroptimierung basieren und das Portfolio kontinuierlich anpassen. Einige Anbieter nutzen dazu Modelle, welche die Allokation taktisch anpassen und etwa den Aktienanteil reduzieren, wenn Risikoindikatoren hoch stehen.

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Boris Bernstein, CFA, ist Director Principal Investments bei Goetzpartners sowie Vizepräsident der CFA Society Germany. Quelle: Presse

Boris Bernstein, CFA, ist Director Principal Investments bei Goetzpartners sowie Vizepräsident der CFA Society Germany.

Bild: Presse

Die zusammengesetzten Portfolien der Robo-Advisor bestehen meistens aus Indexfonds oder ETFs und die Gebühren sind üblicherweise deutlich geringer als bei traditionellen Finanzberatern. Laut Goldman Sachs werden inzwischen schon 40 Prozent der US-Aktien in dieser Form passiv gemanagt und Bloomberg meldete zuletzt, dass es in den USA bereits mehr Indizes als Aktien gibt. Der Trend geht zu möglichst kostengünstigen Geldanlagen – eine Marktbewegung, die in Zeiten niedriger Zinsen noch zusätzlichen Schwung bekommt. Robo-Advisor sind hier nur der nächste logische Schritt. Für die Anleger bieten sie erhebliche Vorteile wie Effizienz sowie (zumindest oberflächlich) Freiheit von Interessenkonflikten oder menschlicher Befangenheit.

So zeigen auch Venture Capital-Investoren zunehmendes Interesse an den neuesten Innovationen in Sachen Robo-Advice. Allein in den vergangenen fünf Jahren haben über 100 Robo-Advisor weltweit 1,3 Milliarden US-Dollar an Wagniskapital eingesammelt, knapp unter 20 Prozent davon in Europa.

Robo-Advisor in Deutschland: Asset Under Management

  • 2015

    102 Mio. US-Dollar

    Quelle: Statista

  • 2016

    191 Mio. US-Dollar

  • 2017

    375 Mio. US-Dollar

  • 2018

    643 Mio. US-Dollar

  • 2019

    948 Mio. US-Dollar

  • 2020

    1243 Mio. US-Dollar

  • 2021

    1499 Mio. US-Dollar

Kannibalisierung des Marktes?

Werden Robo-Advisor also die traditionelle Vermögensverwaltung ablösen? Werden wir in der Zukunft riesige, eigenständige Robo-Advising Firmen sehen? Noch ist es zu früh, um bereits ein Urteil über die weitere Entwicklung des Marktes zu fällen. Dennoch gibt es bereits Anzeichen, dass Robo-Advice eher neue Marktsegmente erschließen wird als einfach existierende Märkte zu kannibalisieren.

Robo-Advisor in Deutschland: Nutzer

  • 2015

    10.000

    Quelle: Statista

  • 2016

    10.000

  • 2017

    20.000

  • 2018

    40.000

  • 2019

    50.000

  • 2020

    60.000

  • 2021

    70.000

Robo-Advisors haben bisher Kunden angeworben, die unter der Schwelle der traditionellen Vermögensverwalter liegen. So bietet Scalable Capital in Deutschland Portfolien ab einem Einsatz von 10.000 Euro an. Die meisten Wettbewerber bieten vergleichbare Mindestsummen an. Laut Statista hat der durchschnittliche Anleger im Jahr 2017 bei deutschen Robo-Advice-Vehikeln knapp unter 15.000 Euro im Depot. Zum Vergleich: Laut dem Institut für Vermögensverwaltung der Hochschule Aschaffenburg liegt der Wert für traditionelle Vermögensverwalter bei knapp über 1 Million Euro. Es scheint sich daher ein neues Marktsegment zu öffnen für Kunden, die entweder noch gar nicht investiert hatten oder ihr Geld bis jetzt selbst verwaltet haben.

Dass das neue Angebot Mehrwert bringen kann, haben auch die Regulatoren erkannt. In einer öffentlichen Diskussion hat Steven Maijoor, Vorsitzender der European Securities and Markets Authority (ESMA), die Industrie ermutigt algorithmenbasierte Produkte anzubieten. Es wird sicher spannend zu beobachten, ob die Akzeptanz sich weiter ausbreitet von den ‘Early Adopters’ unter Technologie-affinen Akademikern auf ein breiteres Publikum. Wichtig wird sein, wie sich die Algorithmen generell und insbesondere in der nächsten Finanzmarktkrise schlagen werden. Bis jetzt fehlt hier die Erfahrung und Transparenz. Zudem ist die Qualität der Anbieter stark unterschiedlich.

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