Verlustreiche Euro-Franken-Wetten: Die Tricks der Broker beim Schweizer Börsenchaos

Verlustreiche Euro-Franken-Wetten: Die Tricks der Broker beim Schweizer Börsenchaos

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Private Geldanleger, die auf einen starken Euro wetteten, verloren teilweise trotz Kurslimit viel Geld in nur wenigen Minuten.

von Annina Reimann

Als der Schweizer Franken im Januar massiv stieg, stockte der Börsenhandel. Selbst Anleger, die nur wenig Geld auf einen starken Euro gesetzt haben, sehen sich horrenden Verlusten gegenüber. Sind die Broker schuld?

Plötzlich scheint Klicken sinnlos. Die Preise auf dem Bildschirm sind wie festgefroren, ein Verkauf seiner Franken-Euro-Papiere über das Online-Konto der DAB Bank ist für Anleger Roland Schneider* unmöglich. Der 40-Jährige wechselt auf die Internet-Seite einer anderen Bank – und kann live verfolgen, wie der Euro zum Schweizer Franken binnen kurzer Zeit fast 30 Prozent an Wert verliert.

Der Grund: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte überraschend verkündet, dass sie den Franken nicht mehr auf dem Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro halten werde. Schneider gerät in Panik. Er hat auf einen zum Franken steigenden Euro gesetzt, mit Papieren, die die Wechselkursbewegung um das 50-Fache verstärken – sein Verlust potenziert sich gerade. Als die DAB wieder Kurse anzeigt, liegt sein Konto mit 85.000 Euro im Minus.

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Statements zur Franken-Freigabe der Schweizer Notenbank

  • "Entscheidung war längst überfällig"

    "Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen."

    DIW-Präsident Marcel Fratzscher

  • "Ein Zusammenhang mit den EZB-Maßnahmen liegt auf der Hand"

    „Ein Zusammenhang mit den zu erwartenden zusätzlichen geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank liegt auf der Hand. Dies nicht zuletzt auch deshalb, als das von der SNB im Dezember eingeführte Instrument der negativen Zinsen genau am 22. Januar in Kraft tritt, exakt am Tag der EZB Entscheidung“
    Joachim Corbach, Währungsexperte der Fondsgesellschaft Swiss & Global Asset Management in Zürich

  • "Wirft ein schlechtes Licht auf die Lage der Eurozone“

    Mit der Freigabe des Wechselkurses läuft die SNB nun Gefahr, dass der Schweizer Franken
    massiv aufwertet. […] Bereits kurz nach der Entscheidung hat
    die SNB am Devisenmarkt interveniert, um die Aufwertung zu bremsen. […] Tatsächlich dürften sich die Schweizer Währungshüter von der Geldpolitik der EZB befreien wollen.[…] Damit könnte die SNB wieder eine unabhängige Geldpolitik betreiben. Letztlich wirft der heutige Schritt damit vor allem ein schlechtes Bild auf die Lage in der Eurozone“.

    Christoph Weil, Analyst Commerzbank

  • „Euro wird nicht ins Bodenlose fallen“

    Mit der unerwarteten Aufhebung des Mindestkurses riskiert die SNB nun ihre Glaubwürdigkeit. Schließlich versicherte sie bis zuletzt, dass der Mindestkurs zum Euro der zentrale geldpolitische Pfeiler sei. […]
    Auch wenn es nun keinen expliziten Mindestkurs zum Euro mehr gibt, dürfte die SNB auch in Zukunft den Franken nicht ins Bodenlose fallen lassen. […] Weitere Interventionen am Devisenmarkt hatte die SNB "bei Bedarf" explizit nicht ausgeschlossen.[…] Sollte sich der Kurs im Zuge eines voraussichtlichen Beschlusses der EZB, Staatsanleihen aufzukaufen und einer unübersichtlichen politischen Lage in Griechenland im Zuge der Neuwahlen (25. Januar) wieder merklich unter Parität bewegen, rechnen wir kurzfristig mit weiteren Deviseninterventionen der SNB.

    Manuel Andersch, BayernLB

  • „Schweizer Notenbank wird stärker am Devisenmarkt intervenieren müssen“

    Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Schweizer Franken immer eine der Währungen ist, die in Zeiten von Risikovermeidung, als sicherer Hafen dienen […] Die heutige Entscheidung geht auf die Kosten zukünftiger fester Wechselkursversprechen, in denen die SNB weniger glaubwürdig erscheinen wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie eine solche Maßnahme in den nächsten Jahren wiederholt. Folglich wird die SNB noch stärker auf den Devisenmärkten intervenieren müssen.“

    Karsten Junius, Chef-Ökonom der Bank J. Safra Sarasin

  • "Ein Befreiungsschlag der SNB"

    „Das ist ein überraschender Schritt der SNB. [...] Sie hätte aber auch eine sanftere Abkehr wählen können, etwa über eine Bindung an einen Währungskorb. Der völlige und abrupte Rückzug erscheint aktuell kontraproduktiv für die EZB. Es ist auch ein Befreiungsschlag der SNB. Sie kann sich nun wieder auf ihr geldpolitisches Mandat und die Makroökonomie konzentrieren. Die Frage ist nun, was das für die Realwirtschaft bedeutet. Der starke Ölpreisverfall zusammen mit `flash crash`-Aufwertung des Franken birgt eine sehr große Deflationsgefahr. Die Schweizer Unternehmen verlieren stark an Wettbewerbsfähigkeit. Und in der Finanzindustrie könnte es einige Investoren auf dem falschen Fuß erwischt haben. Auf das Vertrauen in Zentralbanken eine Anlagestrategie aufzubauen, ist hoch problematisch. Und natürlich stellt sich nun die Frage: Wie vertrauenswürdig sind Zentralbanken?“

    Dirk Aufderheide, Chief Currency Strategist Active der Deutschen Asset & Wealth Management (Deutsche AWM)

  • "Nach Übertreibungsphase wieder höher Kursniveaus"

    "Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. Die Bevölkerung zeigt gegenüber dem Aufbau hoher Fremdwährungsbestände in Euro Skepsis. Letztlich hatte die SNB damit auch ein Legitimationsproblem.
    Zwar schreibt die SNB, dass die Schweizer Exportwirtschaft sich auf die neue Situation einstellen konnte, doch ob die Unternehmen mit Kursen von 0,92 gegenüber dem Euro klar kommen, bleibt fraglich. Da der Schweizer Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro/Franken einstellen."

    Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Group (Liechtenstein)

  • "Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen"

    "Die Schweizer haben das Ausmaß der europäischen Probleme und die Trägheit der europäischen Politik unterschätzt. Die Schweizer Nationalbank ist ursprünglich davon aus gegangen, dass Europa seine Hausaufgaben machen und Strukturreformen durchführen würde. Das ist nicht schnell genug passiert. Hierdurch verlor der Euro gegenüber dem US-Dollar bedeutend an Wert. Die Mindestkopplung zwischen Euro und Schweizer Franken zog den Franken mit in die Tiefe.
    Würde die Schweizer Nationalbank die Mindestkopplung weiter durchsetzen, müsste sie ihre Bilanz viel weiter aufblähen, als ursprünglich erwartet. Nach eigener Aussage wäre ihr das auf Dauer nicht nachhaltig möglich gewesen. Die Divergenz in der wirtschaftlichen Entwicklung von Europa und den USA hat die Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen."

    Marcel van Leeuwen, Geschäftsführer der DWPT Deutsche Wertpapiertreuhand GmbH

  • "Weckruf für Investoren, Zentralbanken nicht zu trauen"

    "Für uns ist dieser Paukenschlag folgerichtig. Die Schweizer wollen angesichts der aggressiven Geldpolitik der EZB, die erwartungsgemäß diese Woche einen Freibrief vorm Europäischen Gerichtshof für ihre Staatsanleihenkäufe ausgestellt bekam, mit dem Euro keine Schicksalsgemeinschaft bilden. [...] Der Schritt unterstreicht, dass Draghi in diesem Jahr "aus allen Rohren feuern" wird und die Schweizer diesen Schritt nicht mitgehen wollen! Sie wissen um die langfristig verheerenden Folgen dieser Politik. Viele Investoren hatten sich auf den Mindestkurs des Schweizer Franken zum Euro verlassen und dürften jetzt massive Verluste erleiden. Der heutige Schritt zeigt ein weiteres Mal: Wir dürfen den Versprechen der Zentralbanken nicht Glauben schenken!
    Ohnehin werden wir nicht müde, ständig den Ausspruch Marc Fabers zu zitieren: "Wer sein Gold verkauft, vertraut den Regierungen". Der heutige Paukenschlag der Schweizer Notenbank ist somit ein Weckruf für die Investoren, Zentralbanken und Regierungen nicht zu vertrauen! Gold und Silber verbriefen kein Schuldversprechen eines Dritten und sind das Investment für diejenigen, die Zentralbanken und Regierungen einen gesunden und völlig berechtigten Argwohn entgegenbringen."

    Thorsten Schulte alias "Silberjunge" in einer Sondermitteilung an seine Leser

  • "Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben"

    „Inhaltlich kann man den Schweizern ihre Entscheidung kaum übel nehmen. Die EZB hat den Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben und wird in Kürze ein Programm zur quantitativen Lockerung bekannt geben, in dessen Rahmen sie europäische Staatsanleihen aufkaufen wird. Tendenziell wird der Euro dadurch weiter geschwächt. Hätte die SNB ihre Bindung an den Euro aufrecht erhalten, wäre der Franken immer mehr zum rot-weiß lackierten Euro geworden. Natürlich hätte man von vornherein die Untergrenze gar nicht erst einziehen dürfen.“

    Daniel Kühn, Chefredateur des Finanzportals Godmode Trader

Den Verlust soll er nun ausgleichen. „Ich bin baff“, sagt der Jurist. Seiner Frau hat er nicht gebeichtet, er kämpft um sein Geld.

Kunden der Broker IG Markets, der dänischen Saxo-Bank und von CMC Markets geht es ähnlich. Einer liegt sogar mit über 280.000 Euro im Minus. Broker und Banken verlangen jetzt den Ausgleich der Konten, Kunden streiten sich mit ihnen um Verluste und gepfändete Guthaben. Einigen droht gar die Privatinsolvenz.

Ins Minus sind Anleger gerutscht, weil ihre Geschäfte gehebelt waren. Wer mit Hebeln handelt, kann mit kleinen Beträgen hohe Gewinne oder Verluste einfahren. Anleger überlassen dem Broker nur eine Sicherheit (Margin), etwa ein Prozent der Summe, mit der sie spekulieren wollen. Wer 5.000 Euro hinterlegt, kann bei einem Hebel von 100 Devisen im Wert von einer halben Million Euro handeln. Broker räumen Kunden damit hohe Kredite ein – ohne deren Zahlungsfähigkeit zu prüfen.

Millionen Euro verzockt

Anleger wetten auf kleinste Preisänderungen, der Kredit hebelt die Rendite. Verändert sich der Kurs um ein Prozent, hat der Anleger sein eingesetztes Kapital verdoppelt – oder verloren. Ist die Margin aufgebraucht, fordert die Bank frisches Geld, oder sie löst die Geschäfte des Kunden auf. Letzteres war am 15. Januar, dem Tag der SNB-Entscheidung, nicht immer sofort möglich. Der Markt, zeigen Handelsdaten, war im Ausnahmezustand. Alle betreten Neuland: Darf eine Bank etwa ausgeführte Geschäfte nachträglich korrigieren?

Franken-Schock Schweizer Börse weiter im Crash

Die Turbulenzen um die Frankenaufwertung halten an. Experten warnen vor Schieflage von Hedgefonds.

Die Schweizerische Nationalbank, SNB, in Bern. Quelle: dpa

Es geht auch für Broker um Millionen – denn wenn Kunden Verluste nicht ausgleichen, können die beim Broker hängenbleiben. Der britische Devisenbroker Alpari etwa schlitterte so in die Insolvenz. „Wenn ein Kunde den Verlust nicht tragen kann, wird er an uns weitergegeben“, so Alpari. Saxo beziffert das Risiko aus dem Euro-Franken-Desaster auf bis zu 94 Millionen Euro, der britische Broker IG Markets geht von umgerechnet bis zu 42 Millionen Euro Miesen aus, der US-Broker FXCM beziffert das Minus auf 276 Millionen US-Dollar.

*Name von der Redaktion geändert

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7 Kommentare zu Verlustreiche Euro-Franken-Wetten: Die Tricks der Broker beim Schweizer Börsenchaos

  • Das sind mir immer die Richtigen, hochgehebelt Zocken und wenn es schief geht, Jammern. Aber die Gewinne einstreichen wollen.
    O.K. das kennen wir auch von der Finanzindustrie.

  • Sprichwörtlicher Casino-Kapitalismus.

    Ich will gar nicht wissen, was sich für wirtschaftliche Schicksale - im positiven wie im negativen - hinter den Preissprüngen von Rohstoffen, die teiweise 10% am Tag wie jüngst bei Öl oder Silber betragen, verbergen.

    Preisbewegungen bei Währungen sollte man auch nicht mehr unbedingt hebeln, zumindest nicht in die falsche Richtung, seit sie mehrere Prozent am Tag in großen Weltleitwährungen betragen.

  • Scheint jedoch als wenn IG seinen Kunden in vergleich zu anderen Brokern schlechtere Kurse abgerechnet hat. Bin ich froh dass ich kein IG Kunde bin und mein Konto bei einen schweizer Broker habe. So weit ich weiss ist IG ein Market-Maker sprich die Gegenpartei der CFD Wette (welche nicht an einer Boerse gehandelt warden) also macht die Ausage das sie keine Kaufer finden konnte keinen Sinn. Ausserdem sagt IG dass es mehr Banken als Handelspartner al sander Broker hat:
    "we deal with a considerable number of major liquidity providers – more than most of our competitors"  says Kieran McKinney, director of investor relations at IG Group
    http://www.fxweek.com/fx-week/news/2400581/ig-under-fire-from-clients-with-huge-negative-balances

    1) IG @0.9250
    2) FX Pro @ 1.11
    3) CMC @ 1.00684
    4) Swissquote @ 1.06
    5.)Activtrades @ 1.10
    6) FXFlat @ 1.044
    7) WH Selfinvest @ 1.044
    8) Dukascopy @ 1.03 9
    9.)ETX @ 1.06
    10.)Fineco @1,01
    11.) Avatrade @ 1.0450
    12.)Gain @ 1.04
    13.)fxcm @ 1.05
    14.)saxo @ 0.96
    Quelle
    http://forexmagnates.com/fxcm-publishes-data-of-snb-mishandling-of-the-swiss-franc/
    Es stimmt auch nicht dass es in den ersten paar Minuten nach der SNB Entscheidung keine Kaufer gab. Ausser JFB, welche hier erwaehnt wurden wird auch in einen anderen Artikel auf Forex Magnet wird davon gesprochen dass FXCM 200 Mio zu Kursen zwischen 1.20 – 1.17 innerhalb 1 minute nach der SNB entscheidung gehandelt hat

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