
HSBC Trinkaus hat bei einer ganzen Reihe von deutschen und internationalen Banken Kreditlinien. Das heißt, Lanzi und die Kollegen dieser Banken helfen sich, sofern sie selbst Überschüsse haben, jederzeit gegenseitig mit Geld aus. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers kappten viele Banken ihre Kreditlinien untereinander. „Es gibt unter Banken nach wie vor große Hemmungen, sich gegenseitig Geld zu leihen“, sagt Lanzi. Vor Lehman gaben sich Banken Liquidität in „Tickets“ von bis zu einer Milliarde Euro. „Da jedoch bei Zahlungsschwierigkeiten immer das komplette Ticket ausfällt, werden große Kredite heute gesplittet und meist nur noch in kleineren Tranchen gehandelt“, sagt Lanzi.
Über das Chatprogramm schreibt er jetzt zeitgleich fünf weitere Banken an. Sie sitzen im europäischen Ausland – Asien hat schon Feierabend. Beim Chatten verwendet er fast nur Abkürzungen. Das System erkennt diese, ergänzt die Worte oder schlägt komplette Sätze vor. Alles auf Englisch und extrem standardisiert, um Missverständnisse zu vermeiden. Lanzi wirkt ganz ruhig, aber das energische Hacken auf der Tastatur verrät seine Anspannung. Die anderen Geldhändler rund um die Welt antworten nach wenigen Sekunden. Immer wieder poppen auch Anfragen an Lanzi nach Krediten auf. Heute kann er nicht helfen, er ist selbst auf der Suche.
Bereits um 17.29 hat er 155 Millionen Euro zusammen.
Noch bevor Lanzi einen weiteren Übernachtkredit an Land ziehen kann, klingelt das Telefon zweimal kurz. Lanzis Hand schnellt zum Hörer. Der Geldhändler, den er vorhin nicht erreichte, hat sein anderes Gespräch beendet. Lanzi und sein Gegenüber tauschen sich kurz über die Lage auf dem Geldmarkt aus. Dann fragt Lanzi nach Geld. 80 Millionen kann er bis morgen haben, für 800 Euro Zinsen.
Um ein paar Euro Zinsen wird bei Übernachtkrediten kaum gehandelt. Denn der finanzielle Vorteil ist nicht der Hauptgrund für Lanzis Arbeit. Da der Großteil des Zahlungsverkehrs elektronisch stattfindet, wandert die Liquidität größtenteils nur zwischen den Banken hin und her. Wenn eine Bank ein Defizit hat, hat eine andere Bank einen Überschuss. Würden Banken sich aber abends immer dann Geld bei der Bundesbank borgen, wenn sie gerade welches benötigen, würde sich diese fragen, ob die Bank ihre Liquiditätsplanung wirklich im Griff hat. „Das möchten die Banken verhindern, deswegen sind wir alle bemüht, unsere Liquidität ohne die Zentralbanken zu managen“, sagt Lanzi.
Es läuft weiter gut für ihn. HSBC Trinkaus gilt als zuverlässig, wird von den Ratingagenturen auch in der Krise als immer zahlungsfähig eingeschätzt. Über den Chat meldet sich eine US-Bank. Sie will 25 Millionen verleihen. Noch während des Telefonats bestätigt Lanzi das Angebot. Im Kopf rechnet er zusammen: 155 Millionen Euro. Es ist 17.29 Uhr.
Lanzi drückt jetzt die Taste für die Standleitung zu einem Broker. Broker vermitteln Kredite gegen Provision und werden von allen Banken regelmäßig beauftragt. „Sie haben den besten Überblick über die Liquiditätsverteilung im Markt“, sagt Lanzi. Besonders seit Ausbruch der Krise seien sie eine große Hilfe. Vorher veröffentlichten die Banken auf der elektronischen Plattform E-Mid laufend ihre Liquiditätsangebote und -gesuche, was den Geldhandel einfach und transparent machte. Doch als immer mehr Banken faule Wertpapiere in ihren Bilanzen entdeckten und der Liquiditätsbedarf stieg, trauten sie sich nicht mehr, ihren erhöhten Bedarf öffentlich zu machen – aus Angst, sie könnten als demnächst zahlungsunfähig angesehen werden.
Der Broker meldet sich nach wenigen Minuten. Eine französische Bank würde Lanzi für 412 Euro Zinsen die restlichen 45 Millionen leihen. Lanzi lässt sich durchstellen. Das Angebot gilt, Lanzi bedankt sich. Auf seinem zweiten Monitor ruft er nebenbei die Bestätigungsmeldungen der anderen Banken auf. Das erste Geld ist schon da. Lanzi schaut auf die Uhr: 17.40 Uhr. Er entspannt sich, stützt den rechten Arm mit dem Hörer in der Hand auf dem Schreibtisch auf.
„Seit über fünf Jahren stimmt unser Saldo rechtzeitig vor Feierabend, sodass wir keinen Bundesbankkredit in Anspruch nehmen mussten“, sagt er zufrieden. Für heute hat Lanzi seine Pflicht als Schatzmeister getan.









- als Spam melden
- antworten
Alle Kommentare lesen23.06.2010, 14:28 UhrAnonymer Benutzer: dasbewegtdiewelt.de
Keine andere Seite bringt die Dinge so ehrlich, einfach, sachlich korrekt und unterhaltsam genau auf den Punkt wie:
www.dasbewegtdiewelt.de