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Geldhandel: Der Geldhändler von der Kö

von Laura de la Motte

Mit Ausbruch der Finanzkrise mutierte der Interbankenhandel vom Routinegeschäft zum täglichen Drahtseilakt. Einblicke in einen verschwiegenen Markt, in dem Vertrauen alles ist.

Lanzi Quelle: Frank Beer für Wirtschaftswoche
Lanzi Quelle: Frank Beer für Wirtschaftswoche
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Wenn ein Geldhändler um 17.15 Uhr zum Telefon greift, braucht seine Bank Liquidität. So wie heute: Um 200 Millionen Euro zu beschaffen, hat Andrea Lanzi, als Leiter Treasury bei HSBC Trinkaus verantwortlich für die Refinanzierungsgeschäfte der Bank, nur 45 Minuten Zeit. Bis 18 Uhr muss der Kontostand jeder europäischen Bank bei ihrer Zentralbank ausgeglichen sein, sonst werden Strafzinsen fällig. Ein Defizit kurz vor Feierabend kommt bei HSBC Trinkaus nur selten vor. Für eine Bank mit 22 Milliarden Euro Bilanzsumme sind 200 Millionen kein ungewöhnlich hoher Betrag. Trotzdem steigt Lanzis Puls in so einem Fall. Die nächste Dreiviertelstunde bringt Stress.

Jede große Bank hat bei ihrer Zentralbank eine Art Girokonto, auf dem alle Ein- und Auszahlungen ihrer Kunden gebucht werden. Wenn dieses Zentralbankkonto am Ende des Tages nicht ausgeglichen ist, berechnen die Zentralbanken der Euro-Zone einheitliche Zinsen: Für Übernachtguthaben gibt es den Einlagezins von 0,25 Prozent. Wer im Minus liegt, muss bei der Zentralbank die Spitzenrefinanzierungsfaszilität nutzen – eine Art Kreditrahmen – und dafür 1,75 Prozent zahlen. Also haben die Banken einen Anreiz, sich untereinander mit Krediten auszuhelfen. Der Zinssatz für Übernachtkredite auf dem Interbankenmarkt heißt Eonia. Er liegt aktuell bei rund 0,34 Prozent.

200 Millionen binnen 45 Minuten

Hätte Lanzi um 18 Uhr immer noch ein 200-Millionen-Defizit, müsste er bei der Bundesbank den Übernachtkredit beantragen. Bei einem Zinssatz von 1,75 Prozent wären das pro Nacht 9722 Euro. Im Interbankenmarkt wäre der Kredit schon ab rund 1500 Euro zu haben.

Lanzi ist an diesem Abend hochkonzentriert, sitzt kerzengerade an seinem Schreibtisch. Die Königsallee unter seinem Fenster würdigt der schlanke 45-Jährige keines Blickes. Er wählt die erste Telefonnummer, sie ist noch in seinem Wahlwiederholungsspeicher.

Lanzi arbeitet mit den Geld-, Devisen-, Derivate- und Wertpapierhändlern im Handelsraum – einem riesigen Großraumbüro. Hier sitzen knapp 300 Männer, in weißen Hemden und Krawatten, dazwischen wenige Frauen. Über jeder Lehne hängt ein Jackett. Alle haben vier oder sechs Monitore vor sich. Viel Platz hat keiner, zwischen den Tastaturen ist nur ein halber Meter Abstand. Obwohl fast jeder spricht, ist es leise: Das Schalldämpfungssystem in der Decke schluckt den Lärm.

Am Telefon meldet sich ein Geldhändler einer anderen deutschen Bank. Lanzi hat Glück, der Kollege hat heute Abend einen Überschuss und kann ihm 50 Millionen borgen. Dafür will er 470 Euro Zinsen haben, ein Zinssatz von 0,34 Prozent. Lanzi willigt sofort ein.

Bei allen Banken werden Kundenüberweisungen bis 17 Uhr ausgeführt, sodass spätestens um 17.15 Uhr alle Kundenbuchungen abgeschlossen sind. Um diese Zeit schaut Lanzi jeden Tag auf den HSBC-Trinkaus-Saldo. Im Normalfall ist er abends immer positiv . Daran hat Lanzi mit seinem Team – 16 Männer und zwei Frauen – den ganzen Tag gearbeitet. Vier Mitarbeiter überwachen ständig alle Zahlungsaufträge und rechnen den Liquiditätsbedarf der Bank hoch – für den Tag, aber auch für die nächsten Wochen und Monate. Dann planen Lanzi oder seine Geldhändler künftige Zahlungsströme, besorgen rechtzeitig Kredite oder verleihen Geld und nehmen so Zinsen ein. Ein Defizit kann am Abend trotzdem mal vorkommen: „Das passiert zum Beispiel, wenn unerwartete große Zahlungen für Kunden kurz vor 17 Uhr getätigt werden, andere Banken ihre Kredite nicht rechtzeitig zurückzahlen oder wenn die Bank Wertpapiere an einen Käufer liefert, dieser aber noch kein Geld angeschafft hat.“

Lanzis zweites Telefonat an diesem Abend dauert nur wenige Sekunden. Der Geldhändler hat kein Geld übrig, aber er weiß, wo noch etwas zu holen sein könnte. Lanzi wählt sofort die Nummer des Kollegen: besetzt. Kein gutes Zeichen – entweder verborgt er gerade seinen Überschuss, oder er benötigt selbst noch Geld. Lanzi stellt sein Telefon auf automatischen Rückruf und öffnet auf einem Bildschirm ein Chatfenster von Reuters Dealing.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 23.06.2010, 14:28 UhrAnonymer Benutzer: dasbewegtdiewelt.de

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