_

Gesundheit: Lohnender Eingriff

von stefan.hajek@wiwo.de

Trotz Kostendrucks und Reformen wächst das Geschäft mit der Gesundheit einer alternden Weltbevölkerung. Die lukrativsten Aktien der Branche.

Ärzte bei einer Operation,  dpa
Ärzte bei einer Operation, Foto: dpa

Die Patientin versteht die Welt nicht mehr: Jahrelang bekam sie ein Rheumamittel, auf das sie laut ihrem Düsseldorfer Hausarzt „bestens eingestellt ist und das sie gut verträgt“. Seit Anfang 2006 darf der Arzt ihr das bewährte Medikament nicht mehr verschreiben. Stattdessen muss Frau Maas, 71, nun ein Präparat schlucken, das ihr ziemlich viele Probleme macht: Sie klagt über Magenbeschwerden und Kopfweh. Preisvorteil pro Monatspackung: 0,79 Euro. Die Krankenkassen kürzen ihre Leistungen mit Akribie und wo sie können – und dennoch steigen die Beiträge. Auch die x-te deutsche Gesundheitsreform, die Union und SPD schnell vor der Sommerpause eintüteten, wird daran nichts ändern. Im Gegenteil, die Krankenkassenbeiträge steigen weiter, um mindestens 0,5 Prozentpunkte bei den gesetzlichen Kassen. Dabei hatte die große Koalition versprochen, die Lohnnebenkosten zu senken. Auch Privatpatienten müssen sich auf steigende Beiträge einrichten. Wenn die privaten Kassen ehemalige Mitglieder ohne neue Gesundheitsprüfung wieder aufnehmen müssen, werden auch ihre Kosten steigen. Damit nicht genug: Finanzminister Peer Steinbrück denkt schon über die nächste Steuererhöhung nach, um die Milliardenlöcher im Gesundheitssystem zu stopfen. „Ich zahle immer mehr Beitrag und inzwischen an die 80 Euro im Jahr allein an Praxisgebühr“, empört sich Patientin Maas, „und nun sparen sie an meinen Pillen 80 Cent im Monat.“ So berechtigt der Ärger der Patienten und Beitragszahler auch ist – ein Aspekt wird in der Debatte um steigende Kosten meist übersehen: Das Gesundheitswesen ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein enormer Wachstums- und Beschäftigungsmotor. Die Branche beschäftigt allein in Deutschland 4,2 Millionen Menschen; sie ist nach Umsatz der mit Abstand größte Wirtschaftszweig. Mit rund 245 Milliarden Euro jährlich erwirtschaftet sie weit mehr als die gesamte Automobilindustrie samt Zulieferkette. Und die Gesundheitsindustrie wird weiter wachsen, daran bestehen wenig Zweifel. Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung (BIP) wird bis 2020 von derzeit 11,1 Prozent auf 13,5 Prozent steigen, schätzen Wirtschaftsforscher. Dabei sind die scheinbar unaufhaltsam wachsenden Gesundheitsausgaben kein rein deutsches Thema. Weltweit steigen die Ausgaben für die Gesundheit sogar noch schneller. Die OECD schätzt, dass sich allein die staatlichen Gesundheitsausgaben global bis 2050 verdoppeln werden. Hinzu kommt, was die Menschen privat für alternative Heilmethoden und Medikamente oder für medizinisch nicht notwendige Behandlungen ausgeben. „Auch die so genannte Life-Style-Medizin wächst in fast allen Teilen der Welt“, sagt Graham Parry, Spezialist für die Gesundheitsbranche bei der US-Investmentbank Merrill Lynch in London. Gesundheit ist weltweit ein Riesengeschäft. Anleger finden in der Medizinindustrie eine ganze Reihe interessanter Investments mit überdurchschnittlichen Renditechancen; eine kleine Auswahl zeigt die Tabelle. Da wäre zum Beispiel die Pharmabranche und – immer mehr – ihre nahe Verwandte, die Biotechnologie. Die Pharmazie gehört, allen Sparbemühungen zum Trotz, noch immer zu den profitabelsten Industrien überhaupt; private Klinikbetreiber, die einen noch jungen Markt mit guten Wachstumschancen bearbeiten, sind für Anleger zunehmend lukrativ; und die Medizintechnikbranche, eine der innovativsten der Welt, überzeugt mit überdurchschnittlichem Wachstum und hoher Profitabilität. Sie alle sind Gewinner eines wahrscheinlich unumkehrbaren Trends: Die Weltbevölkerung wächst, und der Anteil der Alten wird immer größer. In Indien, Brasilien, den USA, Mexiko und China ist die Überalterung ebenso programmiert wie in Italien, Österreich, Deutschland, Japan, Schweden oder der Schweiz – auch wenn sie in den Schwellenländern etwas später einsetzen wird. Dennoch: Die Zahl der über 65-Jährigen nimmt weltweit jeden Monat um eine Million zu. Das erfordert eine intensive medizinische Versorgung. Altersbedingte Krankheiten und Verschleißerscheinungen wie Alzheimer, Arthrose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen zu, ebenso Krankheiten, die im Alter statistisch häufiger sind, etwa Rheuma und Krebs. Sie müssen durch aufwendige Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennung eingedämmt werden. Ein Riesengeschäft. „Der Gesundheitssektor wächst weltweit etwa ein Prozent schneller als die Gesamtwirtschaft“, sagt Joaquim Oliveira Martins von der OECD in Paris, „der Grund dafür ist nicht allein die Demografie, auch der technische Fortschritt spielt eine Rolle. Zusammen wirken die Faktoren wie ein Turbo.“ Die steigende Lebenserwartung und der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern treiben das Wachstum der Branche. „Gesundheit ist vielen Menschen das höchste Gut – nicht nur uns Deutschen“, sagt Ludger Mues, beim Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim zuständig für die Branche. „Das Erste, für das man mehr Geld ausgibt, sobald man kann, ist die eigene Gesundheit und die der nächsten Angehörigen.“ Viele Wirtschaftsforscher, wie das RWI in Essen, halten das Geschäft mit der Gesundheit für einen der stärksten globalen Wachstumsmärkte überhaupt. Die Experten erwarten weltweit jedes Jahr fünf bis sechs Prozent Wachstum, manche gar zehn Prozent. Kein Wunder, dass der Markt hart umkämpft ist. Und er kommt gerade erst in Schwung: Bayer schluckt Schering; verkauft fast im gleichen Atemzug seine Diagnostik für 4,2 Milliarden Euro an Siemens. Die Münchner wiederum verabschieden sich aus Kerngeschäften wie Telefon, Computer und Chips – und setzen lieber immer mehr auf Medizintechnik. Auch Siemens’ wichtigster Wettbewerber, der US-Gigant General Electric (GE, 400 000 Mitarbeiter, Jahresumsatz: 163 Milliarden Dollar), lässt keinen Zweifel, dass der Medizintechnik die Zukunft gehört. Und die Nummer drei der Branche, Philips, will ihre Chipsparte verkaufen und in der Medizintechnik zu Siemens und GE aufschließen.

Anzeige

Blogs

Kurze Erholung läuft
Kurze Erholung läuft

Bei 6200 gelingt dem Dax eine Stabilisierung. Sie kann die Notierungen bis in den Juni hinein steigen lassen. ...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.