Immobilienfonds Grandhotel Heiligendamm: Triste Noblesse

Während des G8-Gipfels im Juni blickt die Welt auf Heiligendamm. Was hinter den weißen Fassaden verborgen bleibt: Das Hotel macht seit Jahren Verluste, Anleger des Immobilienfonds fürchten um ihr Geld.

Die verwöhnten Besucher des Luxushotels Heiligendamm an der mecklenburgischen Ostseeküste müssen derzeit ungewohnte Störfaktoren hinnehmen. Von einer Baustelle an der Zufahrt zum Gelände dringen die Rufe der Arbeiter und das Dröhnen der Maschinen herüber, auf der Strandpromenade werden die Gäste von patrouillierenden Polizisten grimmig beäugt. Die Vorbereitungen auf den Weltwirtschaftsgipfel laufen auf Hochtouren, da haben Sicherheit und der Bau einer Pressetribüne Vorrang.

Am 6. Juni wird Bundeskanzlerin Angela Merkel in Heiligendamm die mächtigsten Männer der Welt empfangen. Der Ort ist geschickt gewählt: Der klassizistische Stil der sechs Villen wird George Bush an sein Weißes Haus erinnern, der gepflegte Rasen Tony Blairs Herz höherschlagen lassen und die Geschichte des Hotels besonders Wladimir Putin interessieren, denn schon vor 100 Jahren reiste die russische Zarenfamilie ins älteste Seebad Deutschlands. Kopfkissen aus Gänsedaunen bürgen für erholsame Nächte, Telefone auf der Toilette ermöglichen Entscheidungen zur Unzeit und der Blick auf die Ostsee könnte manchen Horizont erweitern.

Luxus pur, Historie satt – weltliche Probleme scheinen weit weg. Dass dieser Eindruck trügt, belegt ein Umschlag, den Gäste auf dem Schreibtisch ihres Zimmers vorfinden. Er enthält ein Faltblatt mit der Überschrift „Werden Sie Miteigentümer am Grand Hotel Heiligendamm“. Was harmlos klingt, ist Ausdruck einer schweren Finanzkrise: Die Fundus-Gruppe und ihr Chef Anno August Jagdfeld haben nicht genug Anleger gefunden, die sich über den „Fundus-Fonds 34“ an dem von der Kempinski-Gruppe betriebenen Hotel beteiligen wollten. Anteile im Wert von 30 Millionen Euro sind neun Jahre nach Vermarktungsstart immer noch nicht verkauft, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden.

Angesichts tiefroter Zahlen des Hotels hat die HypoVereinsbank zum 30. Juni einen Kredit über 15 Millionen Euro gekündigt, den der Fonds aufgenommen hatte, um Engpässe zu überbrücken. Fundus bleiben nur wenige Wochen, um frisches Kapital aufzutreiben. Der Versuch, Kredite bei Anlegern aufzunehmen, scheiterte auf ganzer Linie: Die Bundesbank sehe darin ein „erlaubnispflichtiges Bankgeschäft“, räumte Jagdfeld Mitte April gegenüber den Fondsgesellschaftern ein. Man könne den Plan nicht weiter verfolgen, an einer neuen Strategie werde „zurzeit gearbeitet“.

Es ist sowieso fraglich, ob von den 1863 Anlegern eine nennenswerte Zahl bereit gewesen wäre, dem Fonds Geld zu leihen. Unter ihnen wachsen die Zweifel an Jagdfelds Strategie, viele fühlen sich von seinen optimistischen Prognosen getäuscht und fürchten, weiteres Geld in ein Fass ohne Boden zu stecken.

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In der Tat ist die Situation prekär. Vier Jahre nach der Eröffnung schreibt das Hotel noch immer rote Zahlen. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das schnell ändern: Im letzten Jahr waren die 225 Zimmer nur zu 43,3 Prozent ausgelastet, bei einem Durchschnittspreis von 186 Euro pro Zimmer. Damit die Anleger, die jeweils mindestens 25.000 Euro investiert haben, eine Ausschüttung von 0,07 Prozent im Jahr erhielten, müssten es laut Fondsprospekt 50 Prozent Auslastung und 200 Euro pro Nacht sein.

Auf der Gesellschafterversammlung am 7. Dezember 2006 im mondänen „Ballsaal“ des Heiligendammer Kurhauses kippte die Stimmung erstmals, nachdem Jagdfeld in seiner Eröffnungsrede erneut zu „mehr Geduld“ und einem „längeren Atem“ aufgerufen hatte. „Wir haben zu oft Durchhalteparolen und Ausreden gehört“, berichtet ein Anwesender. Es folgten zahlreiche Wortmeldungen mit harschen Vorwürfen.

Im Zentrum der Kritik: Jagdfeld und seine „Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm“ (ECH). Der Bauträger müsse „mehr Engagement“ zeigen, forderte ein Anleger. Hintergrund: Die ECH hat dem Fonds die Hotelgebäude in mehre- » ren Schritten für insgesamt 178,1 Millionen Euro verkauft. Wie hart Jagdfeld im Namen des Fonds mit der ECH über den Kaufpreis verhandelt hat, bleibt sein Geheimnis – die ECH gehört ihm selbst. Die Bauträgergesellschaft dürfte nach früheren Schätzungen allein bei der ersten Rate von 128 Millionen Euro bis zu 40 Millionen Euro Gewinn ein- gestrichen haben (WirtschaftsWoche 23/2000). Genaue Zahlen nennt der Rheinländer aber nicht: „Über Gewinn und Verlust von Baustellen machen wir – wie andere Baufirmen auch – keine Angaben“, lässt er seinen Sprecher Johannes Beermann ausrichten.

Was die Anleger außerdem ärgert: Die ECH verdient am G8-Gipfel mit – auf eigene Rechnung. Offenbar vermietet Jagdfeld Nebengebäude auf dem Gelände, die noch seiner Bauträgergesellschaft gehören, an die Bundesregierung. Es bestünden „vertragliche Nutzungsverhältnisse“, räumt Beermann ein. Darüber sei aber „Stillschweigen vereinbart“. Jagdfeld, der gerne über „Werte von historischer Bedeutung“ redet, macht also seinen Schnitt und weigert sich trotzdem beharrlich, in der jetzigen Krise Geld in die Hand zu nehmen. Öffentlich geriert er sich als Macher von Heiligendamm, während die Anleger das finanzielle Risiko schultern.

Einige finden die Finanzprobleme des Fonds nicht bloß ärgerlich, sondern auch juristisch fragwürdig. Denn im Prospekt zu einer Kapitalerhöhung 2002 steht: „Die Fundus Fonds-Verwaltungen (FFV) wird das Kapital i. H. v. Euro 17 895 215,84 zeitnah platzieren. Der Fondsgesellschaft entsteht kein Platzierungsrisiko, weil die ECH für den Fall nicht rechtzeitiger Platzierung durch die FFV selbst die entsprechenden Anteile übernehmen wird.“

Obwohl die FFV offenkundig nicht genug Geld einsammelte, ist die ECH nicht wie suggeriert eingesprungen – sonst wäre das Geld für den fälligen 15-Millionen-Euro-Kredit auf einen Schlag da. Jagdfeld bestreitet jede Verpflichtung. Schließlich habe die FFV insgesamt weit mehr als 17,89 Millionen Euro eingesammelt, so Beermann. Wie viel bei der Kapitalerhöhung 2002 platziert wurde, sagt er aber nicht.

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