Architektur: Fassade ist Heimat

Architektur: Fassade ist Heimat

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Bernd Blaufelder

von Henning Krumrey und Max Haerder

Sanierung mit Vernunft und Sinn für Ästhetik, fordert der Geschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten, Bernd Blaufelder.

WirtschaftsWoche: Herr Blaufelder, die Bundesregierung will die energetische Sanierung der Wohnhäuser stark forcieren. Wird die Fachwerk-Idylle von Rothenburg ob der Tauber jetzt in Styropor und Dämmwolle verpackt?Blaufelder: Wir können nicht jedes Gebäude in Wintermäntel oder Pudelmützen hüllen, wie es die Kampagne des Bauministeriums suggeriert. Und obendrauf gar noch eine Solaranlage setzen. Es gibt einen Widerspruch zwischen Denkmalschutz und energetischer Sanierung. Das hat die Bundesregierung nicht bedacht – oder die Dämmstoffindustrie hat eine sehr starke Lobby.

Was wird die Fassadendämmung in unserem Stadtbild anrichten?Ich fürchte, dass Rothenburg ob der Tauber einfach eingepackt würde, weil viele Bürger glauben, man müsste jetzt auf jeden Fall dämmen. Da sind wir Architekten gefordert zu zeigen, dass man vielfach auf Dämmung verzichten könnte. Wenn wir beim Neubau möglichst nur noch Plus-Energie-Häuser schaffen, die mehr Energie liefern, als sie verbrauchen, dann können wir uns im Gegenzug auch Gebäude leisten, die nicht so effizient sind. Man kann auch nicht aus jedem Oldtimer ein Drei-Liter-Auto machen.

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Denkmalgeschützt sind nur drei Prozent der Häuser.Ja, aber es gibt eine Vielzahl von Bauten, die gestalterisch wichtig sind und einen wesentlichen Teil unserer Städte ausmachen. Man bräuchte also auch die Kategorie „Stadtbild prägend“. Sonst wären viele schöne Stuckbauten oder unersetzliche Klinkersiedlungen, die nicht unter Denkmalschutz stehen, in Gefahr. Unsere Städte sähen doch sehr traurig aus, wenn nur die Denkmäler unverändert blieben.

Brauchen wir also eine ästhetische Schutzklausel?Schön wär’s – aber das ist praktisch nicht einfach. Wie wollte man das definieren? Eine Lösung könnten die Gestaltungsbeiräte sein, die es schon in vielen Kommunen für Neubauten gibt.

Kann man ein Fachwerkhaus überhaupt dämmen? Wenn ich das mit Styropor zupflastere, sind ja die Balken unsichtbar.So etwas gibt es ja leider heute schon. Da werden dann außen Bretter aufgenagelt – und jeder erkennt, dass es gar nicht mehr die tragende Konstruktion ist. Klassische Klinkerbauten werden mit Dämmstoff und Glattputz überzogen; manche kleben eine Klinkertapete drauf. Aber das hat natürlich nichts mit der changierenden Lebhaftigkeit der Steine, mit der Patina des Baustoffs Klinker zu tun.

Was kann man stattdessen tun?Wenn beispielsweise Erdwärme genutzt würde, die ausreichend zur Verfügung steht. Auch waren die Häuser früher oft sehr intelligent gebaut. Warum war denn der Heuboden über der Wohnstube? Im Winter war Heu drin und isolierte, im Sommer war er leer, der Wind fegte durch und kühlte das Haus. Warum war der Stall neben den Wohnräumen? Im Winter nutzte man die Abwärme der Tiere. Daraus können wir lernen. Heute ist es nicht mehr die Kuh, aber vielleicht sind es die technischen Geräte.

Wie geht das?Denken Sie an die vielen Rechner in Büros. Da wird heute mit Klima-anlagen gekühlt – die Wärme könnte man nutzen, um benachbarte Wohnungen zu heizen. Das ist eine Herausforderung für die Stadtplaner: die richtigen Gebäude nebeneinanderzusetzen. Statt jedes Denkmal mit Solarzellen zu bepflastern, kann ich Werkshallen am Stadtrand nutzen.

Und was machen Besitzer eines Altbaus?Bei der Gründerzeit ist es auch schwierig. Da müsste man ja erst den Stuck abschlagen, denn Putten oder Gesimse kann man nicht so gut einpacken.

Aber technisch wäre das machbar?Theoretisch und technisch: ja. Praktisch: bitte nicht. Die Fensterlaibung muss mit gedämmt werden, dann werden die Fenster so klein wie Schießscharten. Aber ein klassischer Altbau hat oft so dicke Wände, dass sein Wärmedurchgangskoeffizient gar nicht so schlecht ist. Durch andere Maßnahmen, wie den Einbau gut isolierender Fenster, kann man schon viel erreichen.

Dann droht Schimmel.Richtig, je dichter ein Haus wird, desto weniger kann die Feuchtigkeit entweichen. Die alten Kastendoppelfenster, die wir noch in vielen Altbauten haben, waren sehr intelligent konstruiert. Ein Haus muss atmen. Ohne eifriges Lüften geht es dann heute nicht.

Ein normal Berufstätiger hat dafür kaum Zeit. Morgens springt er aus der Dusche und hastet ins Büro, statt die Luft aus dem Bad zu leiten. Und abends will er nicht das Fenster aufreißen, sondern in der warmen Stube sitzen.Dann muss man mit weiterer Technik aufrüsten, um künstlich zu be- oder entlüften. Aber die meisten Mieter können damit gar nicht umgehen, oder sie müssen mit Feuchtigkeitssensoren und einer Automatiksteuerung arbeiten. Dadurch wird es noch teurer. Hier erzwingt die eine technische Ausstattung gleich die nächste. Wir müssen aufpassen, dass die Gebäude noch nutzbar bleiben.

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