Feuerkatastrophe in London: Der Brandschutz in Deutschland ist besser

Feuerkatastrophe in London: Der Brandschutz in Deutschland ist besser

, aktualisiert 14. Juni 2017, 18:05 Uhr
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Das Feuer brach in der Nacht gegen 1 Uhr Ortszeit aus. Nach Angaben des Stadtbezirks Royal Borough of Kensington and Chelsea sind in dem Hochhaus 120 Wohnungen. Es wurde 1974 errichtet und seitdem umfassend modernisiert.

von Reiner ReichelQuelle:Handelsblatt Online

Die Ursache für das verheerende Feuer in einem Londoner Wohnturm ist noch nicht bekannt. Deutsche Brandschutzexperten können sich ein komplett in Flammen stehendes Hochhaus in Deutschland aber dennoch nicht vorstellen.

DüsseldorfDas in der Nacht zu Mittwoch ausgebrochene Feuer in einem Hochhaus im Londoner Stadtteil Kensington ist noch immer nicht gelöscht. Sechs Menschen wurden getötet, mehr als 70 verletzt. Weil noch weitere Menschen vermisst werden, wird mit zusätzlichen Toten gerechnet. Könnte ein Brand in einem deutschen Hochhaus ähnlich schlimme Folgen haben?

Brandschutzexperten können sich das nicht vorstellen. „In Deutschland ist es im Normalfall bei Einhaltung der Brandschutzbestimmungen nicht möglich, dass ein Hochhaus komplett in Flammen steht“, sagt Michael Grünewald vom auf Brandschutzplanung spezialisierten Ingenieur- und Architektenbüro Burckhardt, Pabst + Partner in Köln. Auch Jens-Christian Voss, Inhaber des Ingenieurbüros Voss Partner für Arbeitssicherheit, Brand-, Strahlen- und Umweltschutz in Friedberg/Bayern, kann sich einen Brand dieses Ausmaßes in einem deutschen Wohnturm nicht vorstellen.

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Die Menschen rund um das „Grenfell Tower“ genannte Gebäude befürchten, dass Brandschutzmängel das Ausbreiten des Feuers über fast alle 24 Stockwerke begünstigt haben. Es soll bereits zuvor Beschwerden über unzureichenden Feuerschutz in dem 1974 fertiggestellten Hochhaus gegeben haben, berichteten sie der Nachrichtenagentur dpa. „Ich bin sauer, jeder in dem Block wusste, dass es Sicherheitsbedenken gab“, sagte eine Anwohnerin. Einige Nachbarn monieren das Fehlen von Feuermeldern.

In Deutschland regeln Sonderbauverordnungen den Brandschutz in Hochhäusern. Diese Bauverordnungen sind Ländersache und unterscheiden sich deshalb in Details, aber die wichtigsten Sicherheitsanforderungen sind sehr ähnlich formuliert. So heißt es etwa in Bayern zur „Bauaufsichtsrechtlichen Behandlung von Hochhäusern“: „Hochhäuser müssen automatische Feuerlöschanlagen haben, die die Brandausbreitung in den Geschossen und den Brandüberschlag von Geschoss zu Geschoss ausreichend lang verhindern.“

Üblicherweise werden sogenannte Sprinkleranlagen installiert, die Wasser von den Geschossdecken versprühen und damit den Brand löschen oder doch zumindest eindämmen. In London schlugen die Flammen über mehrere Geschosse hinweg in den Himmel.

Als Hochhaus gilt in Deutschland jedes Gebäude, dessen oberster Fußboden höher als 22 Meter über der Grundflächenhöhe liegt. Der Hintergrund: Aus dieser Höhe können Menschen noch mit einer Drehleiter der Feuerwehr gerettet werden.

In Ausnahmefällen darf bei Häusern bis 60 Meter auf eine Sprinkleranlage verzichtet werden. Im Gegenzug muss der Brandschutz durch andere Baumaßnahmen erhöht werden. Der Grenfell Tower ist vom Grund bis zur Dachspitze 67 Meter hoch. Darüber hinaus müssen Hochhäuser in Deutschland über zwei voneinander unabhängige, sogenannte Sicherheitstreppenräume verfügen, die statisch und technisch komplett vom Resthaus getrennt sind. Sie müssen mit brandsicheren Wänden und Sicherheitstüren, die von selber wieder zufallen, ausgestattet sein, damit sich das Treppenhaus nicht mit Rauch füllt, erläuterte ein Brandschutzexperte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Das zusätzliche Einblasen von Luft soll die Treppenhäuser im Brandfall auch wirklich rauchfrei halten. Die eingeblasene Luft stellt einen Überdruck im Treppenhaus her, sodass auch aus zeitweise geöffneten Treppenhaustüren kein Rauch in die Treppenräume eindringen kann, berichtet Brandschutzplaner Grünewald. Häufig sterben Menschen nach Wohnungsbränden nicht an Brandwunden, sondern durch Rauchvergiftung.

Dass Fahrstühle bei Feuer nicht benutzt werden dürfen, steht üblicherweise bei jeder Aufzuganlage. Doch die Benutzung ist im Normalfall auch nicht mehr möglich, weil Brandmeldesysteme die Aufzüge außer Betrieb setzen – etwa indem sie ins Erdgeschoss fahren und sich anschließend nicht mehr bewegen lassen.

Im Grenfell Tower mit seinen 120 Wohnungen wurden kürzlich Sanierungsarbeiten erledigt. Polizei und Feuerwehr warnten in diesem Zusammenhang gegenüber dpa eindringlich vor Spekulationen. „Wir werden in den kommenden Stunden und Tagen sorgfältig nach der Ursache des Feuers suchen und ermitteln, was passiert ist“, sagt Londons Feuerwehrchefin Dany Cotton. Die Baufirma, die das Gebäude kürzlich sanierte, teilt mit: Alle Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden.

Experte Voss verweist darauf, dass deutsche Baubehörden in der Regel nach Sanierungs- und Umbauarbeiten auch eine Überarbeitung des Brandschutzkonzeptes fordern. Die Baubehörden der Kommunen überwachen auch durch Kontrollen die Einhaltung der Brandschutzbestimmungen. Aber Brandschutzexperten stellen auch ganz klar, dass es trotz bestem Brandschutz immer wieder zu Feuern in Häusern kommen kann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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