Horst Opaschowski im Interview: "Die Menschen mieten Lebensstile"

Horst Opaschowski im Interview: "Die Menschen mieten Lebensstile"

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Horst Opaschowski ist Wissenschaftlicher Leiter der British American Tobacco (BAT) Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg und arbeitet gerade an dem Buch "Deutschland 2030", das im September erscheinen soll

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski über Leben und Wohnen in der Zukunft.

WirtschaftsWoche: Herr Opaschowski, Experten rechnen schon in zwölf Jahren mit einem Mehrbedarf an 800.000 altersgerechten Wohnungen. Wie werden Alte und Junge in 20 Jahren leben?

Opaschowski: Drei Viertel der über 90-Jährigen werden in der eigenen Wohnung oder in Hausgemeinschaften leben. Gefragt sein werden Mehrgenerationenhäuser mit sozialer Betreuung. Dabei geht es nicht um Pflege, sondern um Hilfe auf Gegenseitigkeit. Durch eine Art Adoption entstehen neue Wahlfamilien: Enkel-, Kinder- und Familienlose werden wie durch Adoption aufgenommen. Gemeinsam statt einsam heißt das Wohnkonzept der Zukunft. Und: Mehr Selbstständigkeit und mehr Wohnen mit Nestwärme. Schafft die Altersheime ab - oder: So wenig Heime wie möglich! Das ist auch für Deutschland eine realistische und keine utopische Zukunftsforderung.

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Von dieser Hilfe können doch die Alten besonders profitieren, etwa durch Begleitung zum Arzt oder gemeinsamen Einkauf mit dem Auto der Jungen. Was hat die nachwachsende Generation davon?

Oft sind deren Kinder während der Arbeit unbetreut. Die Älteren fühlen sich da in Zukunft verantwortlicher. Sie können auch mal auf das Haus aufpassen, wenn eine Familie im Urlaub ist. Oder sich um die Tiere kümmern und die Pflanzen gießen.

Die Hälfte aller Deutschen lebt heute in den Städten. Glauben Sie, dass unsere Kinder in Zukunft alle in der Großstadt aufwachsen?

Drei Dinge wünschen sich immer mehr Menschen: zentral, nah, kurz. Viele Bürger haben in den letzten Jahren die Stadt als Pendler verlassen - und kehren zurück. Dazu kommt: Die Weltbevölkerung wandert und wächst, Deutschlands Bevölkerung hingegen altert und schrumpft. Jahr für Jahr verliert das Land drei- bis vierhunderttausend junge Menschen. Auf die Städte in Deutschland kommt eine schwierige Gratwanderung zwischen Schrumpfung und Wachstum zu.

Verschiedene Lebensstile

Wie sieht die aus?

Manche Regionen müssen mit massiven Bevölkerungsrückgängen rechnen, andere entwickeln sich zu regelrechten Wachstumsregionen. Mehr Menschen ziehen zum Beispiel wirtschaftlich starke Metropolen wie Stuttgart, München, Hamburg oder Frankfurt an. Auch historisch bedeutsame Städte wie Trier, Potsdam oder Regensburg wachsen. Ostdeutsche Städte wie Jena oder Halle an der Saale schrumpfen, aber auch Duisburg oder Gelsenkirchen im Ruhrgebiet, weil die den Strukturwandel teilweise nicht bewältigt haben. Entweder muss man touristisch bedeutsames oder wirtschaftliche Anreize schaffen. Die Menschen wandern zum Wohlstand. Erfahrungsgemäß zieht es die Menschen dorthin, wo es Arbeit gibt. Die ‚besten Köpfe’, also junge und gut ausgebildete Menschen, lösen starke Binnenwanderungen aus und verschärfen die Ungleichgewichte zwischen den Regionen. Single- und Seniorenhaushalte breiten sich in den Städten aus. Selbst an den Stadträndern werden Einfamilienhäuser zu Einpersonenhäusern.

Hat die Eigentumswohnung oder das eigene Häuschen dann noch eine Zukunft?

Berliner Verhältnisse kommen auf uns zu: Die Hauptstadt hat einen Mietwohnungsanteil von fast 90 Prozent. Deutschland wird zum Mieterland. Mieter können sich mehr leisten im Leben. Eine Eigentumswohnung ist schließlich so ‚teuer’ wie zwei Kinder. Beide machen knapp ein Drittel des Nettoeinkommens aus. Der kinderlose Städter der Zukunft verkauft sein Einfamilienhaus und zieht als Mieter in ein Haus mit Balkon oder Dachterrasse. Das Wohnerleben wird neu definiert: Wohnen wie im eigenen Haus - aber sich nicht wie ein Eigentümer um alles kümmern müssen. Die Menschen mieten und kaufen Lebensstile und nicht nur Wohnhäuser.

Was wird aus den Einfamilienhäusern?

Wenn die ‚Baby-Boomer’ in 20 bis 30 Jahren in Rente gehen und Geld für den Alterskonsum brauchen, werden sie massenhaft versuchen ihre Einfamilienhäuser zu verkaufen - an eine jüngere Generation, die es durch den Geburtenrückgang so nicht mehr gibt. Einfamilienhäuser werden unverkäuflich sein und auf dem Land und in schlechten Randlagen einen Preissturz ins Bodenlose erleben. Die Zeitfenster für Immobilienverkäufe werden enger und die Chancen für einen Rückgang der Leerstandsraten immer geringer. Das heißt: In den nächsten 20 Jahren kann man Immobilien noch gut verkaufen - aber dann wird es schwierig, weil durch die ‚Baby-Boomer’ der Markt übersättigt ist. Auf den Punkt gebracht: Sinkende Geburtenraten gleich fallende Immobilienpreise. Die Nachfrage nach Eigenheimen sinkt erheblich, weil es immer weniger junge Familien gibt. Die Wohneigentumsbildung verlagert sich auf den Geschosswohnungsbau in den Städten und im städtischen Umland.

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