Immobilien: Wo Studenten teuer wohnen

Immobilien: Wo Studenten teuer wohnen

, aktualisiert 03. Oktober 2017, 15:42 Uhr
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Als Student eine Wohnung zu finden erfordert nicht nur Geduld, sondern auch einen immer tieferen Geldbeutel.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Wer in München studiert, muss auch mal in Augsburg wohnen. Besonders Studenten, die kein hohes Einkommen haben, treffen die Mietsteigerungen hart. Eine Studie zeigt die dramatische Entwicklung.

FrankfurtWer in deutschen Metropolen eine Wohnung sucht und keine totale Budgetfreiheit besitzt, muss Kompromisse eingehen. Für Studenten, die eh schon kein geregeltes und erst recht kein hohes Einkommen haben, gilt das doppelt. Für sie bedeuten Kompromisse schon einmal Ortswechsel: Wer in München studiert, wohnt möglicherweise in Augsburg. Wer in Jena studiert, wohnt auch schon mal in Weimar – und ein Ende des Problems ist nicht in Sicht.

Eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft aus Köln (IW) kommt zu dem Schluss: Wohnen für Studenten ist in den vergangenen sieben Jahren immer teurer geworden und ein Ende ist nicht in Sicht. „In Berlin ist die durchschnittliche Neuvertragsmiete seit 2010 um mehr als 70 Prozent gestiegen und hat seit Beginn des Betrachtungszeitraums erstmals die Schwelle von zehn Euro je Quadratmeter überschritten“, schildern die Studienautoren den drastischsten Fall in der Analyse von 15 Großstädten. In Stuttgart haben sich die Mieten um 62 Prozent, in München um 53 Prozent verteuert.

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Untersucht wurden für die Analyse 15 Großstädte, neben den größten urbanen Zentren fallen darunter beliebte Studentenstädte wie Heidelberg, Jena oder Kiel. Als Datengrundlage dienten Inserate auf Immobilienscout 24 und wg-suche.de, die die Forscher anhand eines hedonischen Modells untersuchten. Dabei sollen nicht die reinen Durchschnittspreise untersucht werden, sondern ein Mittel, das Verzerrungen durch Qualitätsmerkmale wie Lage und Ausstattung herausrechnet.

Spitzenreiter in der Analyse ist – wie in jedem Ranking zum deutschen Immobilien(preis-)markt – München. Eine typische 30-Quadratmeter-Wohnung mit Einbauküche kostet dort inklusive Heiz- und Nebenkosten 665 Euro. Wer in Leipzig studiert, zahlt gerade einmal die Hälfte. Die Zahlen beziehen sich auf die am freien Markt verfügbaren Wohnungen. Plätze in Studentenwohnheimen sind von der Untersuchung ausgeschlossen.

Wie weit München den anderen entrückt ist, verdeutlicht auch ein Blick auf die Quadratmeterpreise. In der bayrischen Landeshauptstadt werden 18,40 Euro fällig. Selbst am zweitteuersten Standort, Stuttgart, ist es für Studenten schon ein Viertel günstiger (14,90 Euro je Quadratmeter). „Sollte sich der Aufwärtstrend auch in Zukunft fortsetzen, wird am derzeit teuersten deutschen Mietwohnungsmarkt in München bald die Marke von 20 Euro je Quadratmeter überschritten werden“, heißt es in der Studie.

Dass der Trend anhält, daran hat das IW kaum einen Zweifel. Schon der Trend bei den Studentenzahlen spreche für sich: Im Wintersemester 2016/2017 sei sie erneut um 1,7 Prozent gestiegen und habe erstmals die Schwelle von 2,8 Millionen überschritten. Hinzu kommt der viel zu langsame Neubau. Beispiel Berlin: Nur rund 40 Prozent des tatsächlichen Wohnungsbedarfs sei im Untersuchungszeitraum durch Neubau gedeckt worden. „Um alleine diesen Wohnungsbedarf nachzuholen und den Wohnungsmarkt zu entspannen, müssten rund 45.000 Wohnungen in Berlin neu gebaut werden“, schreiben die Immobilienexperten.


Konkurrenz mit Berufspendlern und Senioren

Erschwerend hinzu komme, dass immer mehr Wohnungen auf dem „Klüngelmarkt“ vergeben würden. Sie werden also nicht mehr inseriert, sondern an Interessenten im Bekanntenkreis oder durch Wartelistenplätze vermittelt.

Bauherren haben die Wohnungsnot erkannt und reagieren, in dem sie zunehmend Mikroapartments bauen. Das kann sich durchaus lohnen. Die aktuelle Knappheit geht, wie die Studie zeigt, mit stark steigenden Mieten einher. Das wiederum zieht Investoren an. „Bereits 2016 wurden in Deutschland Studentenwohnanlagen für fast eine dreiviertel Milliarde Euro gehandelt – mehr als das Transaktionsvolumen in den Jahren 2009 bis 2015 zusammen. 2017 wird aller Voraussicht nach die Milliardengrenze geknackt“, erklärt Michael Gail, Investmentexperte vom Immobiliendienstleister Savills.

Um die Not zu lindern, fordert das IW als dringlichste Maßnahme, dass die Kommunen mehr Bauland ausweisen. Beim Bauen selbst kommt es jedoch aufs Maß an: Viele der Mikroapartments richten sich nicht nur an Studenten, sondern auch an Berufspendler oder Senioren. Oft werden diese Wohnungen möbliert vermietet. Dadurch geraten Studenten schnell ins Hintertreffen gegenüber ihren Mikroapartment-Konkurrenten: Sie können sich die Wohnungspreise dann schlicht nicht mehr leisten. „Die Mieten sind häufig zu hoch für junge Menschen, die sich mit Studentenjobs oder dem Geld der Eltern finanzieren“, sagt IW-Immobilienökonom Michael Voigtländer. Schlimmstenfalls drohe auf dem Mikroapartment-Markt wegen der Preisprobleme gar ein Überangebot.

Nicht überall ist die Lage allerdings so dramatisch wie München oder Stuttgart. In Jena sind Studentenwohnungen zwar nach wie vor begehrt. Doch im Vergleich zu 2010 gibt es weniger Studienanfänger, die um sie konkurrieren – 74 Prozent weniger. In der Folge sind dort die Mietpreise für Studenten „nur“ um rund zehn Prozent gestiegen. Damit entspricht die Steigerung etwa der allgemeinen Preisentwicklung in Deutschland. Im Vergleich zum Spitzenreiter München sind die Mieten mit 8,30 Euro je Quadratmeter geradezu billig.

Das heißt aber nicht gleich, dass es einfach ist, in Jena eine Wohnung zu finden, was auch die Ausweichbewegungen ins Umland zeigen. Um die Studentenwohnungs-Not in Deutschland zu lindern macht das IW, neben mehr Bauland, noch einen weiteren Vorschlag: Die Mietzeit für Studenten in reinen Studentenwohnheimen könne auf ein Jahr begrenzt werden. Das hätte den Vorteil, dass sich Studienanfänger zunächst günstig in den von Studentenwerken betriebenen Wohnungen einmieten könnten und während ihres ersten Jahres in der neuen Stadt vergleichsweise entspannter nach einer längerfristigen Bleibe suchen könnten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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