Mietpreise: Wenn Wohnen zum Armutsrisiko wird

Mietpreise: Wenn Wohnen zum Armutsrisiko wird

, aktualisiert 13. September 2017, 16:18 Uhr
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Wohnhäuser im Stadtteil "Altstadt Lehel" in München

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Mieten und Immobilienpreise in den Großstädten steigen weiter. Der Neubau hält der hohen Nachfrage nicht stand. Nun schlägt eine Studie Alarm, dass die Miete die finanziellen Belastbarkeit vieler Haushalte übersteigt.

Wer in einer deutschen Großstadt eine Mietwohnung sucht, ist nicht zu beneiden. Lange Schlangen bei der Besichtigung, hohe Abschlagsforderungen und vor allem stetig steigende Mieten machen es inzwischen selbst für Normalverdiener schwer, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Laut dem internationalen Immobilienberatungshaus JLL sind die Wohnungsmieten deutschlandweit im Mittel zwischen Juni 2016 und Juni 2017 um sieben Prozent gestiegen.

Das aber ist nur ein Teil der Wahrheit. In den Großstädten nämlich fiel der Anstieg wesentlich höher aus. Berlin zum Beispiel meldet ein Plus von 13 Prozent, seit 2007 summiert sich der Mietanstieg auf sagenhafte 76 Prozent. In München stiegen die Mieten im selben Zeitraum um 65 Prozent – wobei das Mietniveau in der bayerischen Landeshauptstadt schon vor zehn Jahren deutlich höher lag als in der deutschen Kapitale.

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Das alarmiert Politiker und Soziologen. Denn mehr als ein gutes Drittel des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommens sollte die Miete oder der Immobilienkredit nicht verschlingen, weil sonst „relativ wenig Geld zur sonstigen Lebensführung zur Verfügung bleibt“, wie es die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie beschreibt. Unter dem verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen versteht man üblicherweise die Gesamteinkünfte eines Haushalts – inklusive Transferleistungen – abzüglich Steuern und Sozialversicherungsabgaben.

Studie Mieten für viele Großstädter kaum noch zu bezahlen

Vor allem in Großstädten reißt die Miete bei vielen Verbrauchern ein immer größeres Loch in die Haushaltskasse. Nach der Überweisung an den Vermieter bleibt nur noch wenig zum Leben übrig.

"Zu vermieten" steht auf einem Transparent Quelle: dpa

Umso alarmierender wirkt das Bild, das die von der Stiftung beauftragten Wissenschaftler der Humboldt-Universität Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt skizzieren: Rund 40 Prozent aller deutschen Haushalte wenden mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete auf, fast ein Fünftel sogar mehr als 40 Prozent. „Vor allem kleine Haushalte haben eine höhere Mietbelastung zu tragen“, heißt es in der Studie.

Häufig seien die Mietprobleme ein Spiegelbild der Einkommensverhältnisse: Wer wenig verdient, dessen Mietbelastung liegt entsprechend höher. Das allein wollen die Wissenschaftler aber nicht gelten lassen. Die hohen Mieten selbst können arm machen, warnen sie. Etwa 1,3 Millionen Haushalte, also rund zehn Prozent aller Großstadthaushalte, hätten nach der Mietzahlung ein Resteinkommen unterhalb der Grundsicherungssätze.

Mit einer Lösung des Wohnproblems tun sich Politiker schwer. Die Mietpreisbremse gilt als gescheitert. Und auch der Versuch, mehr Mieter zu Wohneigentümern zu machen – etwa mit staatlichen Finanzhilfen beim Kauf – scheinen bislang wenig erfolgreich. So scheint es, als nehme der Druck in den Großstädten immer weiter zu.


Jacopo Mingazzini, Geschäftsführer des Immobiliendienstleisters Accentro, ist einer jener, die überzeugt sind: Bleiben die Zinsen niedrig und der Zuzug in die Großstädte erhalten, steigen auch die Preise. „Natürlich gefallen die Preisanstiege nicht jedem“, sagt Mingazzini. Doch Fakt sei nun einmal: „Es passiert deutlich zu wenig, um allein den zusätzlichen Wohnungsbedarf durch den Zuzug in die Städte abzufedern.“

Statt allzu vieler Worte will er lieber Zahlen sprechen lassen, die er aus seinem jüngsten Wohneigentumsreport referiert: Die Zahl der Baugenehmigungen ist im ersten Halbjahr 2017 um sieben Prozent gesunken, die Genehmigungen für Nachverdichtungen sei um ein Viertel gefallen. Die Folge: „Wir sind weit davon entfernt, die Wohnungsnot zu lindern. Die Enge nimmt zu.“ Ausdruck findet dies in zwei Zahlen: Die Umsätze auf dem Eigentumsmarkt schossen im vergangenen Jahr um sieben Prozent auf den Rekordwert von rund 31 Milliarden Euro, während die Anzahl der Käufe in den 82 untersuchten Großstädten seit 2012 bei etwa 135.000 veräußerten Wohnimmobilien stagnieren.

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