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Neue Wolkenkratzer: Die Himmelsscherbe von London

von Katharina Slodczyk Quelle: Handelsblatt Online

Renzo Pianos neuestes Werk kostet 1,5 Milliarden Euro und sticht kühn in den Londoner Himmel. Europas zweithöchster Wolkenkratzer ein Wunderwerk an Technik und Architektur. Warum das Bauwerk dennoch in der Kritik steht.

Mit 310 Metern ist "The Shard" das zweithöchste Gebäude Europas. Größer ist nur der Mercury City Tower in Moskau (332 Meter). Ursprünglich wollten die Bauherren noch höher hinaus - mit 400 Metern sollte das drittgrößte Hochhaus der Welt errichtet werden. Doch in der Öffentlichkeit stieß das Vorhaben auf wenig Gegenliebe. Quelle: Sellar
Mit 310 Metern ist "The Shard" das zweithöchste Gebäude Europas. Größer ist nur der Mercury City Tower in Moskau (332 Meter). Ursprünglich wollten die Bauherren noch höher hinaus - mit 400 Metern sollte das drittgrößte Hochhaus der Welt errichtet werden. Doch in der Öffentlichkeit stieß das Vorhaben auf wenig Gegenliebe. Quelle: Sellar

LondonFür einen Star in seiner Branche klingt der Mann erstaunlich kleinlaut: „In meinem Beruf braucht man Vertrauen“, sagt Renzo Piano leise und fast flehend, „und ein wenig Liebe.“ Der Architekt, der seine Karriere mit dem Bau des Centre Pompidou in Paris begann, von dem der Masterplan für den Potsdamer Platz in Berlin stammt, hat jetzt den höchsten Wolkenkratzer Westeuropas vollendet. Wegen seiner scharfkantigen Spitze in knapp 310 Metern Höhe hat das Gebäude den Spitznamen „Shard“ (Glasscherbe).

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Am heutigen Donnerstag wird das Gebäude offiziell eingeweiht. Bereits gestern stellte sich Piano den Fragen der Journalisten und warb um Akzeptanz für seinen eigenwilligen, unter Londonern sehr umstrittenen Wolkenkratzer. Es brauche Zeit, bis man gute Architektur erkenne und sie zu schätzen lerne. Das Hochhaus sei kein Symbol für Macht, wie viele behaupten. „Es ist glitzernd und flirtend – wie ein Kaleidoskop, in dem sich London widerspiegelt“, sagt Piano.

In diesen Tagen glitzert allerdings wenig. Es spiegeln sich nur die dunklen Wolken in dem gläsernen Turm mit seinen 72 Stockwerken. Er steht eingekeilt zwischen dem Großbahnhof „London Bridge“ mit seinen Eisenbahn-, U-Bahn- und Buslinien, zwischen gesichtslosen Verkehrsschneisen und alten Zweckbauten am südlichen Themse-Ufer. Der Platz vor dem „Shard“ ist eher knapp, er reicht nicht aus, um bis zur Spitze hinauf schauen zu können.

Dafür sticht das 1,5 Milliarden Pfund teure Projekt aber von fast überall sonst in London ins Auge und bringt das Blut der sonst eher unterkühlten Engländer in Wallung. „Unnötiger Ausdruck von Größenwahnsinn“, schimpft Jake Simmons, ein IT-Experte, der in der Nähe arbeitet. „Totale Geldverschwendung, ein Angeberprojekt als längst vergangenen Zeiten“, schimpft seine Kollegin.

Auch Experten sind bislang unbeeindruckt. Als „architektonisches Blendwerk“ und das „Gegenteil von nachhaltig“ bezeichnete Architekt Ken Shuttleworth das Gebäude. Der US-amerikanische Kolumnist und Kulturkritiker Christopher Caldwell fragte: „Wer braucht den Shard, wenn man Shakespeare hat?“. Und für andere Kritiker und Architekturexperten ist der Bau der Glasscherbe ein erneuter Beleg für das chaotische und konzeptlose Planungssystem der britischen Hauptstadt, in der nur das schnelle Geld zähle, aber nicht die Ästhetik.

Entstanden ist die Idee für die Scherbe vor etwa zwölf Jahren. Der Immobilienentwickler Irvine Sellar, einer der wichtigen Investoren und Ideengeber in der britischen Baubranche, kauft das Grundstück und trifft sich auf Empfehlung eines Freundes mit Stararchitekt Renzo Piano. Sellar schlägt ihm den gemeinsamen Bau eines Wolkenkratzers vor, um die vergleichsweise kleine Grundfläche optimal zu nutzen.

Piano habe zunächst nichts davon gehalten. Hochhäuser seien zu abweisend, wirkten zu arrogant. So erzählt es Sellar Jahre später in einem Gespräch mit Journalisten. Doch dann habe sich Piano die Speisekarte geschnappt und auf die Rückseite einen filigranen, sich nach oben hin verjüngenden Turm gezeichnet. Und dies mit den Worten kommentiert: So könne es gehen.


Was den Londonern den Wolkenkratzer schmackhaft machen soll

An dieser Grundidee haben Sellar und Piano festgehalten. Auch nach den New Yorker Terroranschlägen vom 11. September 2001, die bei vielen Menschen die Angst vor Hochhäusern auslösten. Nach den massiven Protesten von Organisation und der Denkmalschutzbehörde „English Heritage“, die die Politik durch eine öffentliche Anhörung ruhig zu stellen versuchte. Und nach Ausbruch der Finanzkrise, nach der Politiker und Führungskräfte weltweit zur mehr Demut und Bescheidenheit aufriefen.

Im Zuge des massiven Abschwungs stand die Finanzierung des Großprojekts zwar auf der Kippe. Doch Geldgeber aus dem Emirat Katar retteten den „Shard“.

London hat bereits seit einigen Jahren ein paar Wolkenkratzer – allen voran die sogenannte Gurke von Norman Foster. In Maßen können die Londoner mit solchen Hochhäusern ganz gut leben, die die Skyline dominieren und der altehrwürdigen St. Pauls Kathedrale Konkurrenz machen. Nur Prinz Charles verunglimpfte den Forster-Turm mal als „Eiterbeule“.

Doch langsam fürchten sie um die Skyline ihrer exzentrisch-selbstbewussten Metropole, wenn immer mehr Hochhäuser hinzukommen. Gleich drei Wolkenkratzerprojekte mit skurrilen Namen wie die „Käsereibe“ („Cheese Grater“) und das „Walkie-Talkie“ sollen in den nächsten Jahren fertig gebaut werden. Doch der „Shard“ wird auch über diesen stehen und in absehbarer Zeit der höchste Bau bleiben – obwohl er im internationalen Vergleich noch recht mickrig daherkommt. Die zerstörten New Yorker Zwillingstürme des World Trade Center waren mit jeweils mehr als 400 Metern bereits deutlich höher als der „Shard“. Und der derzeit höchste Wolkenkratzer weltweit, der „Burj Khalifa“ in Dubai, kommt auf rund 830 Meter.

Um den Londonern das neueste Mega-Bauwerk näher zu bringen, gingen Piano und Sellar einen ungewöhnlichen Schritt: „Shard“ bekommt eine Aussichtsplattform, für jedermann zugänglich für einen Eintrittspreis von knapp 25 Pfund pro Person. „Ein privates Gebäude wird öffentlich“, betont der Architekt, „die Menschen werden es annehmen, davon bin ich überzeugt.“

Bis die Plattform begehbar ist, wird es aber noch einige Monate dauern. Innen ist das Gebäude noch überwiegend eine Baustelle. Erst im nächsten Jahr werden Restaurants und ein Luxushotel der Kette Shangri-La eröffnet. Wer in die Büros einziehen wird, steht noch nicht fest. Auch einige Apartments sind Teil des Gebäudes. Noch sind sie zu haben – für etwa jeweils 50 Millionen Pfund, schätzen Fachleute. Doch der genaue Preis steht noch nicht fest. Man müsse erst eine Bewertung des Gebäudes vornehmen, sagt Sellar.


Warum Architekten einen gefährlichen Job haben

„Eine vertikale Stadt“ nennen Sellar und Piano diese Mischung aus Büros und Apartments, Restaurants und Hotel. 12 500 Menschen sollen hier mal arbeiten. Doch gerade mal 48 Parkplätze stehen ihnen im Keller zur Verfügung. „Dieses Gebäude hat eine Seele“, betont Renzo Piano und es klingt fast poetisch: „Nachhaltigkeit und Ökologie sind Teil dieser Seele, die den Nutzern des Gebäudes sagt, sie sollten künftig stärker öffentliche Verkehrsmittel nutzen und nicht das eigene Auto.“

Eigentlich müsste Piano massive öffentliche Kritik gewohnt sein. Schon das Centre Pompidou in Paris, das er Anfang der 70er Jahre gemeinsam mit seinem britischen Freund Richard Rogers entworfen hat, wurde wegen seines bunten Röhrengeflechts als Außenfassade lange verhöhnt und verlacht.

Doch die Kritik am „Shard“ setzt ihm offenbar doch stärker zu, als er zunächst zugibt. Das wird offensichtlich, je länger er über dieses Projekt spricht, je mehr Gründe er anführt, warum man es mögen sollte. Es sei äußerst energieeffizient. Man habe beim Bau gleich etliche Innovationen gleichzeitig eingeführt. Man habe nichts von London zerstört durch das Gebäude, sondern im Gegenteil, den südlichen Teil der Stadt, wo die Metropole ihre Wurzeln habe, aufgewertet.

Piano, Sohn eines Bauunternehmers, ausgebildet in Florenz und Mailand, drückt seinen Gebäuden nicht immer denselben Stempel auf. Seine Werke sind extrem unterschiedlich – harmonisch und wellig das Zentrum Paul Klee in Bern, sehr geschichtsbewusst die Konzerthalle Parco della Musica in Rom, markant und schwer der Debis-Turm in Berlin.
Sie müssten zunächst ihren Zweck erfüllen, aber auch gut gebaut sein und etwas Magisches haben, erklärte er vor einigen Jahren in einem Interview. Als undogmatisch, äußerst geschmeidig und wandelbar gilt er daher in der Brache, aber auch stets sehr präzise arbeitend.

Architekten hätten einen gefährlichen Job, sagt Piano. Sie dürften sich keine Fehler machen. Wenn sie sich einen Schnitzer leisten, dann sei dieser für lange, lange Zeit sichtbar.

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