Schwimmende Wohnhäuser: Mein Haus im See

Schwimmende Wohnhäuser: Mein Haus im See

, aktualisiert 21. August 2016, 09:31 Uhr
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In dicht besiedelten Regionen, wo Wohnungsmärkte angespannt sind, könnte das Wasser nach Expertenmeinung zur Ausweich-Option werden.

Quelle:Handelsblatt Online

In Deutschland gibt es vermehrt Häuser, die nicht auf Grund gebaut sind, sondern auf Gewässern treiben. Können solche Hausboote Städte mit Wohnungsnot entlasten?

GeierswaldeVor dem Haus ist kein Auto, sondern ein Boot geparkt. Zur Tür führt ein Steg und auf der Dachterrasse ist es etwas wacklig: Nicht am - sondern im Wasser befinden sich diese Gebäude an der Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg. Feriengäste beziehen ihre Zimmer während kleine Boote auf dem Geierswalder See vorbei schippern. Schwimmende Wohnhäuser gibt es auch andernorts, noch sind solche Bauten in Deutschland aber selten. In dicht besiedelten Regionen, wo Wohnungsmärkte angespannt sind, könnte das Wasser nach Expertenmeinung aber zunehmend zur Ausweich-Option werden.

In der Lausitz gibt es seit einigen Jahren in gefluteten ehemaligen Braunkohle-Gruben an mehreren Stellen solche Bauten. Sie werden vor allem touristisch als Ferienhäuser genutzt, einige sind aber auch in Privatbesitz. Mit der Idee vom Wohnen auf dem Wasser sollte gezeigt werden, was bei der Renaturierung von Braunkohlerevieren möglich sein kann. Schwimmende Häuser sind eine Art Weiterentwicklung des Hausboots und haben keinen Motor.

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Im Geierswalder See stehen die fünf Häuser mit Obergeschoss und Dachterrasse auf Stahlpontons, die aus dem Wasser herausragen. Die Gebäude - viel Glas und nüchternes Design - sind an einer Steganlage an Pfählen befestigt, damit sie nicht wegtreiben. Unter Wasser verlaufen Leitungen, die die Häuser vom Festland aus mit Strom und Wasser versorgen und das Abwasser entsorgen. Die Nachfrage nach solchen Bauten ist offensichtlich da: Das brandenburgische Familienunternehmen Wilde Metallbau GmbH aus Massen hat als Entwickler und Bauer der Häuser nach eigenen Angaben mehrere Kaufinteressenten.

Der Immobilienverband Deutschland (IVD) verzeichnet ein steigendes Interesse am Wohnen auf dem Wasser. „Es gibt eine hohe Nachfrage“, sagt IVD-Bundesgeschäftsführerin Sun Jensch. Dahinter stecke der Wunsch nach individuellem und kreativem Wohnen. Vorreiterstädte seien Hamburg und Berlin. Wie viele schwimmende Häuser es in Deutschland gibt, sei statistisch aber nicht erfasst. Das liege auch daran, dass es fließende Übergänge zwischen schwimmenden Häusern und Häusern am beziehungsweise über Wasser mit fester Verankerung gebe.

Der Stadt Hamburg liegen aktuell Anträge für neue schwimmende Wohnhäuser vor, wie die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen mitteilt. Man stehe dem Wohnen auf dem Wasser grundsätzlich positiv gegenüber. Nach IVD-Einschätzung kann das Wohnen auf dem Wasser dazu beitragen, angespannte Wohnsituationen in Städten zu entspannen. „Masseneffekte wird es aber nicht geben“, sagt Jensch. Das Preisniveau für den Bau eines schwimmenden Hauses liege derzeit ungefähr zwischen 350 000 und 500 000 Euro.


Bürokratische Hürden für Hausboote

Das passende Gewässer gibt es auch nicht überall. Und wer ein schwimmendes Haus bauen will, braucht offensichtlich einen langen Atem, denn es gibt bürokratische Hürden. Für jedes Haus sei eine Einzelgenehmigung notwendig, weil in den meisten Bauordnungen der Länder schwimmende Häuser gar nicht auftauchten, sagt Wissenschaftler Peter Strangfeld. „In den Behörden fragt man sich dann: Ist es ein Schiff oder ist es ein Haus?“

Seit Jahren untersucht Strangfeld vom Institut für schwimmende Bauten an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg das Potenzial des Wohnens auf dem Wasser. Bei hohem Wellengang kann es vorkommen, dass es ordentlich ruckelt in den rund 100 Quadratmeter großen Häusern im Geierswalder See, wie Strangfeld sagt. „Dann wackeln die Teller auf dem Tisch.“

Vorreiter auf dem Gebiet seien die Niederlande, sagt der Wissenschaftler. „Da werden die Häuser am Fließband gebaut.“ Weil mit dem Rückbau von Dämmen Bauland verloren gehe, werde dort verstärkt nach Wohn-Alternativen gesucht. Aber auch in Deutschland werde der Markt in Zukunft anziehen, schätzt Strangfeld. „Noch sind die Häuser Exoten, aber es werden mehr hinzukommen.“

Als einen Grund nennt Strangfeld den steigenden Meeresspiegel durch den Klimawandel. Dadurch werde Bauland in Küstengebieten verloren gehen. Zudem seien in dicht besiedelten Städten und Regionen, wo Wohnraum schon jetzt knapp ist, Häuser auf dem Wasser eine zusätzliche Option.

Aber auch der Faktor erneuerbare Energie spiele eine Rolle, denn die im Wasser gespeicherte Wärme könne für die Heizung in den Häusern genutzt werden. „Und im Sommer können sie mit dem Wasser gekühlt werden“, sagt Strangfeld. Mit dem Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden sowie weiteren Forschern und Projektpartnern arbeitet Strangfeld an einem vom Bund geförderten Konzept für ein Haus, das sich mit Strom, Wärme und Wasser selbst versorgen kann. Im nächsten Jahr soll ein solches Gebäude in einem See in Südbrandenburg entstehen.

Ein ähnliches Konzept ist derzeit für einen Kiessee in Nordrhein-Westfalen in der Entwicklung. Auf einem Baggersee bei einem Kieswerk in Kalkar in der Nähe der niederländischen Grenze soll nach Firmenangaben einmal eine ganze Häusergruppe entstehen, die ihre Energie und Wärme ausschließlich aus Sonne und Wasser gewinnt.

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg ist an dem Konzept beteiligt. Seen seien im Winter im Vergleich zu ihrer Umgebung wärmer und eigneten sich daher sehr gut als Quelle für Wärmepumpensysteme, sagt Experte Sebastian Herkel. So könnten die Häuser beheizt werden. Ideal sei Wohnraum auf dem Wasser auch für die Nutzung von Photovoltaikanlagen, weil der See unverbaut sei und es dadurch keinen Schatten gebe.

Quelle:  Handelsblatt Online
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