_

Wohnungsmarkt München: Immobilienblase an der Isar

von Stefan Hajek

Im Münchner Stadtteil Laim kann man derzeit besichtigen, was passiert, wenn einer Stadt der Raum ausgeht. Alte Häuser werden abgerissen, zu wenig neue gebaut. Wer kaufen will, muss schnell sein.

München Quelle: LAIF/Michael Riehle
München Quelle: LAIF/Michael Riehle

"Es is a Jammer", klagt ein Anwohner in Polohemd und Sandalen. "Die ganzen schönen alten Häuser reißen’s ab", mosert er, "da baun’s dann sechs, sieben greisliche Reihenhäusl nauf, wo vorher eins war." Typische Münchner Kaffeemühlen-Häuser prägten bis vor Kurzem die ruhigen Seitenstraßen links und rechts der Agnes-Bernauer-Straße: biedere, zweistöckige Gebäude mit quadratischem Grundriss und Walmdach, etwas klobig, nichts Luxuriöses, aber solide. Inzwischen sind sie selten. Denn die frei stehenden Kaffeemühlen stehen auf großen Grundstücken, nicht selten 2.000 Quadratmeter groß; sie werden von den Erben oft abgerissen, die Grundstücke aufgeteilt. Nachfrage ist mehr als genug da, die Gegend beliebt: ruhig, aber zentral; nicht weit vom Nymphenburger Park und trotzdem schnell an der Stuttgarter Autobahn und der U-Bahn zur Innenstadt.

Anzeige

Für ein Laimer Reihenhäuschen interessierten sich Max Schilling, 38, und seine Frau. Der Jurist hatte sich einen kleinen Neubau in der Agricolastraße ausgeguckt, einer typischen Laimer Wohnstraße: kaum Durchgangsverkehr, gepflegte Vorgärten, den parkenden Autos nach wohnen viele Familien hier. Kombis und Vans sind deutlich in der Überzahl, Sportwagen die Ausnahme. 890.000 Euro sollte das Häuschen kosten, 140 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Etagen, in zweiter Reihe, ohne Stellplatz oder wenigstens Zufahrtsmöglichkeit. Schillings zögerten. "Wir wollten uns das noch mal zwei Tage durch den Kopf gehen lassen, schließlich ging es um fast eine Million Euro." Aber der Verkäufer drängte; er habe noch ein Dutzend weitere Interessenten an der Hand.

Entscheidungen über Millionen werden in Minuten gefällt

"Das ist doch irre!", findet Schilling. "Wenn ich einen Fernseher kaufen will, lese ich einen Testbericht, recherchiere die Preise im Internet, lasse mich im Fachhandel beraten; am Ende habe ich bestimmt einen halben Tag investiert für eine Investition von 499 Euro – hier soll ich in zwei Stunden eine Kaufentscheidung über eine Million Euro fällen." Niklas Richter, 42, ebenfalls Jurist, war sich mit dem Verkäufer schon einig. Die Finanzierung war klar, der Notartermin stand. "Einen Tag davor rief die Maklerin an und sagte, wir müssten noch mal über den Preis reden, es gebe plötzlich einen anderen Interessenten, der deutlich mehr biete – von einem Tag auf den anderen sollten wir noch mal 120.000 Euro drauflegen."

Immobilienblase in München

"Wer zögert, hat keine Chance", sagt Immobilien-Investor Robert Weiher. Seine Familie ist seit Jahrzehnten im Münchner Markt aktiv; Eltern und Brüder sind Bauträger, Projektentwickler, Bestandshalter. Auch er selbst besitzt "ein kleines, bescheidenes Portfolio", sagt er. Aber was "momentan in München abgeht", meint der Bayer, "das hat Züge einer Blase, auf jeden Fall ist es ein Hype". Objekte in der richtigen Größe – drei bis fünf Zimmer – seien "in zwei bis drei Tagen vom Markt", beobachtet Weiher, "aber die guten Sachen kriegen Sie eh nicht übers Internet oder die Zeitung; die sehen Sie auch nicht bei den Maklern im Schaufenster".

Die Vermögensverwalter der Superreichen hätten sich "ein eigenes Netz aus Maklern und Projektentwicklern aufgebaut"; alle suchen Immobilien für ihre Kunden. Weiher: "Wenn in München was wirklich Interessantes auf den Markt kommt, geht es diesen Weg; da stehen Leute dahinter, für die es auf ein paar Hunderttausend mehr nicht ankommt." Weiher kennt aber auch "immer mehr Leute, die ihre Häuser und Wohnungen neu beleihen, um weitere dazukaufen zu können". Seit drei Jahren hat Weiher selbst keine Wohnung mehr gekauft, obwohl er sein privates Portfolio "gern erweitert hätte" – zu teuer. Sein letzter Kauf war eine Wohnung im ehemaligen AOK-Gebäude in der Maistraße; die aufwendig sanierte "Trutzburg des Wohlstands" ("Süddeutsche Zeitung") hört heute auf den Namen "Isar-Stadtpalais". 4.800 Euro für den Quadratmeter hat Weiher vor drei Jahren für sie bezahlt. Vor Kurzem bat ihn sein Mieter, sie ihm zu verkaufen; er bot 7.500 Euro für den Quadratmeter.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 18.08.2011, 17:13 UhrNeu machts nicht besser

    ich verstehen den Hype um die neuen Projekte ohnehin nicht. Die sehen alle gleich aus - die Fassaden werden uns in 5 Jahre furchtbar langweilen - sie sind schweine teuer und die Lagen sind nicht doll.

    Warum nicht lieber ein clevere Alternative machen in einem Viertel was OK ist, zwei Wohnungen nebeneinander kaufen ( € 2.300/qm statt € 4.700) die schön aber wesentlich günstiger sanieren und umbauen, und schon ist das private Domizil um ein vielfaches individueller, günstiger und zukunfstsicherer, als der Einheitsbrei.

  • 17.08.2011, 19:21 UhrRichtig suchen

    Das ist im überhitzten Markt in München wahrscheinlich so wie bei uns in Hamburg. Der Gewinn liegt im Einkauf der Wohnung und wenn Sie vor 11 Jahren einen hohen Preis gezahlt haben, zwischenzeitlich Leerstand hatten, fällt die Rendite blitzschnell unter das angenommene Modell.

    Daher vorher auch die Lage genauestens prüfen und somit die Suche radikal einschränken und gerne mal in die 2b Lagen schauen. Und sich nie eine Wohnung schön reden, sondern Fragen für sich beantworten. Diese hatten mir geholfen: http://trends-tipps.patrizia.ag/index.php/2011-03/immobilienkauf-und-besitz/die-mikrolage-einer-immobilie/

    Suchen lohnt sich, gerade jetzt.

  • 10.08.2011, 11:39 Uhrcash cow

    Logisch
    Die Situation in München ist sicher nicht ganz so extrem, wie hier geschildert. Dass Wohnraum knapp wird ist aber richtig und auch logisch.
    bei dem aktuell gültigen Mietrecht, bei dem der Vermieter praktisch immer der böse ist, bei einer laschen Justiz, die Mietnomaden schont aber erbarmungslos Autofahrer, die 10 km/h schneller fahren, verfolgt, wird kein vernünftiger Mensch mehr Wohnungen als Kapitalanlage zum
    Vermieten kaufen!
    ich habe voriges Jahr meine letzte schöne Wohnung im Münchner Umland verkauft - mit erheblichem Verlust in den letzten 11 Jahren.
    Wohnungskauf als Geldanlage ist ein Ammenmärchen!

Alle Kommentare lesen

Tool: Immobilienscout24

Immobilien-Wertfinder

Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet.

weitere Fotostrecken

Blogs

Es kann bis 9000 gehen
Es kann bis 9000 gehen

Die Rally läuft, und sich dagegen zu stemmen, ist gefährlich. Mindestens ein kräftiger Schub sollte noch kommen – nach...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 18.05.2013

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.