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Interview mit Dirk Müller: "Wir sind in der Endphase"

18. Oktober 2011
Börsenmakler und Quelle: APBild vergrößern
Börsenmakler und Bestsellerautor Dirk Müller. Foto: AP Photo/Michael Probst Quelle: AP
von hac Handelsblatt

Das Finanzsystem steht am Abgrund. Nur ein Neustart kann helfen, meint Dirk Müller, Börsenmakler und Bestseller-Autor. Im Interview erklärt er, warum der Fehler im System liegt und der Euro nicht funktioniert.

Herr Müller, die Finanzkrise begann mit einer Immobilienkrise, dann kam die Bankenkrise, jetzt haben wir die Staatsschuldenkrise – wie kommen wir da wieder raus?

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Indem wir ganz von vorn anfangen. Unser Finanzsystem ist am Ende. In den USA beträgt die Gesamtverschuldung der Bürger, des Staates und der Industrie bereits 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das ist historisch einmalig. Das führt dazu, dass ein großer Teil dessen, was die Bürger erwirtschaften, für Zinsdienste abfließt. Diese Zinsen werden in der Regel nicht wieder in die Wirtschaft investiert, sondern stapeln sich bei denjenigen, die bereits sehr viel besitzen. Das soll nicht klassenkämpferisch klingen – ich gehöre keiner Partei an. Ich erkläre nur, wie das System funktioniert beziehungsweise dass es nicht ewig funktioniert.

Sie meinen, der Fehler liegt im System?

Unser Finanzsystem ist so beschaffen, dass es alle paar Jahrzehnte  neu gestartet werden muss. Der grundlegende Fehler ist folgender: Alles Geld, was wir erzeugen, ist Schuldgeld. Das heißt: Geld entsteht, indem jemand einen Kredit aufnimmt. Allem Geld, das im Umlauf ist, steht auf der anderen Seite Kredit gegenüber. Wenn die Staaten extrem hohe Schulden haben, dann muss auf der anderen Seite jemand sein, der genau diese Summe an Vermögen hat. Wenn die Bundesrepublik jährlich 40 Milliarden an Zinsen für ihre Schulden zahlt, dann muss irgendjemand 40 Milliarden an Zinsen kassieren.

Dann gleicht sich doch alles wieder aus.

Das könnte man meinen. Das Problem ist nur: Über die Jahrzehnte sammelt sich das Geld bei immer weniger Menschen an, während die Masse immer weniger davon hat. Für den Bürger spielt es am Ende gar keine Rolle, wo in diesem System die Schulden liegen – er zahlt am Ende immer; er zahlt seine eigenen Schulden sowieso, die des Staates über die Steuern, und die der Unternehmen über die Produkte, die er kauft, weil da die Zinsen in die Preise eingerechnet sind.

Die privaten Haushalte in Deutschland sind vermögend.

Die privaten Haushalte in Deutschland haben fünf Billionen Euro an Vermögen. Aber das Geld ist sehr ungleich verteilt. Die Hälfte der Bevölkerung hat davon nur vier Prozent. Und die obersten zehn Prozent besitzen fast zwei Drittel dieses Vermögens. Das geht so lange gut, bis die Masse die Zinslast nicht mehr tragen kann, bis sie den Gürtel nicht mehr enger schnallen und der Staat keine Leistungen mehr streichen kann.

Haben wir nichts aus vergangenen Krisen gelernt?

Nur weil wir in den letzten Jahrzehnten keine Staatspleiten in Europa hatten, denken wir, wir seien schlauer als vorherige Generationen. Das sind wir nicht. Wir machen die gleichen Fehler.  Nur eines ist anders: Früher gab es die Globalisierung nicht. Die Staaten waren relativ abgeschlossene Systeme. Wenn einer zusammengebrochen ist, hat das nicht gleich alle anderen mitgerissen. Wenn das jetzt passiert, dann ist das nicht mehr beschränkt auf ein oder zwei Länder. Deshalb hat die aktuelle Krise eine ganz andere Dimension als frühere.

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Kommentare | 48Alle Kommentare
  • 18.10.2011, 15:01 UhrSteigenberger

    So sehr man Mr. Dax für seine direkte u. offene Art schätzen mag;

    hier schmückt er sich mit seinem "reset" mit fremden Federn.

    Der amerikanische Konjunkturforscher Harry Dent erwartet schon

    2012/13 ein deleveraging der Schulden, was in seiner Konsequenz zu einer grossen Deflation führen wird:

    Aktien, Gold, Rohstoffe u. immos alles wird stark abwerten.

    Dent rechnet mit einer Drittelung des Dow Jones auf ca. 3800 !

    Nach dem heilsamen Deleverageing werden aber ca. 2015/-16 neue
    starke Wachstumskräfte freigesetzt, die eine Konjunktur u. börsen-
    erholung mit sich bringen werden, nur ist es schwer von einem so
    niedrigen Stand wie 388 beim Dow die alten höhen in absehbarer
    Zeit wieder zu sehen.
    Möller u. Dent´s Szenario können aber nur dann bald heilsam auf-
    gehen, wenn die Fed u. EZb aufhören mit der Geldmengenausdehnung u. den Niedrigzinsen, die die wirtschaftliche
    Realität verzerren u. den Druck von den Regierungen nehmen rasch
    eine grundlegende Neuordnung der Finanzen durchzuführen.
    bei fast 0 % Zinsen u. 3-4& inflation machen die Staaten doch
    noch ein Geschäft; denn gemäß Zinseszinsformel werden so in 10
    Jahren die Schulden um 30 -40% reduziert auf Kosten der sparsamen bürger !

  • 18.10.2011, 15:20 UhrRobin

    Was die offensichtliche Fehlkonstruktion des Euro angeht, so hat Müller Recht. Abenteuerlich ist dagegen seine wohl unbewußte Anleihe an der Verelendungstheorie von Altvater Marx. Ein logischer Zusammenhang zwischen Verschuldung, Krise und einseitiger Vermögensbildung ist nicht zu erkennen, geschweige denn nachweisbar.. Die hausgemachte Staatsverschuldung in Deutschland, die ja explizit bei derzeit etwa 2,1 billionen liegt, hat nichts zu tun mit der angeblich ungerechten Vermögensverteilung, sondern ist vorrangig auf unsere hypertrophierten Sozialsysteme zurückzuführen. Alle bundesregierungen nach Ludwig Erhard konnten der Versuchung nicht widerstehen, sich mit über Neuverschuldung finanzierten sozialen Wohltaten bei den Wählern anzubiedern. So hat sich der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte in den letzten vierzig Jahren mehr als verdreißigfacht. Die durchschnittliche Pro-Kopf-Verschuldung lag Ende der 70er Jahre bei umgerechnet 1053 Euro, Ende 2010 bei 24904 Euro. Allein in der ersten, laut Regierungs-Desinformation so segensreichen Euro-Dekade ist die Schuldenquote um 70 % explodiert. Hier bewegt sich Müller argumentativ eindeutig auf dem Holzweg. Hier verwechselt der Self-made-Ökonom Hamlet mit Kotelett.

  • 18.10.2011, 15:20 UhrWaisenkind im Mondschein

    Wer meint Hr. Dirk Müller mit WiR? Die bürger sicherlich nicht, viele hatten erhebliche bedenken gegen die Euroeinführung und dies hatte und hat nichts mit Europafeindlichkeit zu tun.

    Die zahlreichen Fehlentwicklungen, die Wettbewerbsverzerrungen und Marktverwerfungen, begünstigt und beschleunigt durch den Euro, dies haben die normalen bürger seit Jahren erfahren.

    Wer permanent und dauerhaft Zahlungs-, Leistungs- und Handelsbilanzen aus polititischen Gründen ignoriert, das Zinsniveau einebnet, den Wechselkurs als Korrektiv konsequent ausschaltet, landet irgendwann in der Schulden- und Verschuldungsfalle. Und dann kommen Staatsanleiheaufkäufe, Rettungsschirme, Stabilitätsfonds, Eurobonds und permanente Konferenzen über gescheiterte Rettungsversuche.

    Man will nur das sehen, was man auch sehen will. Was nicht in das Weltbild passt, wird angepasst, ignoriert oder umgedeutet.

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