
Handelsblatt: Herr von Metzler, ihre Familie ist seit 334 Jahren im Bankgeschäft. Sind in der aktuellen Krise, die mit voller Wucht auf die Wirtschaft durchschlägt, Skandale wie der Fall Madoff ein besonders harter Einschnitt?
Von Metzler: Den Fall Madoff müssen wir von der Finanzkrise insgesamt trennen, auch wenn er zeitlich mit ihr zusammenfällt. Madoff ist jahrzehntelang mit großer krimineller Energie vorgegangen. Gegen Betrug und kriminelle Machenschaften kann man sich oft nicht schützen, und es helfen nur drakonische Strafen. Das ist aber ein Einzelfall. Die Finanzkrise hat viele Väter und ist im unglücklichen Zusammenspiel vieler Einzelfaktoren entstanden. Natürlich trifft sie uns ebenfalls - Gott sei Dank aber nur mittelbar. Wir haben schon viele kritische Situationen er- und überlebt.
Wann?
Denken sie nur an die 30er-Jahre des vergangen Jahrhunderts. Das Ausmaß der Krise und ihrer Auswirkungen insgesamt ist jedoch ungewöhnlich. Die Menschen in den Banken und in den Anlagegesellschaften müssen einfach wieder ihren gesunden Menschenverstand einschalten und nicht mehr nur auf mathematische Modelle vertrauen. Statische Modelle, die die Risiken in der Finanzindustrie messen, verlieren eben in Zeiten wie heute ihre Gültigkeit. Doch zum Glück haben die Regierungen und Notenbanken die Krise bislang gut gemanagt.
Warum?
Mein Vater hat immer gesagt, die Zentralbanken hätten aus den Katastrophen der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viel gelernt. Sie verknappen nicht mehr das Geld, sondern helfen dem Markt mit Liquidität. Gleichzeitig ist der Start des Sonderfonds Finanzmarktstabilität (Soffin) ein Gewinn für die Finanzindustrie und wird mit den zur Verfügung stehenden Geldern über knapp 500 Mrd. Euro zur Beruhigung beitragen. Die Mitteilung über die Soffin-Gründung war in Deutschland die erste wichtige Nachricht nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers Mitte September.
Zapft das Bankhaus Metzler den Rettungsfonds an?
Nein, warum auch? Wir brauchen kein Geld und sind durch unser Geschäftsmodell sehr liquide. Wir haben weder für die Bank noch für unsere Privatkunden strukturierte Finanzprodukte, Kreditderivate, wie Collateral Debt Obligation oder Credit Default Swaps gekauft. Und Zertifikate spielen in der Anlagepolitik ebenfalls weder für die Bank noch für unsere Kunden eine Rolle. Wir haben nie verstanden, was an den meisten Zertifikaten besser sein sollte als an einer klassischen Aktien- oder Anleiheanlage. Unsere Stärke liegt in der Analyse und der Auswahl der Wertpapiere sowie einer langfristig angelegten Streuung der Risiken. Auch im Hinblick auf mögliche Inflations- und Deflationsszenarien. Deswegen ist unser Haus so lange erfolgreich am Markt. Deswegen streben wir für unsere Kunden auch realistische Renditeziele an. Auf Dauer hat sich das bislang immer gelohnt.
Sie kommen nicht ungeschoren aus der Krise heraus, oder?
Natürlich sind wir betroffen - wenn auch nur mittelbar. Selbst wenn wir gerade in der Krise erfreulich viele neue Anlagegelder bekommen, sind im abgelaufenen Jahr angesichts des Kurseinbruchs die verwalteten Vermögensanlagen um etwa 15 Prozent gesunken. Und dass sich im Corporate Finance, der Beratung der Unternehmen, die Firmen angesichts der Krise zurückhalten, ist auch kein Geheimnis ... Das Aktiengeschäft für deutsche und internationale Anleger war im abgelaufenen Jahr recht erfreulich. Insgesamt halten wir uns gut und sehen uns in unserer Strategie bestätigt.
Brauchen wir eine Bad Bank, in der alle faulen Kredite und toxischen Wertpapiere gesammelt und danach abgebaut werden?
Wir als Metzler brauchen diese glücklicherweise nicht. Die Bad Bank ist möglicherweise für die Banken ein praktikabler Weg auf dem Weg zu normalen Verhältnissen. Vergessen Sie bei diesen Überlegungen aber nicht, dass gerade die privaten Banken in Deutschland sich noch gut behauptet haben. In anderen Ländern sind die Verwerfungen viel einschneidender. Für Deutschland gilt: Es dauert seine Zeit, bis das Vertrauen unter den Banken wieder zurückkehrt. Gerade im Interbankenmarkt, wo sich die Institute gegenseitig Geld leihen, kommt die Entspannung nicht von heute auf morgen.
So lange sollen die Notenbanken Geld in den Markt pumpen?
Ja, das muss wohl sein. Es stellt sich aber schon die Frage, wann die Zentralbanken wieder das Geld verknappen können. Denn auf Dauer müssen sie das, ohne Frage. Wir müssen wieder weg von dem vielen vagabundierenden Kapital. Das hat die letzte Finanzblase und deren Platzen auf das Deutlichste gezeigt. Aber grundsätzlich stehen wir wohl oder übel unter Umständen erst einmal vor deflationären und dann mit hoher Wahrscheinlichkeit vor inflationären Zeiten. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Kommt es zu einer Fusionswelle bei den Banken?
Da sind wir doch schon mitten drin bei den großen Instituten. Schauen Sie in die USA, wo etwa die Bank of America Merrill Lynch gekauft hat und Bear Stearns und Washington Mutual in JP Morgan Chase aufgingen. Und in Deutschland ist mit der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank und den Einstieg der Deutschen Bank bei der Postbank auch einiges in Bewegung. Für uns selbst kann ich mir in Deutschland allerdings keinen Fusionskandidaten vorstellen. Unser Geschäftsmodell als Investment- und Vermögensverwaltungsbank zeigt sich äußerst tragfähig. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir uns an die Zeit erinnert, in der es in Deutschland einen funktionierenden Kapitalmarkt gab, und unverdrossen auf dessen Renaissance und die Aktienanlage gesetzt, als dies noch lange kein Thema war. Wir bekamen recht.
Liegt der Strickfehler der Banken im Gehalts- und Bonisystem?
Ich sehe das auch kritisch. Unsere Mitarbeiter bekommen keinen Bonus, der sich lediglich am kurzfristig messbaren Geschäftserfolg ausrichtet. Es kommen auch andere Faktoren wie die Teamarbeit, die strategische Weiterentwicklung der Bank oder der langfristige Erfolg zum Tragen. Grundsätzlich sollte in unserer Industrie der größte Teil der an feste Formeln geknüpfte Vergütungen zwei bis drei Jahre stehen bleiben und nicht bar ausgezahlt werden. Abzüge greifen, sobald die Erwartungen mittelfristig nicht erfüllt werden. Ohnehin sind manche, in der Vergangenheit gezahlten, exorbitanten Vergütungen für mich nicht vermittelbar.
Werden die Banken künftige Krisen vermeiden nach den jüngsten Erfahrungen?
Solange es Kapitalmärkte gibt, wird des auch Übertreibungen geben - nach oben wie unten. Die Fehler sind immer die gleichen. Modelle, Regelwerke und feste Schemata schaffen eine vermeintliche Sicherheit. Der gesunde Menschenverstand ist aber durch nichts zu ersetzen.
Das Geheimnis der Langlebigkeit
Das Bankhaus
Seit 334 Jahren ist das Bankhaus Metzler in Familienbesitz. Die Entwicklung des Instituts war über die Jahrhunderte immer eng mit der Geschichte der Gründerfamilie verbunden. Als wichtigstes Ziel der Metzlers galt immer, die Unabhängigkeit des Bankhauses zu bewahren. Das gilt bis in die heutigen Tage. Das Bankhaus ist ursprünglich aus dem Tuchhandel hervorgegangen. Der aus Sachsen eingewanderte Benjamin Metzler gründete das Unternehmen 1674 in Frankfurt. Schrittweise wurden der Warenhandel und das Geldgeschäft gekoppelt.
Die Person
Der 65-jährige Friedrich von Metzler zählt zu den wenigen Bankern, denen trotz der Finanzkrise noch Vertrauen geschenkt wird. Mit neun Partnern führt er B. Metzler seel. Sohn & Co in der elften Generation. 1971 stieg Metzler mit seinem Vetter Christoph in die Geschäftsleitung der Bank ein. Angesichts von einigen Jahren Erfahrung bei Banken in London, New York und Paris sowie bei der Deutschen Bank in Düsseldorf gab er dem Bankhaus eine angelsächsische Prägung. Trotz aller mathematischer Modelle setzt er auf den gesunden Menschenverstand.








