Kirchenimmobilien: Wein und Würstchen unterm Kreuz

Kirchenimmobilien: Wein und Würstchen unterm Kreuz

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Restaurant Hopper in Köln: Besondere Atmosphäre im Sakralbau

Die Kirchengemeinden schrumpfen, Tausende deutsche Gotteshäuser suchen neue Nutzer und Investoren. So verwandeln sich Kirchen in Lounges und Supermärkte – für Immobilienprofis ein spannender, aber schwieriger Markt.

Vor zwei Stunden ist Mickey Bosschert mit dem Auto in Amsterdam gestartet und erreicht nun Haarlo, ein Nest unweit der niederländisch-deutschen Grenze. Ziel der Immobilienexpertin aus der Großstadt ist die Dorfkirche. Das Backsteingebäude am Burculoseweg steht leer. Vor 26 Jahren wurde hier der letzte Gottesdienst gefeiert – damals beschloss die schrumpfende niederländisch-reformierte Protestantengemeinde von Haarlo, nur noch die andere ihrer beiden Kirchen zu nutzen. Am Burculoseweg trafen sich seitdem Gymnastikgruppen und Musikvereine, die aber nun im 2008 gebauten Gemeindezentrum üben. Daher will der Kirchenvorstand das überzählige Kirchlein nun verkaufen.

Das soll Mickey Bosschert in die Hand nehmen. Der Endfünfzigerin gehört das Immobilienentwicklungsbüro Reliplan, das seit 18 Jahren für ehemals sakrale Gebäude neue Nutzer sucht, aber auch für andere Spezialimmobilien wie Bunker, Bahnhöfe oder Schulen.

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In das Sint-Rosa-Klooster im Norden Amsterdams etwa hat Bosschert selbst investiert und vermietet dort an die Heilsarmee und die US-Filmproduktionsfirma Universal Pictures. Mit Hunderten abgeschlossener Projekte ist Reliplan in Europa der versierteste Dienstleister auf diesem Gebiet. Drei Dutzend Kirchen präsentiert Bosschert zurzeit auf der Reliplan-Homepage – eigentlich hat sie noch mehr im Angebot, die muss sie jedoch diskreter vermarkten, weil „die Gemeinden das so möchten“.

Der Umbau von Sakralbauten ist ein hochsensibler Markt

Himmelbett statt Hostien, Schlemmermenüs statt Abendmahl, Schulsport statt Niederknien, Sparbücher statt Segen – der Umbau von Sakralbauten in Wohnungen, Restaurants, Sporthallen oder Sparkassenfilialen ist ein hochsensibler Markt. Einer, der auch in Deutschland wachsen wird – das ist so sicher wie das Amen am Altar.

Denn an Weihnachten und Ostern sind die Kirchen zwar noch gefüllt bis zum Portal. Doch zum wöchentlichen Gottesdienst versammeln sich meist nur noch die Treuesten der Treuen der Gemeinden. Die schrumpfen durch Kirchenaustritte und Überalterung. In Deutschland gibt es heute rund zehn Prozent weniger Katholiken und rund 17 Prozent weniger Protestanten als noch Anfang der Neunzigerjahre.

Lange bauten Bischöfe so emsig Kirchen wie Bürgermeister Schwimmbäder. Längst bereuen die Kirchenoberen dies, weil Betriebs- und Heizkosten, Renovierungsbedarf und Leerstand sündhaft teuer sind und unvereinbar mit den sinkenden Kirchensteuereinnahmen.

Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) gibt die Zahl der Gotteshäuser, für die derzeit neue Nutzer gesucht werden, zwar nur mit 113 von 21 000 an. Nach Auskunft der Deutschen Bischofskonferenz wurden seit 1990 erst 300 katholische Kirchen geschlossen: Derzeit seien 600 der 24 000 Gotteshäuser „in einem Prozess, der sie nicht mehr für die liturgische Nutzung vorsieht“.

Die ganze Wahrheit wollen viele Bischöfe den Gläubigen noch nicht zumuten. „Holland“, sagt Herbert Fendrich, im Bistum Essen Beauftragter für die aufzugebenden Kirchen, „ist da viel weiter.“ Da es in den Niederlanden keine Kirchensteuer gibt, finanzieren die Gemeinden dort Gebäude und Personal selber. Deshalb haben sie, so Fendrich, „den finanziellen Druck viel direkter und viel früher gespürt“.

In den Niederlanden, so prognostiziert das katholische sozialkirchliche Institut in Nimwegen, müssen rund zehn Prozent der 2900 protestantischen und 17 Prozent der knapp 1800 katholischen Kirchen dicht-machen. Rechnet man die holländischen Schließungsquoten oder die von Essen (ein Drittel) und Frankfurt (ein Fünftel) vorsichtig hoch, werden von den 45 000 deutschen Kirchen nicht nur einige Hundert, sondern mehr als 10 000 langfristig überflüssig. Der Vorsitzende der Evangelischen Akademikerschaft, Manfred Keller, schätzt die Zahl gar auf 15 000: „Bundesweit wird ein Drittel aller Kirchen nicht mehr benötigt.“

Das Bistum Essen reduziert seinen Immobilienbestand bereits radikal. Seit der Bistumsgründung 1958 sank die Zahl der Katholiken in Ruhrgebiet und Sauerland von 1,5 Millionen auf 900 000. Dennoch wurden 120 neue Kirchen gebaut. Inzwischen sorgte eine bischöflich verordnete Fusionswelle dafür, dass die 343 Pfarreien, die es vor zehn Jahren gab, zu 43 Großgemeinden verschmolzen. Im zweiten Schritt strich Bischof Felix Genn zum Jahresbeginn 2009 die Zuschüsse für 96 von 340 Kirchen – ein Viertel des Bestandes.

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