Kleinstkredite: Mikrofinanzierung entwickelt sich zum Schneeballsystem

Kleinstkredite: Mikrofinanzierung entwickelt sich zum Schneeballsystem

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Mikrokredite Nicaragua

von Alexander Busch, Heike Schwerdtfeger und Annina Reimann

Sie sollten Armen helfen und Investoren Rendite bringen. Jetzt kippt das Erfolgsmodell der Mikrokredite. Was Anleger wissen müssen.

Darla Rani konnte ihr Glück kaum fassen: Gleich vier Mikrofinanzierer gaben der Frau aus dem südindischen Kankipadu Kleinstkredite, mit denen sie Stoffe und Garn kaufen und sich so eine Existenz als Näherin aufbauen sollte. Groß geprüft wurden weder Geschäftsmodell noch Personalien, manch einen Kredit bekam sie mit falschem Namen durch.

Mikrokredite, heftig propagiert von dem Ökonomen Muhammad Yunus aus Bangladesh, der 2006 dafür den Friedensnobelpreis bekam, galten als die Erfolgsgeschichte der Entwicklungspolitik. Die Idee: Menschen in Schwellenländern bekommen Kredite, um damit kleine Unternehmen zu gründen. Schon mit niedrigen, dreistelligen Dollar-Beträgen können sich viele eine Existenz aufbauen: Sie besorgen einen Ofen und backen Tortillas, oder sie kaufen eine Kuh und verkaufen die Milch.

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Investoren versprach das Modell neben einem reinen Gewissen respektable und von den Schwankungen der Finanzmärkte weitgehend unbeeinträchtigte Renditen. Indiens börsennotierter Mikrofinanzierer SKS beispielsweise kassierte 31,6 Prozent Zinsen – das ist meist immer noch weniger, als lokale Geldverleiher nehmen, die auch schon mal 50 Prozent verlangen.

Schneeballsystem

Das Geschäftsmodell lockte so mehr und mehr Kapital an. Morgan Stanley ist mit 500 Millionen Dollar im Geschäft. Die Bill & Melinda Gates Stiftung spendete sechs Millionen Dollar an CGAP, eine Mikrofinanzgruppe unter dem Dach der Weltbank. Die deutsche Staatsbank KfW ist mit 2,15 Milliarden Euro in 130 Ländern der weltgrößte Investor. Seit 2001 wuchs ihr Portfolio jährlich im Schnitt um 36 Prozent. Insgesamt investierten Anleger und Staaten schon mehr als 65 Milliarden Dollar in den Mikrofinanzmarkt.

Je mehr Geld aus den reichen Staaten floss, umso leichtfertiger wurden in manch armem Land Kredite vergeben – am Ende gab es selbst Geld für Konsum. Für Einheimische war es schnelles und einfaches Geld. Analphabeten besiegelten Verträge per Daumenabdruck, viele verstanden die Verträge nicht. Den Finanziers vor Ort fehlte die Zeit, Kreditnehmer ordentlich zu prüfen. Das Geld musste einfach raus. Ergebnis: Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh etwa hat jeder arme Haushalt im Schnitt rund zehn Mikrokredite. In ganz Indien haben Geldgeber über fünf Milliarden Dollar verliehen.

Darla Ranis Verdienst reichte nicht, um Kredit und Zinsen zu bedienen. Sie löste einen Kredit mit einem neuen ab – so wie Hunderttausende in Andhra Pradesh, wo etwa 80 Millionen Menschen wohnen. Das Schneeballsystem funktionierte zunächst. Aber mit jedem Kredit wurden die Summen größer, irgendwann waren mehr und mehr Inder überschuldet, die Kreditgeber wurden nervös und wollten Geld zurück.

Druck zu stark

Schuldner wurden zunehmend unter Druck gesetzt, durch Besuche, Ermahnungen, Drohungen. „Mitarbeiter der Mikrofinanzierer haben Frauen zum Verkauf ihres Haushalts, zum Stehlen, selbst zur Prostitution geraten, um Geld für die Tilgung hereinzuholen“, sagt Chandra Sekhar Reddy, Chef der indischen Nichtregierungsorganisation Apmas.

Hinzu kam der Gruppendruck: Mikrofinanzinstitute verleihen Geld häufig an Gruppen, in denen einer für den anderen einspringen muss. Säumige Schuldner, so das Kalkül, sollen durch den Druck der Gruppe, die gemeinsam haftet, zur Zahlung gebracht werden.

Am Ende wurde der Druck für viele zu stark. In Andhra Pradesh eskalierte die Situation: Völlig überschuldete Inder sollen sich, zur Tilgung gedrängt, das Leben genommen haben.

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