
Eine Kreditkrise jagt die nächste. Die ganze Welt ist verschuldet. Die ganze Welt? Nein. Zwei riesige Reiche auf diesem Planeten sind unter dem Strich schuldenfrei. Eines davon ist China, das andere Russland. Die Wirtschaft des ehemaligen Zaren- und Sowjetimperiums steht derzeit auf festen Füßen. "Russland zählt mittlerweile zu den größten Gläubigern. Das Land verfügt mit über 400 Milliarden US-Dollar über die dritthöchsten Devisenreserven weltweit", sagt Markus Jaeger von der Deutschen Bank. Diese setzt der Staat gezielt ein, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln. "Die russische Regierung drängt Banken zur anhaltenden Kreditvergabe. Davon profitieren vor allem russische Großunternehmen und Firmen mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung", sagt Rob Drijkoningen von ING Investment Management. "Denn die Banken suchen sich die sichersten Schuldner aus". Der staatliche Geldregen ist an der Börse zu spüren.
Russlands Aktien-Indizes haben Anlegern in den vergangenen zwölf Monaten viel Freude bereitet. Je nachdem, in welche Zertifikate auf Russland-Indizes sie investiert hatten, konnten sie mit ihnen ihr eingesetztes Kapital verdoppeln oder sogar verdreifachen. Und das mit einfachen Index- Zertifikaten. Deren Basiswerte haben sich ausgesprochen prächtig entwickelt: So ist beispielsweise der Russian Depositary Index (RDX) um rund 116 Prozent gestiegen, der Dax Global Russia um 121 Prozent und der RTX Mid sogar um 241 Prozent.
Die Rally könnte noch eine ganze Weile anhalten, denn der russische Aktienmarkt hat gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der Verluste aufgeholt, die Anleger seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers miterleben mussten. Und Russland bietet derzeit noch mehr Argumente als nur staatliche Unterstützung aus dem Kreml. "Russland gehört aus unserer Sicht zu den Top Trades für 2010", sagt Jochen Fischer von Goldman Sachs. "Denn die russische Wirtschaft profitiert gleichzeitig von mehreren Faktoren, die im Zusammenspiel sehr günstig sind: zum Beispiel eine weiter rückläufige Inflation, verbunden mit weiter sinkenden Zinsen", so Fischer. Der Inflationsdruck in Russland lässt in der Tat weiter nach. Die Verbraucherpreise stiegen 2009 gegenüber dem Vorjahr um 8,8 Prozent und damit weniger als 2008, als die Teuerung noch 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr betrug.
Aktuell liegt die Inflationsrate sogar bei nur noch 5,5 Prozent. Für russische Verhältnisse ist das enorm wenig. Das erlaubt der Zentralbank, ihre expansive Währungspolitik weiterführen und den Leitzins weiter zu senken - zuletzt am 19. Februar 2010 um 25 Basispunkte (0,25%) auf nun 8,50 Prozent. Das ist trotz Zinssenkung immer noch ein Wert, der attraktiv für Carry Trades ist: Investoren leihen sich Geld in Euro, Yen oder US-Dollar und legen es in russischen Aktien oder Anleihen an. Das stärkt Aktienmarkt und Währung. Der Effekt: Anleger können bei Investments in Russland-Zertifikate auf eine Währungsabsicherung verzichten und stattdessen auf Währungsgewinne hoffen.
Trotz der jüngsten Rally an den Börsen sind russische Aktienwerte im internationalen Vergleich mit einem Kurs-Gewinn- Verhältnis (KGV) von acht sehr günstig bewertet. Der Grund: "Viele institutionelle Anleger haben sich zu Beginn der Finanzkrise aus Russland zurückgezogen und sind noch nicht wieder in gleichem Maße investiert", erklärt Jochen Fischer. "Ein weiterer Faktor, der für russische Aktien spricht, ist die Erwartung, dass die Rohstoffpreise und hier insbesondere der Ölpreis, mittelfristig wieder deutlich steigen werden", so Fischer. Hintergrund: Der russische Aktienmarkt ist äußerst sensibel für die Entwicklung am Rohstoffmarkt. Das Land gehört zu den größten Rohstoffexporteuren weltweit. Entsprechend groß ist die Gewichtung von Rohstoffunternehmen in den russischen Aktienindizes. Beispiel: Der RDX (Russian Depositary Index), ein nach der Marktkapitalisierung gewichteter Preisindex. Der Index besteht aus russischen Blue-Chip-Aktien, die in US-Dollar an der Börse in London gehandelt werden. In diesem Index machen allein die drei Öl- und Gaskonzerne Gazprom, Lukoil und Rosneft zusammen einen Anteil von 52 Prozent aus. RDX-Papiere, wie beispielsweise das Indexzertifikat von Société Générale (WKN: SG23SR), entwickeln sich entsprechend in Abhängigkeit zu den Rohstoffpreisen.
Auch im RTX (Russian Traded Index), der aus den umsatzstärksten und höchstkapitalisierten Aktien von Unternehmen besteht, die an der MICEX (Moscow Interbank Currency Exchange) gelistet sind, spielen Öl und Gas eine große Rolle - und das mit ähnlicher Gewichtung: Gazprom, Gazprom Neft, Lukoil, Rosneft und Surgutneftegaz machen hier rund 50 Prozent des Index aus.
Wer bei seinem Investment in Russland zwischen Rohstoff- und anderen Branchen feiner trennen will, kann beispielsweise zum einen in ein Zertifikat von der Raiffeisen Centro auf den RTX Mid Index (WKN: RCB93Y) investieren. Der Index besteht aus den umsatzstärksten und höchstkapitalisierten Aktien von Unternehmen, die an der MICEX gelistet sind, aber keine Indexmitglieder im RTX sind. Hier spielt das Thema Rohstoffe keine nennenswerte Rolle. Als Ergänzung dazu passt das RTS Oil & Gas-Zertifikat von RBS (WKN: AA0KEL). Dieses Papier hat in den vergangenen 12 Monaten nicht so stark performt wie andere Russland-Index-Zertifikate. Doch das lag an einem über weite Strecken schwachen Dollar und an einem nachgebenden Ölpreis. Beide Trends haben bereits gedreht. Aber auch eine reine Zins- und Währungsspekulation ohne Rohstoffe und Aktien könnte aussichtsreich sein.
Obwohl die Zinsen in Russland in den kommenden Quartalen wohl eher sinken werden, ist zu erwarten, dass der zuletzt starke russische Rubel diese rückläufige Zins-Entwicklung mehr als auffangen wird. Profitieren würde davon zum Beispiel ein Rubel-Zinszertifikat von der Deutschen Bank (WKN: DB6RUB). Das Papier hat in den vergangenen 12 Monaten fast 16 Prozent an Wert zugelegt. Ein "quasi" Rubel-Index-Zertifikat mit Sicherheitspuffer ist derzeit von Goldman- Sachs zu haben (WKN: GS1ZFV). Bei dem Papier handelt es sich eigentlichumein klassisches Reverse-Bonus-Zertifikat, dessen Wert steigt, wenn der Euro gegenüber dem Rubel an Wert verliert.
Die Bonus-Marke von 113 Euro ist allerdings schon leicht überschritten. Aktuell kostet das Papier, das noch bis Dezember 2010 läuft, rund 115 Euro. Für Anleger, die auf einen weiteren Wertgewinn des russischen Rubel gegenüber dem Euro setzen, ist damit zwar der Bonus-Effekt dahin. Doch dafür bekommen sie ohne Aufgeld einen Sicherheitspuffer von 36,5 Prozent geschenkt. Das funktioniert konkret so: Währungsgewinne nehmen Investoren hier wie bei einem Indexzertifikat uneingeschränkt mit. Sollte der Rubel dagegen an Wert verlieren, droht zunächst nur ein Risiko von 2,5 Prozent. Nur wenn sich das Währungsverhältnis gegenüber dem Euro bis zum Dezember um 39 Prozent zu Ungunsten des Rubel verändert, sind Anleger wieder eins zu eins mit dabei.
Anleger, die in russische Aktien- oder Zinspapiere investieren, sollten trotz der positiven Aussichten allerdings nicht die Risiken aus den Augen verlieren. "Die Frage, ob wir weltweit schon einen selbsttragenden Aufschwung haben, ist noch nichtmit Sicherheit beantwortet", sagt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Citigroup für die Eurozone in London. Sollte auf die erste konjunkturelle Erholung ein zweiter wirtschaftlicher Abschwung folgen, würde das wahrscheinlich auch die Aktienkurse in Russland treffen - auch weil die Preise für Rohstoffe aufgrund sinkender Nachfrage deutlich nachgeben könnten.
Fazit: Russland-Zertifikate bieten derzeit aussichtsreiche Perspektiven. Die Wirtschaft steht gut da: Hohes Wachstum, eine starke Währung, niedrige Inflation und unter dem Strich keine Schulden. Eine lange Empfehlungsliste für russische Aktienund/ oder Zins-Investments. Sollten die Börsen weltweit unter Druck geraten, würde das auch die Aktienkurse in Moskau treffen. Doch wer Sicherheit will, sollte ohnehin nicht in einem Markt Geld anlegen, in dem Rohstoffpreise eine große Rolle spielen.






















