Notenbanken: Die Verlierer sind die Sparer

KommentarNotenbanken: Die Verlierer sind die Sparer

Bild vergrößern

Anne Kunz

Die Notenbanken entschulden die Staaten durch negative Realzinsen. Die Verlierer sind die Gläubiger der Länder - und die Sparer.

Kennen Sie den Twist, den Tanz für Menschen mit Gummibeinen aus den Sechzigerjahren? Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank, hat ihn in der vergangenen Woche aufleben lassen. Allerdings nicht auf dem Tanzparkett, sondern in der Geldpolitik. In Anlehnung an eine geldpolitische Operation in den Sechzigern hat Bernanke angekündigt, die Fed werde bis Mitte kommenden Jahres für 400 Milliarden Dollar Staatsanleihen mit Laufzeiten von unter drei Jahren verkaufen – und den Erlös in langfristige US-Staatsanleihen mit Laufzeiten von 6 bis 30 Jahren investieren. Außerdem will er die Rückzahlungen aus hypothekenbesicherten Wertpapieren (MBS) in den Kauf neuer MBS stecken. Das Ziel: Die langfristigen Zinsen für Unternehmens- und Baukredite sollen sinken, die Investitionen anspringen.

Doch die Aktion Twist hat mehr Nach- als Vorteile: So holt sich die Fed mit dem Kauf neuer MBS nicht nur hohe Risiken in die Bilanz. Der Tausch von kurz- in langfristige Staatsanleihen verhindert auch, dass die Bilanz durch das Auslaufen der Anleihen rasch wieder schrumpft. Konjunkturell dürfte die Aktion zudem kaum etwas bringen. Denn schon jetzt ist der Zins für zehnjährige Bonds von weniger als zwei Prozent eine Stütze für Investitionen. Sollte sich die US-Konjunktur weiter eintrüben, dürfte die Fed dennoch weiter aufs Gaspedal drücken. So könnte sie den Zins für Überschussreserven, die die Geschäftsbanken bei ihr anlegen, senken. Auch der erneute Ankauf von Staatsanleihen (QE3) ist wahrscheinlich. Letzteres würde noch mehr Zentralbankgeld in die Märkte pumpen.

Anzeige

Mit seinen Lockerungsübungen steht Amerika nicht allein da. In der vergangenen Woche deutete auch die Bank von England an, dass sie trotz der hohen Inflationsrate von 4,5 Prozent den Kauf von Staatsanleihen ins Auge fasst.

Es geht runter

Und in der Euro-Zone? Hier dürfte der Zinserhöhungszyklus nach nur zwei Trippelschritten nach oben bereits zu Ende sein. Zu düster sind die Aussichten für die Konjunktur, zu groß die Risiken einer Zuspitzung der Staatsschuldenkrise. Beobachter gehen davon aus, dass der nächste Schritt der Frankfurter Währungshüter nach unten geht.

Anleger und Sparer müssen sich darauf einstellen, dass die Zinsen noch jahrelang niedrig bleiben. Kombiniert mit Inflationsraten zwischen drei und fünf Prozent könnten die Realzinsen unter der Null-Prozent-Marke verharren. Schon einmal, in den zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, haben die Regierungen und Notenbanker der Industrieländer mit Hilfe negativer Realzinsen die Staatsschulden von 90 auf 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gedrückt. Nun streben sie eine ähnliche Entwicklung an. Die US-Ökonomin Carmen Reinhart hat diese Strategie als finanzielle Repression bezeichnet. Zu Recht. Denn die Verlierer der Aktion sind die Sparer und Gläubiger der Staaten, die durch negative Realzinsen enteignet werden.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%