Öl: "Neuauflage der Spekulationsblase"

Öl: "Neuauflage der Spekulationsblase"

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Eugen Weinberg ist Leiter des Rohstoffresearchs bei der Commerzbank

Der Rohstoffexperte Eugen Weinberg, Leiter des Rohstoffresearchs bei der Commerzbank, warnt vor einer neuen Ölpreisblase.

WirtschaftsWoche: Herr Weinberg, die Konjunktur erholt sich. Ist also der jüngste Ölpreisanstieg gerechtfertigt?

Nein. Wir erleben gerade eine Neuauflage der Spekulationsblase aus dem Vorjahr. Der Preisanstieg auf mittlerweile 75 Dollar pro Barrel spiegelt nicht die fundamentale Lage auf dem Ölmarkt.

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Wie sieht es denn fundamental aus?

Die globale Ölnachfrage ist immer noch schwach, die Lagerbestände extrem hoch und weiter steigend. Die Tankerraten sind gerade wieder massiv eingebrochen. Zuvor hatten sie sich zwar etwas erholt, aber nur, weil man Supertanker zu schwimmenden Öltanks umfunktioniert hatte. Der Ölverbrauch müsste schon massiv steigen, damit ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wieder hergestellt wäre.

Davon gehen die Investoren offenbar aus.

Selbst in den globalen Boomzeiten stieg die weltweite Ölnachfrage bestenfalls um ein bis zwei Prozent pro Jahr, also um maximal eine Million Barrel täglich. Trotz verbesserter Konjunkturaussichten reduzierten die Internationale Energieagentur und die Opec ihre Nachfrageschätzungen.

Und was ist mit dem Angebot? Außerhalb der Opec und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion geht die Förderung zurück. Wir sprechen hier von rund 40 Prozent des Weltangebots.

Das ist auch eine Folge der schwachen Nachfrage. Selbst ein überraschend starker Verbrauchsanstieg ließe sich mühelos kompensieren. Die freien Produktionskapazitäten sind gigantisch, allein in der Opec wenigstens fünf Millionen Barrel pro Tag. Außerdem wird die Förderdisziplin innerhalb der Opec mit Blick auf das erreichte Preisniveau nachlassen. Ohnehin hat die Opec die beschlossenen Förderkürzungen nur zu 70 Prozent umgesetzt, eine weitere Senkung würde also verpuffen.

Ist „Peak Oil“ also nur Panikmache?

Die Angst vor einer Ölknappheit begleitet die Welt seit der ersten erfolgreichen Bohrung vor 150 Jahren. „Peak Oil“ ist eine interessante Theorie von Geologen, mit der sich nebenbei Ölinvestments prima vermarkten lassen. Nur hakt es bei der Theorie leider an einer wichtigen Stelle, nämlich wann es denn so weit ist mit dem Überschreiten des weltweiten Fördermaximums.

Der Scheitelpunkt verschiebt sich auf der Zeitachse seit Jahrzehnten immer weiter nach rechts. Wir beide werden ihn zu Lebzeiten wohl nicht mehr erleben.

Öl darf aber auch nicht zu billig werden. Ein tiefer Ölpreis zwingt nicht zu Investitionen in alternative Energien und sparsamere Verbrauchsgüter. Irgendwann wird das Öl dann tatsächlich knapp, und der Preis steigt steil an. Was also ist so schlimm an den Spekulanten?

Ich habe nichts gegen Spekulanten, sie sorgen für einen liquiden Handel und erfüllen eine wichtige Funktion, indem sie Informationen, die Angebot und Nachfrage beeinflussen, schnell verarbeiten und umsetzen.

Im Idealfall gleichen sie so Übertreibungen rasch aus. Problematisch wird es jedoch, wenn Finanzanleger weitaus mehr Einfluss bekommen als physische Händler. Genau das ist passiert. Die Legende vom Rohstoffmegazyklus und die mit wissenschaftlichen Studien unterfütterte Einordnung von Rohstoffinvestments als alternative Anlageklasse machte die Rohstoffanlage zum Selbstläufer.

Der Run in Rohstoffe hat dafür gesorgt, dass Preistrends sehr stark beschleunigt oder teilweise selbst gesetzt wurden.

So entstehen Anlageblasen. Die Terminbörsen waren nicht geeignet, die milliardenschweren Investments aufzunehmen.

An der Nymex in New York etwa wird jedes Fass WTI-Rohöl inzwischen täglich fast 2000-mal umgesetzt. Dazu kommen die außerbörslichen Geschäfte, deren Volumen das an den Terminbörsen noch um ein Vielfaches übersteigt.

Das Preisniveau selbst ist nicht mal das Hauptproblem, sondern vor allem die gestiegene Volatilität der Preise. Wer investiert langfristig in ein neues Ölfeld, wenn der Ölpreis binnen weniger Monate auf 150 Dollar steigt, sich anschließend fünftelt und sich dann wieder verdoppelt? Oder wie können Firmen bei diesen Schwankungen noch ihre Transportkosten halbwegs verlässlich kalkulieren?

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