Otmar Issing: "Euro-Bonds sind der Tod der Währungsunion"

InterviewOtmar Issing: "Euro-Bonds sind der Tod der Währungsunion"

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Otmar Issing, ehemaliger EZB-Chefvolkswirt

von Konrad Handschuch und Malte Fischer

Der ehemalige Chefvolkswirt der EZB kritisiert deren Anleihekäufe und warnt vor Euro-Bonds.

Herr Professor Issing, verunsichert durch die Staatsschuldenkrise in den USA und Europa kaufen die Bürger Gold oder Fluchtwährungen wie Schweizer Franken. Ist das Misstrauen berechtigt?

Issing: Gold findet jedenfalls mehr Vertrauen als viele Währungen. Anleger fürchten um die Sicherheit ihrer Ersparnisse, und sie haben Angst vor Inflation. In den USA lässt die Diskussion um die Staatsschulden nicht erkennen, wie dieses Problem gelöst werden soll.

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Gilt das auch für Europa?

Issing: Die Staatsschulden sind auch in vielen Euro-Ländern zu hoch. Als Ganzes betrachtet aber, steht der Euro-Raum bei Staatsschuld und Haushaltsdefizit besser da als die USA, Japan oder Großbritannien. Das Problem des Euro-Raums ist die interne Divergenz der Mitgliedsländer. Es gibt aber keine Flucht aus dem Euro. Im Gegenteil: Viele Notenbanken diversifizieren ihre Währungsreserven zugunsten des Euro.

Viele Zentralbanken kaufen aber auch in großem Umfang Gold. Was steckt dahinter?

Issing: Es ist schon eine Ironie der Währungsgeschichte, dass die Zentralbanken von Nettoverkäufern wieder zu Käufern von Gold geworden sind. Denn Gold ist ein Asset, das Lagerkosten verursacht und keine Zinsen abwirft. Es bezieht seine Attraktivität aus der befürchteten Schwäche des Papiergeldes.

Notenbanken misstrauen ihren eigenen Währungen?

Issing: Nicht ihren eigenen – Reserven werden in anderen Währungen gehalten. Die Goldkäufe sind nicht zuletzt eine Folge der Verunsicherung durch die Finanz‧krise. In manchen Kreisen, zu denen ich nicht gehöre, sind sogar Überlegungen über eine Rückkehr zum Goldstandard wieder salonfähig geworden.

Der Wirtschaftsnobelpreis‧träger Friedrich August von Hayek hat die Geschichte des staatlichen Papiergeldes als ‧eine Geschichte von Lug und Trug bezeichnet. Zu Recht?

Issing: Papiergeld hat ohne Zweifel das Potenzial für Lug und Trug. Aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Auch die Goldwährungen der Vergangenheit waren eine Geschichte von Lug und Trug. Führte man tatsächlich wieder eine Art Goldstandard ein, würde sich rasch zeigen, dass das eine reine Schönwetterveranstaltung ist. Sobald Probleme auftreten, würden die Regierungen die Goldeinlösepflicht aufheben oder das System anderweitig manipulieren.

Deshalb hat Hayek ja auch für den Währungswettbewerb durch privates Geld geworben.

Issing: Hayek war zunächst ein Anhänger unabhängiger Notenbanken. Erst später kam er zu der Auffassung, dass das Monopol des nationalen Geldes in der Hand staatlicher Institutionen die Wurzel allen Übels ist.

Womit er recht hatte. Regierungen und EZB betreiben derzeit eine Euro-Rettung jenseits aller Verträge. Heute werden den Bürgern Dinge als alternativlos verkauft, die gestern noch undenkbar schienen.

Issing: Die Regierungen haben viele ‧Abkommen und Verträge gebrochen, darunter auch den Stabilitätspakt, den Deutschland und Frankreich 2003 ausgehebelt haben. Das hat tief greifende Nachwirkungen und erklärt das Misstrauen in die vertraglichen Versprechen der Regierungen. Deshalb bin ich der Auffassung – und das ist durchaus auf der Hayek’schen Linie –, dass Staaten und Regierungen von einer quasi unabhängigen Institution, also durch die Märkte, kontrolliert werden müssen.

Wie soll das geschehen?

Issing: Eine Möglichkeit wäre, dass man in Zukunft bei Rettungsmaßnahmen für einzelne Krisenländer automatisch einen Forderungsverzicht der privaten Gläubiger vorsieht. Das disziplinierte die Kreditgeber und veranlasste sie, rechtzeitig Risikoaufschläge in den Zinsen zu fordern. Das wiederum setzte die Schuldnerländer unter Druck, die Haushaltssanierung voranzutreiben.

Die EZB und auch die US-Notenbank Fed mindern diesen Druck, indem sie Staatsanleihen aufkaufen. Ist das Zeitalter unabhängiger Notenbanken vorbei?

Issing: In der Finanzkrise mussten die Notenbanken schwierige Entscheidungen treffen. Unabhängigkeit der Notenbank ist eine fundamentale Voraussetzung für einen geldpolitischen Kurs der Preisstabilität. Überschreitet eine Notenbank diese Kompetenz, gefährdet sie ihre Unabhängigkeit.

Sie meinen den Ankauf von Staatsanleihen?

Issing: Als die EZB im Mai vergangenen Jahres begann, griechische Staatsanleihen zu kaufen, wollte sie einen drohenden Kollaps der Finanzmärkte verhindern. Insofern sind die damaligen Anleihekäufe der EZB anders zu beurteilen als die jüngsten Käufe von italienischen und spanischen Staatsanleihen. Eine Notenbank, die einspringt, weil die Regierungen versagen, gefährdet ihre Unabhängigkeit.

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