
Auch der japanische Investor weiß die Einblicke zu schätzen. Er wolle „verstehen, wie ein europäischer Energiekonzern funktioniert“, sagt er, „vor allem, was sie anders machen als die großen japanischen Versorger wie Tokio Electric Power“. Er hat aber auch handfeste monetäre Wünsche. Den Anteilseignern seines Fonds und seiner Geschäftsleitung muss er nämlich unter anderem erklären, weshalb RWE im Vorjahr eine Dividende von 4,50 Euro je Aktie bezahlt hat, dieses Jahr aber vermutlich deutlich weniger. „In Japan ist das nicht üblich“, berichtet er, „Versorgeraktien verwenden wir dort fast wie Anleihen; die Dividende ist – wie ein Zins-Coupon – jedes Jahr in absoluten Zahlen gleich hoch, zum Beispiel hundert Yen je Aktie, egal, ob der Versorger viel Gewinn gemacht hat oder wenig.“
Die meisten seiner Anleger seien über 60, ein großer Teil jenseits der 70, sagt der Investor, sein Fonds reinvestiert Kursgewinne und Dividenden nicht komplett, sondern schüttet Teile davon an die Kunden aus. „In Japan gibt es die staatliche Pension nur alle zwei Monate“, erklärt er, „für meine Kunden sind die Ausschüttungen in den Zwischenmonaten wie eine zweite Rente; Dividenden sind für mich besonders in Zeiten fallender Kurse wichtig.“
Ironie einer Rekorddividende
Mehr als drei Billionen Yen hätten japanische Privatanleger seit Ausbruch der Finanzkrise aus Aktien- und Mischfonds in reine Renten- und Geldmarktfonds umgeschichtet, da sei es schwierig für ihn, große Aktienpositionen zu rechtfertigen, die die Dividenden kürzten. Gegenüber dem Fondsmanager aus Tokio sitzt IR-Chef Alphéus – und muss erklären, dass er zwar versteht, wie wichtig die Dividende für den japanischen Fondsmanager und seine Kunden ist – aber eben auch, dass RWE für 2009 höchstwahrscheinlich weniger ausschütten wird als für 2008.
Spätestens hier beginnt der kunsthandwerkliche Teil der IR-Arbeit: Alphéus muss dem Investor reinen Wein einschenken – und ihn trotzdem überzeugen, die Aktie nicht zu verkaufen. „Sehen Sie: Das ist die Ironie an einer Rekorddividende“, argumentiert er, „im Jahr darauf sinkt sie, ist im Vergleich aber immer noch sehr attraktiv.“
Unterschiedliche Erwartungen
Schlechte Nachrichten nicht zu vertuschen, nicht einmal hinauszuzögern, das sei „eine der Grundregeln der IR – gerade in Krisenzeiten“, sagt Kay Bommer, Chef des IR-Verbands DIRK. Wer IR mit PR oder Werbung verwechsle und Dinge schönrede oder gar vertusche, habe bei den Investoren schnell verspielt.
Natürlich weiß auch der Fondsmanager aus Tokio, wie viel Dividende die Analysten erwarten, dass die Ausschüttung des Vorjahrs ein Sonderfall war, der im Zusammenhang mit dem Verkauf des Wassergeschäfts stand. Er erwartet keine Wunder. Aber er braucht Argumente, Munition für anstrengende Gespräche mit 60 Fondsdistributoren, Hunderten von Endkunden und für Kreuzverhöre mit Kollegen im Anlageausschuss, die alle wissen wollen, warum er, obwohl sie weniger Dividende abwirft, an einer der größten Positionen seines Fonds festhält oder sie gar aufstockt.
Wenn er es denn tut. „Das“, weiß Alphéus, „wird er uns heute nicht sagen.“ Und nur, „wenn man einen Investor gut kennt, spricht man ihn direkt auf seine Anlageentscheidung an“.
Einen Wunsch können die RWE-Manager dem Besucher dann doch nicht abschlagen. Im Handelsraum herrscht eigentlich striktes Foto-Verbot. Aber der Fondsmanager ist nun mal Japaner – und er hat seine private Digi-Cam mitgebracht.











