Ratingagenturen: Willfährige Helfer der Investmentbanken

Ratingagenturen: Willfährige Helfer der Investmentbanken

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Fitch-Büro in New York

von Andreas Henry

Brauchen wir in unserem Finanzsystem überhaupt Ratingagenturen? In den USA diskutieren Experten über die offensichtlichen Fehler des bestehenden Systems zur Bewertung von komplexen Finanzinstrumenten und Anleihen und fordern radikale Veränderungen.

Während der Finanzkrise haben die großen Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch keine gute Figur abgegeben. Sie stehen wegen ihrer offensichtlichen Fehleinschätzungen komplexer Finanzinstrumente und ihrer Rolle als willfährige Helfer der Investmentbanken am Pranger. Doch mit Klagen gegen die Ratingagenturen sind geschädigte institutionelle Anleger bisher in fast allen Fällen gegen eine Gummiwand gelaufen. Viele der angestrengten Verfahren wurden von den Richtern gar nicht erst zugelassen.

Die Ratingagenturen versteckten sich erfolgreich hinter dem in der US-Verfassung garantierten Recht der freien Meinungsäußerung. Pensionskassen etwa aus Mississippi und Ohio haben S&P, Moody's und Fitch, deren Oligopol nahezu 90 Prozent des Ratingmarktes beherrscht, wegen ihrer Triple-A-Bewertungen der so genannten Collateralized Debt Obligations (CDOs) und der daraus entstandenen Verluste auf Schadenersatz verklagt.

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Bisher schlossen sich die Richter in fast allen Fällen der Argumentation der Ratingagenturen an. Diese seien weder die „Underwriter“, also die Herausgeber dieser Finanzinstrumente gewesen, noch deren Verkäufer. Dabei ignorieren die Richter allerdings, dass die Ratingagenturen bei der Zusammenstellung von CDOs mit den Investmentbanken gemeinsame Sache gemacht und eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.  

Massiver Druck auf Analysten

Möglicherweise hat die Gummiwand nun aber ein erstes Loch. Ende April wies die New Yorker Richterin Shira Scheidlin den Antrag von Moody's und S&P zurück, ein Verfahren abzuweisen. Die Kläger, das King County aus dem US-Bundesstaat Washington und die Iowa Student Loan Liquidity Corporation, hatten in ein von den Ratingagenturen mit Triple-A geschmücktes Finanzungetüm der IKB Deutsche Industriebank investiert und damit Millionen verloren. Die IKB ist ebenfalls angeklagt.

Der Gegenwind bläst den Ratingagenturen viel rauer ins Gesicht, seit im April ein Untersuchungsausschuss in Washington die mindestens zweifelhafte Arbeitsweise der Branche offen legte. Die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter von S&P und Moody's unter Eid werfen aber auch ein weiteres Schlaglicht auf die Methoden der Investmentbanken, an deren Tropf die „unabhängigen“ Ratingagenturen hingen. Es gab massiven Druck auf Analysten, die bei der Bewertung von Finanzvehikeln zu kritisch waren, bis hin zum angedrohten Rauswurf. Investmentbanken konnten sich ihnen genehme Analysten praktisch aussuchen, die „Kundenzufriedenheit“, also die Investmentbanken bei guter Laune zu halten, stand an vorderster Stelle.

Hyperaggressiv von den Bankern gepuscht

„Mir wurde ausdrücklich mitgeteilt, ich sei nicht willkommen bei Deals, die von bestimmten Banken strukturiert wurden,“ sagte Richard Michalek, der mehr als acht Jahre für Moody's gearbeitet hat, vor dem Untersuchungsausschuss. Verantwortliche Manager bei CSFB, Merrill Lynch, Goldman Sachs, Lehman Brothers und der UBS hätten seine „Rotation“ verlangt. Die Investmentbanker von Goldman Sachs waren dabei offenbar noch ein Quäntchen geschickter als andere, wenn es darum ging, das System auszunutzen, Druck aufzubauen und die Ratingagenturen notfalls gegeneinander auszuspielen. „Goldman war immer sehr schnell damit, uns darüber zu informieren: 'S&P verlangt das nicht'“, sagte Michalek in seiner Zeugenaussage.

Wenn die Ratingagenturen nichts anderes waren als willfährige Helfer der Investmentbanken, dann ist es nur logisch, dass sie die Triple-A-Ratings von hunderten von Finanzinstrumenten, in denen Kredite steckten, deren Qualität bereits 2006 rapide erodierte, so lange auf so hohem Niveau beließen. Denn die Investmentbanken hatten kein Interesse daran, dass der Markt vorzeitig kollabiert. Zwar tingelten einige Investmentbanker bereits im Sommer 2006 von Hedge Fonds zu Hedge Fonds und präsentierten ein Szenario, in dem es zu massiven Abstufungen durch die Ratingagenturen kommen würde (WirtschaftsWoche 18/2010). Und auch bei Goldman Sachs legte man intern im Dezember 2006 den Hebel um. Doch die Rating-Agenturen, deren eigentlicher Job darin besteht, solche Entwicklungen als erste zu erspähen, brauchten fast ein Jahr länger für diese Erkenntnis, bis zum Herbst 2007. „Im frühen September wurde mir gesagt, dass die Ratings für den 2006er Jahrgang von Subprime-Bonds bald deutlich herabgestuft werde,“ testierte der Ex-Moody's-Manager Eric Kolchinsky Ende April in Washington vor dem Senatsausschuss. Diese Information sei deshalb für ihn so wichtig gewesen, weil er zur selben Zeit noch einige CDOs in der Pipeline gehabt habe, „die hyperaggressiv von den Bankern gepuscht wurden,“ erinnert sich Kolchinsky.

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