Rohstoffknappheit: "Der ganz große Preisschub kommt erst noch"

Rohstoffknappheit: "Der ganz große Preisschub kommt erst noch"

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Ein Computer-Chip. PC-Hersteller wie Apple müssen auf ihre Chips bis zu 60 Wochen warten

von Lothar Schnitzler

Beschaffungsexperte Duran Sarikaya über explodierende Preise für Rohstoffe und Vorprodukte, Produktionsstopps, ausgeräumte Lager und Pleiten im Nachkrisenboom.

Herr Sarikaya, die Rohstoffpreise haben in den vergangenen Wochen teilweise wieder nachgegeben. Dennoch klagen die Unternehmen über Engpässe bei ihren Lieferanten. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

In erster Linie sind Vorprodukte betroffen. Die Maschinenbauer müssen zum Beispiel auf Schweißteile oder mechanisch bearbeitete Stahlteile aus Osteuropa acht bis sechzehn Wochen warten. Noch vor drei Monaten betrug die Lieferfrist vier Wochen. Bei Gussteilen haben sich die Lieferfristen von vier auf 16 - 20 Wochen erhöht. Am schlimmsten ist es bei den Kunden der Chiphersteller. Die müssen Lieferzeiten für Spezialteile von bis zu 60 Wochen einkalkulieren. Im vergangen Jahr betrug die Lieferzeit 12 Wochen.

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Welche Branchen sind besonders betroffen?

Der Mittelstand der Elektronikindustrie wie Receiverhersteller, Lieferer von Gurtwicklern für Jalousien, Produzenten von Garagentoröffnern oder Ventilatorenbauer. Aber auch die großen Computer- und Handybauer sowie ihre Lieferer selbst, die Hersteller von Baugruppen, haben Probleme. Jeder, der elektronische Bauteile braucht, leidet zurzeit. Das sind die Abnehmer von maßgeschneiderten Chips ebenso wie die Abnehmer von Massenware wie Speicherchips oder Null-Acht-Fünfzehn-Prozessoren. AMD, Infineon, Apple oder Dell – alle leiden.

Können die Konzerne sich bei den Lieferungen vordrängeln?

Ja, die lassen sich von vorneherein Fertigungskapazitäten reservieren. Das löst nicht alle Probleme, schafft aber Sicherheit bei der Planung. Diese reservierten Kapazitäten fehlen dann für kleine und mittlere Abnehmer. So hat ein namhafter amerikanischer Computer- und Handyhersteller alle Kapazitäten eines wichtigen Vorlieferanten ausgebucht, weshalb andere Kunden keine Chance mehr haben, Produkte dieses Lieferanten zu bekommen.

Müssen wir Produktionsausfälle befürchten?

Die sind bereits eingetreten. In der schwäbischen Ventilatorenindustrie kam es zu massiven Produktionsstörungen, weil kundenspezifische Chips fehlten. Aber auch bei namhaften deutschen Automobilherstellern drohte zeitweise Bandstopp.

Woher kommt der plötzliche Wandel? Noch im Winter waren die Zulieferer froh, wenn sie ihre Produkte los wurden. 

Die Hersteller haben ihre Kapazitäten während er Krise enorm reduziert, sowohl was die Mitarbeiter angeht wie auch bei den Maschinen und Anlagen. Jetzt fehlen diese Kapazitäten – im Ausland stärker als in Deutschland. Die deutschen Unternehmen hatten nach frühren Krisen schmerzlich festgestellt, dass zuviel Abbau sich beim Aufschwung rächt. Deshalb haben sie während dieser Krise vergleichsweise wenige Arbeitsplätze abgebaut. Das ist ja auch der Grund für das deutsche Beschäftigungswunder. Verstärkt wird die Knappheit, weil die Unternehmen ihre Lager bis zum letzten geräumt hatten und jetzt keine Puffer mehr haben. 

Wie wirkt sich die Knappheit bei den Preisen aus?

Wir haben z.B. bei Stahl- und Kupferdrähten in den vergangenen drei Monaten Preissteigerungen zwischen 11 – 14 Prozent gesehen, im Kunststoff-Bereich im gleichen Zeitraum Preiserhöhungen von über acht Prozent. Die Preise für Altpapier sind seit Ende 2008 sogar von 2,50 Euro pro Tonne auf 85 Euro gestiegen. Dennoch: Die Lieferzeiten sind für die meisten Firmen das größere Problem.

Können die Unternehmen die Preise weitergeben?

Selten. Aber der ganz große Preisschub kommt erst noch. Bis jetzt müssen sich die Lieferer noch an die alten Rahmenverträge halten, die zum großen Teil noch nicht abgelaufen sind.

Gibt es schon Pleiten wegen mangelnden Nachschubs oder gestiegener Preise für Vorprodukte?

Die Marktbereinigung hat  bis jetzt - auch wegen der massiven Staatshilfen – im Vergleich zu früheren Talfahrten weniger stark gewirkt. Wir gehen für die kommenden Monate aber von steigenden Insolvenzzahlen aus, weil viele Unternehmen wegen der Krise finanziell ausgepowert sind. Die Lieferschwierigkeiten und die gestiegenen Kosten wegen Unterbrechungen der Produktion sowie die gestiegenen Preise werden mancher Firma den Rest geben. Dazu kommen noch die erschwerten Kreditbedingungen für viele Unternehmen wegen der schlechten Zahlen aus dem Jahr 2009.

Was können die Unternehmen tun?

Viele Firmen machen sich von einem oder wenigen Zulieferern abhängig. Unternehmen sollten darüber hinaus global statt lokal einkaufen. Auch Innovationen können helfen, Flaschenhälse zu überwinden. So hat ein Kunde von uns Edelstahlrohre durch Kunststoffrohre ersetzt. Ein anderer verbaut jetzt Gussstahlteile statt geschweißter Stahlbauteile und erspart sich damit eine Menge Ausgaben und viel Ärger.

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