Rohstoffmärkte: "Nahost ist die Wildcard für den Ölpreis"

Rohstoffmärkte: "Nahost ist die Wildcard für den Ölpreis"

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Henning Beck

von Frank Doll

Die Krise auf den internationalen Getreidemärkten wird sich zuspitzen und der Ölpreis weiter steigen, sagt Rohstoffstratege Henning Beck von Lupus alpha.

wiwo.de: Herr Beck, warum ist europäisches Brentöl 16 Dollar teurer als die US-Sorte WTI?

Beck: Das liegt vor allem an den hohen Lagerbeständen im Städtchen Cushing in Oklahoma. Das ist der Lieferort für WTI-Öl. Neue, aus Kanada nach Cushing führende Pipelines sorgen haben die Lager dort extrem gefüllt. Davon können lokale Raffinerien profitieren. Aber für Lieferungen in weiter entfernte Regionen, etwa in den Golf von Mexiko, sind noch keine Pipelines vorhanden. So kann das Öl nicht in dem Maße abtransportiert werden, wie es angeliefert wird. WTI ist die einzige Ölsorte, die mit einem Abschlag gehandelt wird. Andere in den USA gehandelte Rohölsorten kosten ähnlich viel wie Brent, für das die Ölproduktion der Nordseefelder als Maßstab genommen wird. Brent spiegelt die wahre Lage am Ölmarkt. Die Sorge vor einer Behinderung von Handelsströmen im Nahen Osten hat wegen der Nähe zu Europa einen größeren Einfluss auf Brentöl. Auch hatten Marktteilnehmer darauf gesetzt, dass sich der Preisabstand zwischen den Ölsorten rasch wieder einengt. Als sich die Schere stattdessen immer mehr ausweitete, mussten Positionen geschlossen werden. Das hat die Bewegung noch verstärkt. Aber die Spanne wird sich wieder einengen.

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Wird WTI eher steigen oder Brent fallen?

Der Preis für WTI wird anziehen, weil die Lagerbestände in Cushing abnehmen werden. Wegen der hohen Margen für Ölprodukte haben US-Raffinerien einen großen Anreiz, das vorhandene Öl zu verarbeiten und in Produkte umzuwandeln.

Geht in der Nordsee das Öl schneller aus als gedacht?

Das Tempo des Förderrückgangs in der Nordsee wird unterschätzt. Die Produktion hält nicht Schritt mit der Nachfrage. So gesehen ist Brent nicht teuer. Ich kann mir einen weiteren Preisanstieg vorstellen.

Die hohen freien Förderkapazitäten in der Opec stehen dem entgegen, sagen Analysten. Wie verlässlich sind Energiestatistiken?

Die Nachfrageentwicklung kann man ganz gut abschätzen. Aber was Förderung und Reserven angeht, ist das so eine Sache. Man muss den Daten trauen, weil man keine anderen hat. Gesundes Misstrauen ist jedoch teilweise angebracht.

Wird sich die Lage im Nahen Osten beruhigen?

Beck: Das ist die Wild Card für den Ölpreis. In Libyen brodelt es gewaltig. Das kann weiter gehen und sich ausdehnen bis Saudi-Arabien.

Dann wäre eine wichtige Förderregion betroffen.

Richtig, aber nicht nur der politische Unmut der Bevölkerung erschüttert die Region. Es sind vor allem die steigenden Nahrungsmittelpreise. Wichtige Transit- und Ölförderländer sind abhängig von Getreideimporten. Ob demokratisch oder autokratisch, alle Regierungen brauchen hohe Öleinnahmen, um diesen Inflationsdruck auszugleichen.

Eine Dürre bedroht den Selbstversorgerstatus Chinas mit Getreide. Werden die USA, der weltweit größte Weizenexporteur, Weizen als Waffe einsetzen, um China zu einer Aufwertung seiner Währung zu zwingen?

Das ist nicht nötig. Wegen der hohen Inflation im Land werden die Chinesen an einer Aufwertung ihrer Währung nicht vorbeikommen. Mit einer Aufwertung wird China nicht mehr Deflation, sondern Inflation in den Rest der Welt exportieren. Ich glaube, die Regierung in Peking wird nicht zögern, die Versorgung der heimischen Bevölkerung notfalls durch Getreideeinfuhren zu sichern. Cash is King, China sitzt auf 2850 Milliarden Dollar Währungsreserven. Damit können die jedes Getreidesilo auf dem Planeten kaufen.

Jeder ist Spekulant

Das wird Kaufpanik an den Getreidemärkten auslösen?

Die Gefahr besteht. Ich gehe davon aus, dass sich die Krise noch zuspitzen wird.

Das sagen Sie, weil sie daran verdienen wollen. Ist es ethisch vertretbar, mit Nahrungsmitteln zu spekulieren?

Ich kaufe kein Silo oder packe mir keine Weizensäcke in den Keller. Ich entziehe dem Markt also kein physisches Angebot. Meine Hauptfunktion als Finanzanleger ist die eines Liquiditätsproviders an den Rohstoff-Terminmärkten, der Risiken übernimmt. Wenn ich falsch liege mit meiner Einschätzung, dann trage ich den Verlust und bettel anschließend nicht um Steuergelder beim Staat. Im Prinzip ist jeder Spekulant. Da sind Regierungen, die aus Angst vor Protesten Getreide einkaufen oder Exportverbote erlassen; Bauern, die in Erwartung weiter steigender Preise Ernten zurückhalten und auf eine Lagerendite spekulieren. Es entwickelt sich eine Mentalität des Hortens von Nahrungsmitteln. Der Preisauftrieb an den Getreidemärkten wird anhalten – mindestens bis zum Sommer, vielleicht gar bis 2012.

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