
FRANKFURT. Der zweitgrößte deutsche Versicherer Munich Re will im kommenden Jahr zum dritten Mal in Folge mehr als zwei Mrd. Euro verdienen. Das kündigte Finanzchef Jörg Schneider auf einer Telefonkonferenz des Konzerns an. 2011 könnte das Konzernergebnis "leicht unter 2,4 Mrd. Euro" liegen, die in diesem Jahr nun erwartet werden. Bisher war Munich Re für 2010 von zwei Mrd. Euro Gewinn ausgegangen.
Nicht ausgeschlossen sei sogar, dass Munich Re in diesem Jahr das Vorjahresergebnis von 2,56 Mrd. Euro erreicht. Denn in der Gewinnprognose von 400 Mio. Euro für das laufende vierte Quartal gebe es einen Spielraum von 100 Mio. Euro nach oben und nach unten. Das Vorjahresergebnis wäre ohne weiteres erreichbar, wenn der Versicherer in der Kapitalanlage Rücklagen auflösen würde. Das ist aufgrund der in der Telefonkonferenz propagierten "aktiven" Kapitalanlagepolitik denkbar.
Munich Re hat nach den Angaben Schneiders in diesem Jahr in der Kapitalanlage sehr viele Positionen durch Finanzinstrumente abgesichert. Das sei aber "kein Zocken" gewesen. Vielmehr werde das Portfolio nach ökonomischen Kriterien gesteuert. Dabei spiele auch die Laufzeit der Verpflichtungen und Rückstellungen eine entscheidende Rolle. Den Zinstrend nach unten haben die Münchner richtig vorhergesehen und entsprechend die durchschnittliche Laufzeit in ihrem Anleihenportfolio, die Duration, um ein Jahr auf knapp sieben Jahre erhöht. "Das hat sich als sehr günstig erwiesen", kommentierte Schneider. Denn im Gegensatz zu anderen Versicherern, die einen Anstieg von Zinsen und Inflation erwartet hätten, verdiente Munich Re gut daran - über Verkäufe wurde ein Teil der Wertzuwächse eingefahren, die durch den Zinsrückgang entstanden waren.
Schneider rechnet zwar 2011 nicht mehr mit so hohen Investmenterträgen wie dieses Jahr, doch dafür könnte das Rückversicherungsgeschäft profitabler werden. Denn Munich-Re-Vorstand Torsten Jeworrek kündigte gleichzeitig an, dass die Preise für Großrisiken steigen sollen - und zwar wegen des starken Zinsrückgangs in diesem Jahr. Durch höhere Prämieneinnahmen das Geschäft mit den Erstversicherern profitabler werden. In diesem Jahr leidet es unter hohen Belastungen durch Naturkatastrophen.
Zur zehnprozentigen Beteiligung des amerikanischen Investors Warren Buffett an Munich Re wollten die Vorstände nur wenig sagen. Die Alarmglocken schrillen in München aber offenbar noch nicht, auf eine entsprechende Frage reagierte Schneider nicht. Er sagte nur zu Buffett: "Gut zehn Prozent an Munich Re passt gut in sein Portfolio." Im Übrigen sei das Management "froh über langfristig ausgerichtete Aktionäre". Mit diesen sei Munich Re regelmäßig in Kontakt. Zu den jüngsten Äußerungen von Buffett in einer Pflichtmitteilung gebe es nichts zu ergänzen. Buffett sieht sein Munich-Re-Paket als Kapitalanlage, er will nach eigener Aussage auch weder Aufsichtsrat noch Management beeinflussen.
Erst jüngst war es Buffett nicht gelungen, seine Beteiligung von drei Prozent am Rückversicherer Swiss Re auf rund 25 Prozent zu erhöhen. Eine Wandelanleihe, mit der dies möglich gewesen wäre, zahlt Swiss nun im Januar vorzeitig zurück.
Ob Munich Re auf einer internationalen Liste von systemrelevanten Finanzinstituten steht, wollte Schneider nicht bestätigen. Er wiederholte nur die bekannte Position der Branche: "Banken und Versicherer unterscheiden sich ganz fundamental voneinander." Versicherer hätten im Gegensatz zu Banken kein Liquiditätsproblem. Wenn die Versicherer auf ihr Kerngeschäft konzentrierten, seien sie nicht ähnlich systemrelevant wie Banken. Die Einschränkung wird von der Branche immer gemacht, denn einige Aktivitäten von Versicherern werden auch als systemrelevant anerkannt. Diese seien allerdings eher Bankgeschäft gewesen und untypisch für Versicherer.
In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat Munich Re mehr verdient als erwartet. Hauptgrund ist das Kapitalanlageergebnis, das vor allem auf Zinserträgen basiert. In der wichtigsten Sparte, der Rückversicherung, leidet der Konzern dagegen weiter unter stagnierenden Preisen sowie den hohen Schäden im ersten Halbjahr. In der Erstversicherung, vor allem der Ergo-Gruppe, hat sich der Gewinn vervielfacht, dennoch steuert die Sparte weiter vergleichweise wenig zum Gesamtergebnis bei.
Im dritten Quartal stieg das Konzernergebnis auf 1,955 Mrd. Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es 1,784 Mrd. Euro. Damit schaffte der weltweit größte Rückversicherer bereits nach neun Monaten seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr. Folgerichtig erhöhte er diese nun auf 2,4 Mrd. Mrd. Die gebuchten Bruttobeiträge stiegen in den ersten neun Monaten um 9,7 Prozent auf 34,1 (31,0) Mrd. Euro.
Im 3. Quartal erzielte die Gruppe einen Gewinn von 761 (650) Mio. Euro. Zu diesem "hohen Gewinn" habe vor allem erneut ein "hohes Kapitalanlageergebnis" beigetragen. Von Januar bis September 2010 stieg das Kapitalanlageergebnis der Gruppe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich um 25,7 Prozent auf 7,28 (5,79) Mrd. Euro. Das entspreche auf das Jahr hochgerechnet einer Rendite von 5,0 Prozent auf den durchschnittlichen Marktwert des Portfolios.
Zum Vergleich: Die Rendite von sicheren Bundesanleihen pendelte zuletzt um 2,5 Prozent. Munich Re verdient in diesem Bereich dieses Jahr so gut, dass es für das Gesamtjahr seine Renditeprognose angehoben hat. Staat etwas über 4 Prozent sollen die Investments rund 4,5 Prozent bringen, obwohl der Konzern die Unsicherheit an den Kapitalmärkten "noch immer" für "ausgeprägt" hält. Finanzvorstand Jörg Schneider betonte, dass die derzeit hohen und schwer vorhersagbaren Schwankungen an den Zins-, Aktien- und Währungsmärkten zu starken Wertänderungen bei derivativen Finanzinstrumenten führten; der weit überwiegende Teil dieser neuartigen Finanzinstrumente diene dazu, sich gegen Verluste abzusichern. Schneider warnte daher: "Trotz unseres wirtschaftlich ausbalancierten Portfolios können Kursschwankungen noch zu teilweise paradoxen Ausschlägen im Kapitalanlage- und Konzernergebnis führen."
Mit der Anlage von Aktien verdient Munich Re dabei kaum etwas. Die nach wie vor niedrige Aktienquote plant Munich Re allenfalls leicht zu erhöhen. Die Aktienquote lag zuletzt bei 2,6 Prozent. Der Schwerpunkt des Portfolios liege weiterhin auf festverzinslichen Anlagen: Insgesamt 174 Mrd. Euro seien in festverzinslichen Wertpapiere, Darlehen und kurzfristigen festverzinslichen Anlagemitteln investiert. Bezogen auf diesen Bestand lägen einschließlich der kurzfristigen Anlagemittel etwas über 46 Prozent in Staatsanleihen oder Instrumenten mit Haftungen öffentlicher Institutionen.
Für 2011 erwartet Munich Re weiter keinen deutlichen Anstieg der Kapitalmarktzinsen. Das bedeute niedrigere laufende Erträge aus festverzinslichen Wertpapieren und Darlehen. Deshalb werde das Kapitalanlageergebnis mittelfristig sinken und die Rendite unter 4 Prozent fallen. Der Konzern warnte dementsprechend vor zu hohen Erwartungen an die Kapitalanlage der kommenden Jahre: "Damit dürfte das Gesamtergebnis im Trend auch niedriger liegen als in den Jahren, in denen bei einem hohen Aktienbestand mit entsprechend hohem Marktrisiko und bei festverzinslichen Wertpapieren mit extremen Zinsbewegungen substanzielle Erträge aus dem Abgang von Kapitalanlagen ausgewiesen wurden."
In der Erstversicherung, also Lebens-, Sach- und Krankenversicherung, lief es dagegen weniger gut als in der Investmentsparte. Dort verdiente Munich Re in den drei Quartal nur 432 Mio. Euro. Das ist jedoch deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum, als es nur 95 Mio. Euro waren. Die Tochter Ergo-Versicherungsgruppe erreichte ein Konzernergebnis in Höhe von 301 (73) Mio. Euro. Deren Vorstandsvorsitzender Torsten Oletzky kommentierte zufrieden: "Insbesondere angesichts der Markenumstellung in Deutschland finde ich unser Beitragswachstum erfreulich." Oletzky: "Unsere Vertriebe haben hier sehr gute Arbeit geleistet, und was die Umsetzung der neuen Markenstrategie angeht, sind wir im 3. Quartal gut vorangekommen." Inzwischen bietet Ergo Lebens- sowie Schaden- und Unfallversicherungen in Deutschland nur noch unter der Marke "Ergo" an.
Gewinngarant bleibt die Rückversicherung, also das Großkundengeschäft als Versicherer von Versicherern. Der Gewinn erreichte in dieser Sparte 1,7 Mrd. Euro, obwohl hohe Schäden verkraftet werden mussten. Das ist etwas weniger als im Vorjahreszeitraum. Gradmesser für die Profitabilität der Sparte ist das Verhältnis von Prämien sowie Schäden und Kosten. Von Januar bis September lag die Schaden-Kosten-Quote bei 102,1 (96,3) Prozent der verdienten Nettobeiträge, das heißt versicherungstechnisch fielen Verluste an. Für Juli bis Ende September betrug sie dagegen 93,8 (93,1) Prozent. Darin drückt sich aus, dass im dritten Quartal wenig Großschäden anfielen, etwas Hurrikane im Golf von Mexiko.
Das größte Schadenereignis für Munich Re in diesem Jahr ist bisher in diesem Jahr das verheerende Erdbeben in Chile mit einer Gesamtbelastung von knapp 1 Mrd. US-Dollar. Der größte Einzelschaden im 3. Quartal war das Erdbeben in Neuseeland: Es führte zu einer Belastung von rund 230 Mio. Euro.
Etwas weiter gekommen ist Munich Re offenbar mit seiner Idee, Ölbohrungen besser abzusichern. Anlass war die Ölbohrplattform "Deepwater Horizon", die im April im Golf von Mexiko explodiert war. Vor diesem Hintergrund hatte Munich Re im September in Monte Carlo ein neuartiges Konzept für die Versicherung von Ölbohrungen im Meer entwickelt. Das Konzept sieht vor, jede Bohrung einzeln mit einer eigens für dieses Risiko entwickelten Police abzusichern. Damit sollte es möglich sein, die Haftungslimits auf 10 bis 20 Mrd. Dollar pro Bohrung zu erhöhen. Munich Re wäre bereit, für diese Deckung Kapazität in einer Größenordnung von bis zu 2 Mrd. Dollar anzubieten. Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied und verantwortlich für die Rückversicherungsaktivitäten von Munich Re, kündigte in der Telefonkonferenz für 2011 an: "Geplant ist ein Konsortium, an dem die weltweit führenden Makler-Unternehmen beteiligt sind." Das sei ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg, Schäden bei Ölbohrungen im Meer finanziell besser abzusichern. Weitere Details nannte er wie Vorstandskollegen zuvor erneut nicht. Das Management ist aber zuversichtlich, in diesem Bereich etwas Neuartiges auf die Beine zu stellen. Derzeit werde darüber mit den großen Versicherungsbroker geredet.
Das Geschäft mit Rückversicherungen verläuft für Munich auch in anderen Bereichen zäh. Derzeit werden die neuen Verträge für 2011 verhandelt. Dabei rechnet der Konzern für sich mit stabilen Preisen und Bedingungen, droht aber gleichzeitig: "Wo allerdings risikoadäquate Preise nicht zu erzielen sind, wird Geschäft aufgegeben." Dies gilt insbesondere, wenn die Kunden die neuen Zinsrechnungen der Munich Re nicht akzeptieren. Aufgrund des Zinsrückgangs kalkuliert der Versicherer seine langfristigen Verpflichtungen neu, denn er muss jetzt mit einem geringeren Zins kalkulieren für Auszahlungen in der Zukunft. Um auf seine Kosten zu kommen, braucht Munich Re daher höhere Prämien. Dies kündigte der Konzern bereits auf dem Versicherungstreff in Baden-Baden an. Jeworrek wiederholte den Standpunkt nun in der Telefonkonferenz.
Alle Rückversicherer haben derzeit das Problem, dass sie auf ihrem Kapital sitzen und es nicht profitabel genug in Versicherungsgeschäft stecken können. Viele haben sich deshalb entschieden, lieber Aktien zurückzukaufen. Munich Re selbst hat ein Programm im Volumen von einer Mrd. Euro aufgelegt, davon ist die Hälfte geschafft. Über weitere Programme wollte Vorstand Schneider nicht spekulieren. Der Aktienkurs hat davon zuletzt profitiert. Er ist seit Anfang Oktober steil nach oben gestiegen - von gut 100 Euro auf rund 116 Euro.






















