Der hungrige Riese wollte einen Nachschlag, und er bekam ihn. Vor vier Wochen, mitten in der internationalen Kreditkrise, genehmigte der Aufsichtsrat des russischen Erdgasproduzenten Gazprom dem Management ein Investitionsbudget von 22 Milliarden Euro – sieben Milliarden mehr als ursprünglich für 2007 bewilligt. Ermutigt von Russlands Präsident Wladimir Putin kauft Gazprom im Energiesektor eine Beteiligung nach der anderen. Da die heimischen Geldinstitute allein noch nicht über genügend Liquidität verfügen, pumpt sich das Staatsunternehmen die nötige Liquidität – zumindest einen großen Teil davon – im Ausland. Im Februar etwa handelte Gazprom mit ABN-Amro, Morgan Stanley und Société Générale einen Milliardenkredit aus, um die Kontrolle über das weltgrößte Flüssiggasprojekt auf der Pazifikinsel Sachalin übernehmen zu können. Energiekonzerne und Banken sind Russlands größte Auslandskreditnehmer. Bisher hat die westliche Finanzkrise sie verschont, doch kritischen Beobachtern wie dem Vizechef der russischen Zentralbank, Gennadi Melikjan, wird die Leihwut russischer Banken allmählich unheimlich. Mit deutlichen Worten warnte er kürzlich vor dem Risiko der wachsenden Auslandsschulden. Nach Schätzungen russischer Finanzexperten stiegen die Verbindlichkeiten russischer Geldinstitute im Ausland allein zwischen Oktober 2006 und April um 40 Prozent auf über 80 Milliarden Euro. Selbst einige Spitzenbanken bezögen bis zu 60 Prozent ihrer Liquidität aus dem internationalen Finanzmarkt, sagt Melikjan. Beim Leihen im Ausland tut sich die staatlich kontrollierte VTB, eine der größten Banken Russlands, besonders hervor. Angesichts ihrer hohen internationalen Verbindlichkeiten bescheinigte die angesehene russische Investmentbank Troika Dialog der VTB-Aktie bereits Wertverluste. Dass die Finanzkrise auch an Russland nicht spurlos vorübergeht, zeigt auch der aktuelle Kapitalabfluss: Ausländische Anleger, zuvor angelockt von Russlands hohen Wachstumsraten und der Stabilität des Rubel, zogen im August rund sieben Milliarden Euro ab – ein Indiz dafür, dass viele Investoren der russischen Finanzwirtschaft in Zeiten globaler Unsicherheit doch nicht über den Weg trauen. Warnrufe sind bisher dennoch die Ausnahme. Rory MacFarquhar, Ökonom der Investmentbank Goldman Sachs in Moskau, hält den russischen Finanzsektor für sicher: „Im internationalen Vergleich sind die russischen Auslandsverbindlichkeiten immer noch sehr gering.“ Und dank hoher Einkünfte aus dem Energiegeschäft habe Russland seine alten Schuldenberge abgetragen. „Das Land ist heute nicht annähernd so verwundbar wie während der russischen Finanzkrise 1998.“
Russland: Abhängig vom fremden Geld
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