
Kaum jemand kennt Tom Byrne, doch sein Wort hat weltweit Gewicht. „Ob Griechenland tatsächlich sparen kann, ob der soziale Zusammenhalt erhalten bleibt – das sind Dinge, auf die man jetzt achten muss“, sagte der Experte für Länderrisiken bei der Ratingagentur Moody’s kürzlich am Rande einer Konferenz im bisher nicht als globales Finanzzentrum aufgefallenen usbekischen Taschkent. Die vage Äußerung verbreitete sich sofort und verschärfte so trotz des gerade beschlossenen Rettungspakets die Skepsis der Kapitalmärkte gegenüber den Hellenen.
Einmal mehr zeigt sich in diesen Tagen die unheimliche Macht der Ratingagenturen. Seit Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit Griechenlands mitten in den Verhandlungen mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds um drei Stufen auf Ramschniveau senkte, hat nicht nur die Krise des Euro eine neue Dimension erreicht. Auch die Agenturen stehen am Pranger. „Der Zeitpunkt war völlig unangemessen“, sagt ein Zentralbanker. Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundespräsident Horst Köhler fordern mehr Regulierung, Außenminister Guido Westerwelle eine europäische Ratingagentur.
Rauer Wind
Tatsächlich mehren sich die Signale, dass der Einfluss der Bonitätswächter schwindet. Der Wind bläst ihnen rauer ins Gesicht, seit sie vor der Krise des US-Immobilienmarktes auch exotische Wertpapierkonstruktionen mit soliden Noten versahen. Erste Regulierungen sind beschlossen. Auch Investoren wollen sich unabhängiger machen.
S&P, Moody’s und Fitch haben den Ratingmarkt zu 95 Prozent unter sich aufgeteilt. Ihr Urteil entscheidet darüber, wie viel Zinsen von ihnen bewertete Unternehmen am Kapitalmarkt zahlen müssen. Ihre Meinung ist auch für Versicherungen und Pensionsfonds maßgeblich, die Anleihen ohne den soliden Status „Investment Grade“ nicht halten dürfen.
Das seit Jahrzehnten bestehende Oligopol der Kreditwürdigkeitskontrolleure hat nicht unbedingt den Wettbewerb um Qualität, sehr wohl aber ihre Gewinne befördert. Zwischen 2002 und 2007 verdoppelten die drei Agenturen ihren Jahresumsatz von insgesamt drei auf sechs Milliarden Dollar, vor allem wegen der massenhaften Bewertung komplexer Verbriefungspapiere. Folglich ist Berkshire Hathaway, die Gesellschaft von Anlegerlegende Warren Buffett, der größte Einzelaktionär von Moody’s. Allerdings hat Buffett seinen Anteil kürzlich reduziert.
Weil ihre Ergebnisse für Unternehmen extrem wichtig, der Weg zu diesen aber oft unklar ist, haben Manager immensen Respekt vor den Abgesandten der Agenturen. Eine „inquisitorische Stimmung“ will der Exfinanzvorstand eines Dax-Konzerns bei seinen Treffen mit den Analysten ausgemacht haben. Während die das Unternehmen durchforsten, erhalten sie auch Einblick in Daten, die selbst den meisten Mitarbeitern verborgen bleiben, etwa die mittelfristige Planung und sonstige Details aus der Strategieabteilung. Nach dem Abschied beginne das bange Warten: „Es bleibt nur das ungute Gefühl.“ Wenige Wochen später kommt kurz vor der Veröffentlichung der Anruf mit der Ratingentscheidung, für die das Unternehmen selbst bezahlt.
„Wir haben für die Agenturen die Bücher komplett geöffnet, aber nichts dergleichen von ihnen verlangt“, sagt der Exvorstand einer Großbank selbstkritisch. Transparenz über den Weg zum Ergebnis gibt es bisher kaum.














