_

Schuldenkrise: Die Macht der Ratingagenturen bröckelt

von Anne Kunz, Cornelius Welp (Frankfurt) und Andreas Henry (New York)

In der Griechenland-Krise stehen Ratingagenturen erneut in der Kritik. Noch ist ihr Einfluss immens. Doch die Macht bröckelt.

Standard and Poor's in New Quelle: dpa
Standard and Poor's in New York Quelle: dpa

Kaum jemand kennt Tom Byrne, doch sein Wort hat weltweit Gewicht. „Ob Griechenland tatsächlich sparen kann, ob der soziale Zusammenhalt erhalten bleibt – das sind Dinge, auf die man jetzt achten muss“, sagte der Experte für Länderrisiken bei der Ratingagentur Moody’s kürzlich am Rande einer Konferenz im bisher nicht als globales Finanzzentrum aufgefallenen usbekischen Taschkent. Die vage Äußerung verbreitete sich sofort und verschärfte so trotz des gerade beschlossenen Rettungspakets die Skepsis der Kapitalmärkte gegenüber den Hellenen.

Anzeige

Einmal mehr zeigt sich in diesen Tagen die unheimliche Macht der Ratingagenturen. Seit Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit Griechenlands mitten in den Verhandlungen mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds um drei Stufen auf Ramschniveau senkte, hat nicht nur die Krise des Euro eine neue Dimension erreicht. Auch die Agenturen stehen am Pranger. „Der Zeitpunkt war völlig unangemessen“, sagt ein Zentralbanker. Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundespräsident Horst Köhler fordern mehr Regulierung, Außenminister Guido Westerwelle eine europäische Ratingagentur.

Rauer Wind

Tatsächlich mehren sich die Signale, dass der Einfluss der Bonitätswächter schwindet. Der Wind bläst ihnen rauer ins Gesicht, seit sie vor der Krise des US-Immobilienmarktes auch exotische Wertpapierkonstruktionen mit soliden Noten versahen. Erste Regulierungen sind beschlossen. Auch Investoren wollen sich unabhängiger machen.

S&P, Moody’s und Fitch haben den Ratingmarkt zu 95 Prozent unter sich aufgeteilt. Ihr Urteil entscheidet darüber, wie viel Zinsen von ihnen bewertete Unternehmen am Kapitalmarkt zahlen müssen. Ihre Meinung ist auch für Versicherungen und Pensionsfonds maßgeblich, die Anleihen ohne den soliden Status „Investment Grade“ nicht halten dürfen.

Das seit Jahrzehnten bestehende Oligopol der Kreditwürdigkeitskontrolleure hat nicht unbedingt den Wettbewerb um Qualität, sehr wohl aber ihre Gewinne befördert. Zwischen 2002 und 2007 verdoppelten die drei Agenturen ihren Jahresumsatz von insgesamt drei auf sechs Milliarden Dollar, vor allem wegen der massenhaften Bewertung komplexer Verbriefungspapiere. Folglich ist Berkshire Hathaway, die Gesellschaft von Anlegerlegende Warren Buffett, der größte Einzelaktionär von Moody’s. Allerdings hat Buffett seinen Anteil kürzlich reduziert.

Weil ihre Ergebnisse für Unternehmen extrem wichtig, der Weg zu diesen aber oft unklar ist, haben Manager immensen Respekt vor den Abgesandten der Agenturen. Eine „inquisitorische Stimmung“ will der Exfinanzvorstand eines Dax-Konzerns bei seinen Treffen mit den Analysten ausgemacht haben. Während die das Unternehmen durchforsten, erhalten sie auch Einblick in Daten, die selbst den meisten Mitarbeitern verborgen bleiben, etwa die mittelfristige Planung und sonstige Details aus der Strategieabteilung. Nach dem Abschied beginne das bange Warten: „Es bleibt nur das ungute Gefühl.“ Wenige Wochen später kommt kurz vor der Veröffentlichung der Anruf mit der Ratingentscheidung, für die das Unternehmen selbst bezahlt.

„Wir haben für die Agenturen die Bücher komplett geöffnet, aber nichts dergleichen von ihnen verlangt“, sagt der Exvorstand einer Großbank selbstkritisch. Transparenz über den Weg zum Ergebnis gibt es bisher kaum.

17 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 12.05.2010, 23:57 UhrAnonymer Benutzer: MA

    Werden Rating`s von der Meinungsfreiheit gedeckt, wenn sie doch eindeutig einen wertenden Charakter haben??bitte um Antwort, Danke

  • 12.05.2010, 21:28 UhrAnonymer Benutzer: Moskauer

    @Häger Schmitt: sehr gut analysiert! besser hätte ich es nicht schreiben können ;)
    @ G.Schreiner: leider war die EU früher solvent genug, jetzt auf einmal ist sie in den Sumpf der Schulden, man müsste schauen wie lange die Leute in Übersee auf Pump leben, das sind mind. Griechenland^10. und die Ratingagenturen bewerten die USA immer noch als AAA, ist nicht verwunderlich den alle drei Ratingagenturen sitzen in der USA!!! ich hoffe das, dass Kartenhaus der Lügen bald in sich zusammenstürzen wird aber leider werden Sie uns mitreißen bzw. haben uns schon mitgerissen :((((

  • 12.05.2010, 18:39 UhrAnonymer Benutzer: philantrop

    Wenn eine Ratingagentur mitten hinein in Krisenverhandlungen der Euroländer zur Sanierung der Griechenprobleme miese Parolen auf internationalen Tagungen streut, weiter Moody spontan während der Verhandlungen die bewertung von Griechenland um 3 Stufen abwertet, stinkt das zum Himmel.
    Hier ist offensichtlich eine gigantische Geldmaffiamaschine am Werk, die an einem Staatsbankrot Griechenlands wahrscheinlich den Einhundertmilliardendeal dieses Jahrzehntes sieht, wenn sie entsprechende Geschäfte auf den Eintritt des Staatsbankrotts abgeschlossen hat.
    Das Zitat "Talleyrand`s" franz. botschafter 1792 in London, bringt es auf den Punkt: Verrat, Sire, ist nur eine Frage des Datums". Soll heissen, man kann durch gezielte Meldungen zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Gebäude zum Einstürzen bringen.
    Es geht nach bisherigen Regeln nicht, bei einer Hochzeitsfeier in der Kirche aufzustehen, und zu behaupten, die braut sei eine Nutte. Ein solches Verhalten hat offensichtlich in der Finanzwelt Schule gemacht, erklärtes Ziel den anderen zu schädigen oder zu erledigen, um Reibach zu machen.
    Man hat in der Geschichte bedauerlicherweise schon viele Menschen durch Kenntlichmachung zu Unrecht stigmatisiert. Für die banker dieser Welt hielte ich die Auflage zur äusserlichen Kenntlichmachung ihrer Person in Anbetracht ihrer schmutzigen Geschäfte für angebracht.

Alle Kommentare lesen

Tool: Immobilienscout24

Immobilien-Wertfinder

Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet.

weitere Fotostrecken

Blogs

Gastbeitrag: Renditechancen in den USA?
Gastbeitrag: Renditechancen in den USA?

Doug Forsyth, Manager des Fonds Allianz US High Yield, erläutert in einem Gastbeitrag, warum er die Risiken von...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.