Schwellenländer: Wie Brasiliens Boom die Börse verzaubert

Schwellenländer: Wie Brasiliens Boom die Börse verzaubert

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Bauarbeiter in Rio de Janeiro

von Alexander Busch und Martin Gerth

Brasilien vor den Wahlen überzeugt durch politische Stabilität, solide Staatsfinanzen und kräftiges Wachstum. Die Börse des Schwellenlands hat Anlegern mehr zu bieten als nur Rohstoffe.

Brasiliens Präsident Lula da Silva hat kurz vor seinem Abschied noch die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten eingefädelt. 30 Milliarden Dollar sollen Investoren in den Ölkonzern Petrobras einzahlen, für 40 Milliarden Dollar will der Staat, der heute schon die Mehrheit der Petrobras-Stimmrechte hält, neue Aktien übernehmen. Bezahlt werden die Papiere mit der Übertragung von fünf Milliarden Barrel Ölreserven, die noch in der Tiefsee vor der brasilianischen Küste lagern. Lula sichert damit den Einfluss seiner Ziehtochter und wahrscheinlichen Nachfolgerin Dilma Roussef auf den klotzig verdienenden Staatskonzern. Der populäre Präsident darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr zur Wahl am 3. Oktober antreten.

Anlegern bereitet die bevorstehende Stabübergabe an der Staatsspitze keine Probleme. Die ehemalige Energieministerin Roussef führt in den Umfragen haushoch. Die Wähler wollen Kontinuität statt Wechsel. Die internationalen Geldgeber honorieren dies: Im September erhielten brasilianische Unternehmen bisher sieben Milliarden Dollar Kredit aus dem Ausland. Zudem platzierten brasilianische Konzerne seit Jahresanfang Anleihen für 40 Milliarden Dollar – mehr als im gesamten Jahr 2009. Das Vertrauen in Brasiliens Wirtschaft war im Ausland selten so groß wie derzeit.

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Geld genug ist da

Brasilien zählte nicht immer zu den politischen Musterknaben. Wahltermine waren regelmäßig Zitterpartien. Ausländische Investoren zogen ihr Geld ab. Die Zinsen schossen in die Höhe. Die Gläubiger fürchteten, Brasilien könnte seine Schulden nicht bezahlen.

Das ist jetzt völlig anders. Brasilien hat seit vergangenem Jahr seinen Ramschstatus als Schuldner ablegt und wird von der Ratingagentur Standard & Poor’s mit „BBB“ benotet.

Petrobras wird trotz vieler Ungereimtheiten – so schien Lula den Preis, zu dem der Staat Aktien bekommt, mehr oder weniger zu diktieren – kaum Probleme haben, die Kapitalerhöhung zu platzieren. Weltweit strömt Geld in die aufstrebenden Länder. Alle zehn der weltweit von Januar bis August am besten gelaufenen Aktienmärkte waren Schwellenländer-Börsen. Im August brachten es die börsennotierten Unternehmen der aufstrebenden Volkswirtschaften bereits auf ein Viertel der weltweiten Marktkapitalisierung.

Erfolgreiche Börsengänge

Gleich dreimal während der Weltwirtschaftskrise gelangen an der Bovespa in São Paulo die größten Börsengänge weltweit. Die Ölfirma OGX, der Kreditkartenanbieter Visanet und die brasilianische Tochter der spanischen Santander Bank sammelten 14 Milliarden Dollar bei Anlegern ein, als weltweit die Börsen einbrachen. Alleine die brasilianische Tochter der spanischen Großbank ist heute an der Börse mehr wert als die Deutsche Bank.

Brasilien hat die Nachbeben der Finanzkrise gut weggesteckt. Finanzminister Guido Mantega rechnet für dieses Jahr mit sieben Prozent Wachstum. 2011 bis 2014 sollen es nach seiner Schätzung im Schnitt etwa 5,5 Prozent pro Jahr sein.

Auf den ersten Blick überrascht es, dass die Börse Brasiliens in diesem Jahr stagniert. 2009 legte sie mit einem Wertzuwachs von 83 Prozent weltweit noch spitzenmäßig zu. Der Grund für diese Diskrepanz: Brasiliens Börse spiegelt die Wirtschaft des Landes nur verzerrt wider. Denn an der Börse dominieren die großen Rohstoffkonzerne wie Petrobras, der Minenriese Vale, die Stahlkonzerne Gerdau, CSN oder Usiminas sowie die staatlichen Energiekonzerne. Diese rohstoffnahen Branchen sind im Index übermäßig stark vertreten.

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