Abgeltungsteuer: Wie Sie die letzte Chance auf steuerfreie Gewinne nutzen

Abgeltungsteuer: Wie Sie die letzte Chance auf steuerfreie Gewinne nutzen

Abgeltungsteuer? Ohne mich! Mit welchen Aktien, Fonds und Anleihen Anleger die letzte Chance auf steuerfreie Gewinne nutzen – und welchen Versprechungen der Finanzbranche sie nicht trauen sollten.

Die schwäbische Rentnerin zupft ihren Mann am Ärmel. „Bleib doch mal stehen“, raunt sie. „Die haben hier was wegen der neuen Steuer.“ Im April, auf der Stuttgarter Anlegermesse Invest, drängten sich die Besucher vor allem um Stände, an denen Aussteller Strategien gegen die Abgeltungsteuer anpriesen. Kein Zweifel: Die 25-prozentige Pauschalsteuer, die ab 2009 für Zinsen, Dividenden und Kursgewinne gilt, ist für Sparer und selbstredend für die sie umgarnende Finanzbranche das Thema des Jahres.

In einem Punkt haben die Verkaufstrupps von Banken und Fondsanbietern auf jeden Fall recht: Es ist an der Zeit, zu handeln. Denn wer sein Geld noch dieses Jahr investiert, streicht Gewinne steuerfrei ein – egal, ob 2010 oder 2020. Kommen Anleger einen Tag zu spät, schlägt der Fiskus beim späteren Verkauf dagegen erbarmungslos zu und zwackt gut ein Viertel des Gewinns ab. Auf diese Weise ist schnell eine fünfstellige Summe futsch (siehe Grafik). Sparer sollten jetzt ihr für langfristige Anlagen vorgesehenes Kapital dort investieren, wo es auch über mehrere Jahre gut aufgehoben ist – und dabei so manchem Versprechen besser nicht trauen.

Anzeige

Der Höhepunkt der Werbewelle ist noch nicht mal erreicht: Je näher der Steuerstichtag 31. Dezember 2008 rückt, desto massiver buhlen Investmenthäuser um Kunden – mit nervigen Briefen, Anrufen und Marketingpostillen. Anleger sollten Vorsicht walten lassen: Wie früher bei Filmfonds und Schrottimmobilien nutzen Vermittler und Bankberater das Steuerargument, um zweifelhafte Produkte in den Markt zu drücken. „Niemand sollte sich von Steuervorteilen blenden lassen und übereilt Entscheidungen treffen“, sagt Steuerberater Jochen Busch von der Münchner Kanzlei RP Richter & Partner. Jedes Investment muss sich auch ohne Steuervorteil rechnen; Millionen Anleger, die mit Bauherrenmodellen, Windkraft- oder Filmfonds hereingelegt wurden, können dies bestätigen.

Das Positive vorweg: Steuern sparen ist in diesem Jahr viel einfacher, als die Banken suggerieren. Anleger brauchen nicht unbedingt komplexe Produkte und ausgeklügelte Strategien, sondern einfach nur gute Aktien, Fonds und Anleihen. Komplizierter wird’s erst 2009 – Grund genug für Anleger, dieses Jahr entschlossen zu handeln.

Erste Wahl sind dabei keine kurzatmigen Zockerpapiere, sondern Langfristinvestments, die in möglichst ferner Zukunft einen hohen Gewinn abwerfen – wenn steuerfreie Erträge für andere Anleger längst Legenden aus grauer Vorzeit sind. „Anleger müssen ihr Depot jetzt krisenfest machen“, rät Steuerberater Kurt Gratz von der Kanzlei CMS Hasche Sigle in Stuttgart. „Dabei sollten sie sämtliche Mittel einsetzen, die sie in den nächsten Jahren nicht brauchen.“

Klar, auch wer zocken will und kurzfristig den richtigen Trend erwischt, kann viel Geld verdienen. Aber darauf zu bauen, ist riskant, gerade angesichts der aktuell nervösen Finanzmärkte. Und wer aus nach 2008 gekauften Papieren schnell wieder aussteigen will, etwa weil ein kleines Technologieunternehmen eher als erwartet an seine Grenzen stößt, verspielt hohe Steuervorteile: Für Gewinne mit Nachfolgepapieren wird dann unweigerlich die Abgeltungsteuer fällig. Der Effekt ist nicht zu unterschätzen: Die gut 25 Prozent, die künftig an den Fiskus gehen, müssen neue Aktien oder Fonds erstmal liefern.

Besser ist es deshalb, Papiere von Unternehmen zu kaufen, die auch noch in einigen Jahren mit Sicherheit gut dastehen werden – oder Fonds, von denen zu erwarten ist, dass ihnen nicht in zwei, drei Jahren die Luft ausgeht. „Anleger, die jetzt langfristig investieren und dabei Schwächephasen aussitzen können, erhöhen die Chancen auf attraktive steuerfreie Gewinne“, sagt Busch von RP Richter & Partner.

Beim Steuern sparen sollten Anleger zwei Dinge nicht vergessen. Erstens gibt es keinen Grund, breit umzuschichten und sich von gut laufenden Investments zu trennen. Lediglich Verlustbringer sollten Anleger zügig aussortieren. Zweitens: Hektik ist unangebracht, bis zum Steuerstichtag sind es noch fast acht Monate. „Niemand sollte jetzt alles investieren und damit seine Depotstruktur auf Jahre hinaus festzurren“, warnt Andreas Zittlau, Geschäftsführer der Kölner Vermögensberatung CPM. Noch ist Zeit, um Entscheidungen zu prüfen – und sukzessive da einzusteigen, wo sich Chancen bieten:

Aktien. Die Finanzkrise könnte sich als Glücksfall erweisen. Denn sie hat manche Aktie auf ein Niveau zurückgeführt, bei dem sich der Einstieg wieder lohnt – zumindest für Anleger mit langem Atem. Der 25-prozentige Steuervorteil gegenüber Investments nach 2008 bietet schließlich einen Puffer, um Verlustphasen durchzu- » stehen. „Für Leute, die den finanziellen Spielraum dafür haben, macht es durchaus Sinn, jetzt gute Aktien zu kaufen, zumal es mit festverzinslichen Anlagen wie Renten oder Festgeld, weiterhin schwer sein wird nach Steuern und Inflation real etwas zu verdienen“, sagt Roland Ziegler, Anlagestratege der BHF-Bank in Frankfurt.

Natürlich sind Langfrist-Gewinne mit Aktien keine Selbstläufer. Die Annahme, sie müssten Papiere nur lange genug liegen lassen, um irgendwann wieder in die Gewinnzone zu kommen, hat Aktionäre viel Geld gekostet, gerade nach dem Crash zur Jahrtausendwende. Zudem ist eine nachhaltige Trendwende nach oben an der Börse nicht in Sicht. Die Finanzkrise und die flaue US-Konjunktur belasten die Kurse, in den nächsten Monaten dürfte es holprig bleiben – wer einen günstigen Einstiegsmoment abpassen will, kann ruhig noch warten. Immerhin: Der langfristige Aufwärtstrend ist intakt, zumindest charttechnisch sind 35.000 Punkte im Jahr 2020 nicht ausgeschlossen. Das aber ist nur eine Projektion, heftige Kursstürze bleiben möglich. „Dennoch gibt es auf sehr lange Sicht kaum Zeiträume von mehr als zehn Jahren, in denen Anleger mit Aktien unter dem Strich Geld verloren“, sagt Ziegler.

Wer sich nicht auf den Markt verlassen und teure Flops vermeiden will, sollte einige Grundregeln beachten, nach denen auch die WirtschaftsWoche ihre Langfrist-Empfehlungsliste zusammengesetzt hat.

Randbereiche wie exotische Schwellenmärkte oder Biotech bringen Performance, das höhere Risiko lässt sich aber von Laien nur schwer beherrschen. Hier sind gute Fonds besser als Einzeltitel. Wichtig ist eine solide Bilanz aus einem Land mit hoher Rechtssicherheit. Niemand braucht einen chinesischen Landmaschinenbauer, um vom wachsenden Reisbedarf zu profitieren; die Schwellenländer-Karte lässt sich elegant über europäische Unternehmen mit guter Marktposition in Asien, Afrika oder Lateinamerika spielen, etwa Telefónica, Nestlé und BASF. Wichtiger als ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder ein angeblich neuer Verkaufsschlager ist auf lange Sicht eine starke Position in einer interessanten Branche. Der Bedarf an Nahrung und Energie zum Beispiel wird weiter wachsen. „Mit Blick auf zehn Jahre oder mehr macht die Dividende bis zu 30 Prozent der Gesamtperformance aus“, sagt Ziegler. Unternehmen, die regelmäßig Teile des Gewinns ausschütten, beweisen, dass sie nachhaltig Mittelzuflüsse erwirtschaften und Aktionäre angemessen beteiligen.

Und weil es keine absolute Sicherheit gibt, gehört jedes Depot regelmäßig auf den Prüfstand. Überteuerte Übernahmen, Bilanzmanipulationen oder nicht nachvollziehbare Strategiewechsel können Gründe sein, sich auch von Langfrist-Investments zu trennen.

Auf der Anlegermesse Invest buhlten vor allem Banken aus Österreich und der Schweiz mit angeblichen Geheimtipps für Steuersparer – wie etwa die „Direkt-Anlage in Österreich“ des Bankhauses Jungholz, die sich bei näherem Hinsehen als simples Online-Depot entpuppte. Dessen wahren Steuervorteil brachten Gespräche am Messestand schnell ans Licht: „Wir haben in Österreich ein sehr strenges Bankgeheimnis“, sagt ein seriös wirkender Bankmitarbeiter – und lächelt verschwörerisch. Die Botschaft des Mannes mit dem kurz geschorenen Oberlippenbart und dem angedeuteten Seitenscheitel ist klar: Von uns erfährt Ihr Finanzamt nichts.

Banker aus den Nachbarländern wollen am liebsten wiederholen, was ihnen Anfang der Neunzigerjahre gelang. Damals gewannen sie Zehntausende deutsche Kunden, weil die Bundesregierung eine 30-prozentige Quellensteuer für Zinsen einführte, die sogenannte Zinsabschlagsteuer. Viele Anleger wurden erwischt, nach landesweiten Fahndungswellen mussten sie hohe Strafen zahlen. Es bleibt dabei: Wer in Deutschland lebt, muss nach den hiesigen Vorschriften Steuern zahlen – egal, wo das Geld gebunkert ist. Und für Hinterzieher steigt im Ausland nicht nur das Risiko entdeckt zu werden, sondern auch die anonyme Quellensteuer.

Investmentfonds. Im April schreckte eine Meldung aus Berlin Deutschlands Fondsanbieter auf. Die Bundesregierung wolle Dachfonds die Steuerprivilegien streichen, hieß es. Für die Branche wäre das katastrophal, schließlich verkauft sie Dachfonds als Wunderwaffe gegen die Abgeltungsteuer. Deren Vorteil: Fondsmanager können von 2009 an umschichten, etwa von Renten- in Aktienfonds, ohne dass Gewinne aus neu gekauften Fonds Steuern kosten.

Zwar enthält der vergangene Woche veröffentlichte Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums zum Jahressteuergesetz 2009 keine Änderungen für Dachfonds. Die von einigen Anbietern bejubelte Entwarnung ist das aber noch nicht: Bis 2009 können es sich die Finanzpolitiker noch anders überlegen. Es wäre nicht das erste Mal: Für die offensiv als Steuersparmodelle beworbenen Zertifikate wurden die Vorschriften bereits verschärft – ebenso wie für Luxemburger Millionärsfonds, die Anleger mit der Chance gelockt hatten, ihr Depot in einen Fondsmantel zu packen, um innerhalb dieses Konstruktes weiter steuerfrei umschichten zu können.

Trotz aller Beschwichtigungen ist nicht ausgeschlossen, dass den herkömmlichen Dachfonds noch ähnliches droht. „Die » Bundesregierung könnte gezwungen sein, dieses Schlupfloch zu schließen, damit die Abgeltungsteuer nicht zu einer verfassungswidrigen Dummensteuer wird“, sagt Andreas Striegel, Steuerberater von der Kanzlei Kaye Scholer. Überall, wo Anbieter mit Steuervorteilen werben, sei „höchste Vorsicht“ geboten, warnt er: „Je mehr Geld in solche Vehikel fließt, desto wahrscheinlicher ist ein Einschreiten der Regierung.“

Anzeige
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%