
Mexiko-StadtFür kurze Zeit herrschte Panik im Paradies. Zwei Wochen lang gab es in Anwaltskanzleien, Banken, aber auch bei Klempnern, Kellnern und Hausangestellten auf den Cayman Islands kein anderes Thema mehr als die drohende Einkommensteuer. Selbst die Lokalzeitung "Caymanian Compass" startete eine Umfrage. Das Ergebnis war eindeutig: Fast acht von zehn Einwohnern der Finanzoase in der Karibik lehnten die Pläne der Regierung ab. Steuern im Steuerparadies - undenkbar.
Premierminister William McKeeva Bush hatte am 25. Juli vorgeschlagen, gut verdienende ausländische Arbeitskräfte mit einer "Payroll Tax" zu belegen. Die sogenannten Expats, die knapp die Hälfte der Einwohner der Caymans stellen, sollten das chronische Haushaltsdefizit des Finanzparadieses ausgleichen. Und das, obwohl sie von vielen staatlichen Leistungen gar nicht profitieren können.
Damit hatte der Premier ein Tabu gebrochen. Die Caymans kennen keine direkten Steuern, anders als die benachbarten Finanzoasen Bermudas, Bahamas oder British Virgin Islands. Die Caymans erheben weder Steuern auf das Vermögen noch auf die Gewinne noch auf den Kauf und Verkauf. Es gibt keine Mehrwertsteuer, Erbschaftsteuer, Grundsteuer. Keine Lohnsteuer. Keine Einkommensteuer. Ein Alleinstellungsmerkmal, das man auf keinen Fall verlieren will.
Für Anthony Travers, Vorsitzender der Cayman-Börse (CSX), war die Regierungsvorlage dann auch eine "fürchterliche Idee", die an den Grundfesten der Insel rüttelt: "In den 200 Jahren unserer Geschichte hat es nie direkte Steuern gegeben. Darauf ist unser ganzes Modell aufgebaut", sagte Travers dem Handelsblatt.
Die Kaimaninseln haben einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Von einem kleinen karibischen Eiland südlich von Kuba sind sie zum fünftgrößten Finanzplatz der Welt geworden. 235 Banken, 735 Versicherungen, 9 000 Hedge-Fonds und 91 712 Unternehmen haben hier einen Sitz oder einen Briefkasten. Die Assets beliefen sich vor einem Jahr auf 1,60 Billionen Dollar. Von den 56 000 Einwohnern sind 24 000 Expats, die Mehrheit von ihnen gut verdienende Banker, Juristen oder Versicherungsmakler. Und denen sollte es nun an den Geldbeutel gehen, um das Loch von 590 Millionen Dollar zu stopfen, das im Haushalt klafft. Die Steuer hätte diejenigen Ausländer getroffen, die mehr als 36 000 Dollar im Jahr verdienen.
Steuern im Steuerparadies? - Undenkbar!
Tatsächlich hängt beinahe alles für beinahe alle auf den Caymans mit den Steuern zusammen. Die australische Bedienung, die im Sunset House im schicken Stadtteil South Sound den Anwälten nach Sonnenuntergang ihre Mojitos reicht, der philippinische Monteur, der die Telefonleitungen repariert oder die honduranische Hausangestellte. Alle sind sie auf den Caymans, weil brutto gleich netto ist und sogar einfachste Arbeiten mit 1 000 Dollar im Monat entlohnt werden. Es ist schwer, jemanden zu finden, der direkte Steuern nicht scheut wie der Teufel das Weihwasser.
Aber Premier McKeeva Bush braucht dringend Geld, denn seine Insel lebt über ihre Verhältnisse. 545 Million Einnahmen stehen 526 Millionen Ausgaben gegenüber, hinzu kommen noch der Schuldendienst und außergewöhnliche Infrastrukturprojekte wie der Bau zweier Schulen, die durch Hurrikan Ivan im Jahre 2004 zerstört wurden. Dazu, so kritisieren Experten, ist der öffentliche Dienst aufgebläht. Aber der Regierung fehle der Wille, diesen zu verschlanken. Kommendes Jahr wird gewählt.
Die Caymans leben vor allem von Arbeitserlaubnissen, Stempelgebühren und Abgaben auf Importe. Jede Firma, jeder Fonds zahlt für ihre Angestellten. Der Eintritt ins Paradies kostete bisher zwischen 500 und 2 500 Dollar. Rund 45 Millionen Dollar kommen so jährlich zusammen, dazu noch mal die gleiche Summe durch Stempelgebühren für Land- und Häuserkäufe. Aber da sich auch im Paradies die Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar macht, nehmen auch hier die Einkünfte ab. Die Zahl der Banken, Hedge-Fonds und Unternehmensrepräsentanzen sinkt kontinuierlich. Erst kürzlich schloss die mexikanische Filiale der HSBC-Bank im Zuge des Geldwäscheskandals ihre Konten auf den Caymans.
Nach zwei Wochen Protesten knickte der Premier übrigens ein. Die Expat-Steuer sei "vom Tisch", sagte McKeeva Bush kürzlich. Stattdessen wird der Preis für die Arbeitserlaubnisse um bis zu 30 Prozent erhöht, die "Departure Tax", die Abreisegebühr, und die Tourismusabgabe angehoben. Zudem wird über eine Kraftfahrzeugsteuer nachgedacht, die sich an den gefahrenen Kilometern orientiert.






















