Flugverspätung: Im Sinne des Klägers

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Flugverspätung: Wie sich Airlines vor Entschädigungen drücken

Im Sinne des Klägers

In Deutschland werden im Jahr mehr als 40.000 Urteile wegen Flugverspätungen gesprochen – fast immer im Sinne des Fluggasts, sagt Anwalt Hopperdietzel. Beim Amtsgericht Rüsselsheim liegen allein gegen Condor 2400 Klagen vor. Richter sind genervt ob der Klagen-Plage, die die systematischen Flugverspätungen des Ferienfliegers nach sich ziehen. „Im Normalfall verlieren wir solche Verfahren nicht“, so Hopperdietzel. Es sei denn, ein Mandant habe ihn über den Sachverhalt falsch informiert und etwa verschwiegen, dass ein Flug zum Sondertarif eingekauft wurde.

Condor behauptet glatt das Gegenteil: In einer E-Mail an die WirtschaftsWoche heißt es, dass „jeder Fall einzeln geprüft“ und „im Zweifelsfall eine gütliche Einigung mit dem Passagier angestrebt“ werde. Sofern mal ein Streit gerichtlich ausgetragen werde, „wird überwiegend zu unseren Gunsten entschieden“. Überhaupt lägen Beschwerden gegen Airlines im „sehr niedrigen Bereich“. Fast identisch fallen Sprachregelungen aus, die Condor bei Anfragen anderer Medien herausgibt.

Verbraucherschützer schätzen, dass allein die deutschen Airlines rund 650 Millionen Euro an Entschädigungen berappen müssten, wenn jeder Passagier seine Rechte geltend macht. Doch nur 20 bis 25 Prozent der Passagiere eines verspäteten Flugs trauten sich auf den Klageweg, sagt Anwalt Hopperdietzel. Zu groß sei die Furcht, auf den Prozesskosten sitzen zu bleiben.

Gewonnen!

Grimmig blickt der hessische Löwe auf dem Brief des Amtsgerichts Frankfurt, der mir am 21. März zugestellt wurde. „Im Namen des Volkes“ wird im Fall „Willershausen gegen Condor Flugdienst“ für Recht erkannt, dass Condor im Unrecht ist und 600 Euro nebst Zinsen an den Kläger zahlen muss. Die Kosten für das Verfahren kommen obendrauf. Gewonnen!

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Die volle Entschädigung erhalte ich dennoch nicht überwiesen. Weil mir das Risiko der Klage anfangs zu hoch schien, habe ich den Rechtsdienstleister Flightright vorgeschickt. Das Unternehmen aus Potsdam übernimmt die Risiken eines Verfahrens und mahnt die Airline ab – kassiert dann aber eine Erfolgsprämie in Höhe von 25 Prozent. Da Flightright die wenigen strittigen Fälle nicht annehmen muss, ist das ein äußerst lukratives Geschäftsmodell.

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Aber auch die Masche der Airlines lohnt sich: Wenn mehr als drei Viertel der Passagiere bei verspäteten Flügen ihr Recht auf Entschädigung nicht einfordern, spart jede Fluglinie mehr Geld für Entschädigung, als die Verfahren kosten. In meinem Fall stellt Rechtsanwalt Hopperdietzel an Condor eine Rechnung über 262,68 Euro, die Gerichtsgebühren belaufen sich auf 35 Euro. Meine Verspätung auf dem Weg in den Urlaub hat Condor also knapp 900 Euro gekostet – und einen Kunden. Denn mit denen, das steht fest, werde ich so bald nicht mehr fliegen. Auch nicht, wenn ich dem Konzept Pauschalurlaub irgendwann doch noch mal eine Chance geben sollte.

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