Kalte Progression: Warum die Schweiz die gerechtere Steuerpolitik macht

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Kalte Progression: Warum die Schweiz die gerechtere Steuerpolitik macht

von Andreas Toller

Durch die kalte Progression kassiert der Staat mehr Steuern als beabsichtigt. Berechnungen zeigen: Das belastet niedrige Einkommen überproportional. Dabei könnte es mit einfachen Reformen gerechter zugehen.

Die niedrige Arbeitslosenquote hat dem Bundesfinanzminister einen Geldsegen beschert. Denn mit jedem weiteren sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigen die Steuereinnahmen des Staates. Das hat dem Fiskus in den vergangenen Jahren Mehreinnahmen in Milliardenhöhe beschert. Die will Wolfgang Schäuble nun dazu nutzen, die Staatsschulden zurückzuführen. 2014 soll es dank der Schuldenbremse keine zusätzliche Neuverschuldung des Bundes geben. Angesichts der Krise in hochverschuldeten Euro-Staaten ist das auch dringend geboten, zumal neue Schulden vor allem die Steuerzahler der Zukunft über Gebühr belasten.

Die Leidtragenden der sprudelnden Steuereinnahmen sind dennoch die Steuerzahler selbst. Denn die kalte Progression schlägt zu. Das ist nicht der gespenstische Kettenhund des Finanzministers, sondern ein Konstruktionsfehler unseres Steuersystems. Dieser sorgt nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) dafür, dass deutschen Steuerzahlern zwischen 2010 und 2017 voraussichtlich mehr als 20 Milliarden mehr aus den Lohntüten gezogen wird, als im Steuersystem eigentlich vorgesehen. Und das geht so: Der Angestellte bekommt eine Erhöhung seines Bruttogehalts und rutscht damit in einen höheren Steuertarif, das heißt nach Steuertabelle steigt sein persönlicher Steuersatz zum Beispiel von 33 auf 35 Prozent. Das ist die Progression. Das „kalte“ daran: Der höhere Steuersatz und die Inflation fressen den Lohnzuwachs auf, der Gehaltsempfänger bekommt in Extremfällen sogar netto weniger raus als vor der Lohnerhöhung.

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Effekt der kalten Progression für einzelveranlagte Steuerzahler

  • Erläuterung

    Nachfolgend die Steuermehrbelastung inklusive Inflationseffekt nach einem und kumuliert nach sieben Jahren nach Bruttoeinkommensbereichen.

    Für die Simulationsrechnung wurde eine jährliche Inflationsrate von 2,0 und eine Lohnsteigerung von jährlich 2,9 Prozent unterstellt.

    Quelle: IW Köln, 8. April 2013

  • Jahreseinkommen 10.000 - 20.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 82 Euro

    davon kalte Progression

    31 Euro bzw. 38 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 352 Euro

    davon kalte Progression

    160 Euro bzw. 45 Prozent

  • Jahreseinkommen 20.000 - 30.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 193 Euro

    davon kalte Progression

    56 Euro bzw. 29 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 1.023 Euro

    davon kalte Progression

    328 Euro bzw. 32 Prozent

  • Jahreseinkommen 30.000 - 40.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 309 Euro

    davon kalte Progression

    73 Euro bzw. 24 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 1.607 Euro

    davon kalte Progression

    423 Euro bzw. 26 Prozent

  • Jahreseinkommen 40.000 - 50.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 461 Euro

    davon kalte Progression

    96 Euro bzw. 21 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 2.326 Euro

    davon kalte Progression

    575 Euro bzw. 25 Prozent

  • Jahreseinkommen 50.000 - 75.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 759 Euro

    davon kalte Progression

    142 Euro bzw. 19 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 3.819 Euro

    davon kalte Progression

    1.001 Euro bzw. 26 Prozent

  • Jahreseinkommen 75.000 - 100.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 1.192 Euro

    davon kalte Progression

    171 Euro bzw. 14 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 6.370 Euro

    davon kalte Progression

    1.394 Euro bzw. 22 Prozent

  • Jahreseinkommen 100.000 - 250.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 1.804 Euro

    davon kalte Progression

    168 Euro bzw. 9 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 10.687 Euro

    davon kalte Progression

    1.365 Euro bzw. 13 Prozent

  • Jahreseinkommen 250.000 - 500.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 4.011 Euro

    davon kalte Progression

    260 Euro bzw. 6 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 27.513 Euro

    davon kalte Progression

    1.859 Euro bzw. 7 Prozent

  • Jahreseinkommen >500.000 Euro

    Nach einem Jahr (2011)

    Einzelveranlagung insgesamt: 13.426 Euro

    davon kalte Progression

    284 Euro bzw. 2 Prozent

    Nach sieben Jahren (2017)

    Einzelveranlagung insgesamt: 107.984 Euro

    davon kalte Progression

    2.092 Euro bzw. 2 Prozent

Das Problem entsteht vor allem dadurch, dass die Gehälter mit den Jahren nominell immer weiter steigen, ohne das die Beschäftigten real – also unter Berücksichtigung der inflationsbedingten Kaufkraftverluste – wohlhabender werden. Das Steuersystem funktioniert aber mit Steuertabellen, in denen für jedes Nominaleinkommen auch eine nominelle Steuerlast aufgebürdet wird. In diesen Tabellen ist somit der Einkommensteuersatz nur implizit enthalten. Das durch die Progression höhere Einkommen auch einen höheren Anteil zum Steueraufkommen des Bundes beisteuern, ist politisch gewollt und wird von der Mehrheit der Bevölkerung auch akzeptiert. Aber die Einkommenshöhen, ab denen der nächsthöhere Steuersatz von den Finanzbehörden verlangt wird, bleiben in Deutschland viel zu lange unverändert – obwohl der Grundfreibetrag, also das steuerfreie Existenzminimum, immer wieder erhöht wurde, um den gestiegenen Verbraucherpreisen Rechnung zu tragen.

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