Krötenwanderung: Wann haftet die Klinik für Hygienefehler?

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kolumneKrötenwanderung: Wann haftet die Klinik für Hygienefehler?

Kolumne von Anke Henrich

Krankenhauskeime führen zu Tausenden Toten pro Jahr. Doch wer haftet? Jetzt entschied erstmals ein Gericht zugunsten des Patienten.

Dieses Problem existiert in allen Krankenhäusern: Die Operation läuft gut, die Heilung erscheint erfolgversprechend, doch dann erwischt den Patienten ein gefährlicher Krankenhauskeim. Die können sogar bis zum Tod führen. Seriöse Experten gehen von bis zu 10.000 Toten pro Jahr in Folge solch einer Infektion aus.

So schlimm muss es nicht immer kommen. Immer aber stehen die überforderten Erkrankten vor dem Problem, dem Krankenhaus einen Fehler nachweisen zu müssen, falls sie Schadenersatz oder Schmerzensgeld verlangen.

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Jetzt hat das Oberlandesgericht Hamm ein Urteil dazu veröffentlicht. Dort war aus Sicht des Gerichts die Sachlage so eindeutig, dass es die Klinik beziehungsweise dessen Haftpflichtversicherer nicht aus der Pflicht gelassen hat.

Folgendes war passiert: Der Patient musste sich wegen eines Tinnitus in einem Krankenhaus in Brilon behandeln lassen. Für die übliche Infusions-Therapie wurde ihm am linken Arm eine Venenkanüle gelegt.  

Problem-Keime in Krankenhäusern

  • Diese Keime sind schwer zu bekämpfen

    Etwa drei bis fünf Prozent der Krankenhauserreger sind Stämme des auf Haut und Schleimhaut lebenden multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA), gegen die es noch vier bis fünf wirksame Antibiotika gibt. Andere, im Darm lebende Bakterien (ESBL) hingegen produzieren bestimmte Enzyme, die sie gegen die meisten Antibiotika-Klassen resistent machen. Besonders schwierig sind Infektionen mit KPC (Carbapenemase bildende Bakterien der Art Klebsiella pneumoniae) zu behandeln, weil hier auch Carbapeneme als letzte neue Wirksubstanzen versagen und die Ärzte auf ein veraltetes Antibiotikum ausweichen müssen. Die Entwicklung neuer Antibiotika hinkt hinterher.

  • Wann versagen Antibiotika?

    Etwa 90 Prozent der Krankenhausinfektionen rühren von Keimen her, die mit einem Antibiotikum wirksam bekämpft werden können. Problematischer sind Erreger, die Resistenzen entwickelt haben. Das geschieht vermutlich unter anderem, weil Antibiotika in der Tiermast, aber auch bei Menschen zu häufig und nicht zielgenau verabreicht werden. Dadurch werden Antibiotika-empfindliche Bakterien abgetötet, während die Antibiotika-resistenten sich umso konkurrenzloser vermehren können.

  • Wann wird es gefährlich?

    Das Gros der Keime, die in Krankenhäusern für Infektionen sorgen, sind normalerweise harmlose Bakterien, mit denen viele Menschen besiedelt sind. Geraten diese zumeist im Darm vorkommenden Keime jedoch in Blutbahn, Blase oder Lunge, können sie vor allem immungeschwächten Menschen zur Gefahr werden.

Ein Krankenpflegeschüler zog die Kanüle später. Kurz darauf litt der Patient  an starken Schmerzen durch eine Infektion mit multiresistenten Staphylokokken, den gefürchteten  MRSA-Keimen. Die arbeiteten sich bei ihm unter anderem vor bis zu seiner Lendenwirbelsäule, weshalb er auch dort operiert werden musste.

Der Patient erinnerte sich daran, dass der Krankenpflegeschüler gegen die Hygienevorschriften verstoßen hatte, in dem er für das Entfernen der Kanüle keine frischen Handschuhe angezogen hatte, sondern es bei den bereits benutzten beließ. Der Patient verklagte die Klinik auf Zahlung von Schadenersatz und Schmerzensgeld, denn die mangelnde Hygiene sei der Auslöser der Infektion gewesen.

Die Klinik führte das bekannte Argument an: Der Patient könne sich die Infektion genau so gut anderswo geholt haben. Und schließlich könne er den kausalen Zusammenhang zwischen den Handschuhen und den Keimen auch nicht beweisen.

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Doch die Richter gaben dem Kläger Recht. Ihre Begründung: Es träfe zwar zu, dass die Infektion des Klägers mit einem multiresistenten Erreger nicht automatisch eine Haftung begründet. Das sei aber anders, wenn der zu fordernde Qualitätsstandard unterschritten werde und Schuld an der Neuerkrankung des Patienten sei. Das sei in Brilon der Fall gewesen, weil der Krankenpflegeschüler die Handschuhe nicht gewechselt habe, obwohl gerade die Einstichstelle einer Kanüle eine Eintrittspforte für Keime sei.

Das Gericht sah die Klinik in der Beweispflicht für ihre Theorie, an der sie aber scheiterte. Sie muss dem MRSA-Opfer nun unter anderem 40.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

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