Solarkonzern mit Kurssturz: Was die Solarworld-Pleite Anleger trifft

Solarkonzern mit Kurssturz: Was die Solarworld-Pleite Anleger trifft

, aktualisiert 11. Mai 2017, 16:56 Uhr
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Werbespot Solarworld.

von Jakob BlumeQuelle:Handelsblatt Online

Anleihen mit einem Volumen von 170 Millionen Euro hat der Bonner Solarkonzern Solarworld noch ausstehen. Einen Großteil des Geldes werden Anleger nicht wiedersehen. Aktionäre trifft es noch härter.

FrankfurtLarry Hagman zieht seinen Cowboyhut auf und tritt hinaus auf die Terrasse seiner Villa im mediterranen Stil. Sein Blick wandert aufs Dach, auf dem Solarmodule von Solarworld montiert sind. Dann schaut Hagmann in die Sonne, ruft „shine, baby, shine!“, und bricht in sein berühmtes Schurken-Gelächter aus. Der Werbespot mit dem als Öl-Baron JR Barnes aus der Fernsehserie Dallas berühmt gewordenen US-Schauspieler brachte Solarworld 2010 viel Aufmerksamkeit. Viele Anleger ließen sich davon blenden und zeichneten 2010 und 2011 Anleihen im Umfang von 550 Millionen Euro.

Seither hatten die Anleger wenig Freude an ihrem Investment. Bereits 2013 mussten sie auf 60 Prozent ihres Geldes verzichten und einen Teil ihrer Anleihen in Aktien umwandeln. Doch noch immer stehen laut Bloomberg zwei Anleihen mit einem Gesamtvolumen von knapp 170 Millionen Euro aus. Seit September 2016 setzte Solarworld bereits mehrfach die Zinszahlungen aus. Nun, nach der Insolvenz-Ankündigung von Mittwoch, verloren die bereits arg gebeutelten Papiere abermals rund 40 Prozent. Die Solarworld-Aktie brach sogar um 75 Prozent ein.

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In sozialen Netzwerken machten Anleger ihrem Ärger über die schlechte Nachricht Luft. „Mich hat das EUR 5000 gekostet, aber Hauptsache, Herrn A… geht es gut“, schrieb etwa Anleger Josef Odenthal mit Verweis auf Firmenchef Frank Asbeck bei Facebook.

Handlungsbedarf für Anleiheinhaber sieht Alexander Elsmann von der Schutzvereinigung der Kapitalanleger (SdK) jedoch nicht. Der Rechtsanwalt vertritt seit Jahren Solarworld-Gläubiger. Die Anleihen seien besichert, sagt er. Das bedeutet: Sie haben bei der Bedienung der Schulden Priorität. „Anleiheinhaber sind in einer komfortablen Situation“, so Elsmann. Sie könnten in Ruhe die Eröffnung des Insolvenzverfahrens abwarten. Doch der Kapitalmarkt-Experte dämpft die Erwartungen: „Mit einer hohen Auszahlungsquote ist nicht zu rechnen“.

Aktionäre outeten sich bei Twitter

Klaus Nieding, Vizepräsident und Experte für Mittelstandsanleihen bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), warnt Anleger jedoch vor zu viel Passivität. Andere Pleiten in der Ökoenergiebranche, wie Prokon oder Solar Millennium, hätten gezeigt: „Anleiheinhaber tun gut daran, sich frühzeitig zusammen zu schließen“. Wichtig sei, dass ihre Interessen während des Insolvenzverfahrens im Gläubigerausschuss repräsentiert würden. „Sie müssen aufpassen, nicht rasiert zu werden“, warnt Nieding.

Der Anlegerschützer hat dabei vor allem professionelle Spekulanten im Auge: Die kaufen Anleihen zum Spottpreis, um sich Stimmrechte im Gläubigerausschuss zu sichern. Dann drücken sie das Insolvenzverfahren möglichst schnell durch. Dabei achten sie nur darauf, dass die Rückzahlungsquote der Anleihe über dem Preis liegt, zu dem sie die Anleihe gekauft haben. Für langfristig orientierte Privatanleger, die die Anleihe seit Ausgabedatum im Jahr 2014 halten, fallen die Verluste möglicherweise höher als nötig aus. „Haben die Spekulanten einmal die Mehrheit im Gläubigerausschuss, sind Privatanleger praktisch machtlos“, sagt Nieding.

Andere machen auf Facebook ihrem Ärger Luft – und die Konzernspitze verantwortlich


Bleibt Firmenchef Asbeck?

Konkrete Empfehlungen wollen weder Elsmann noch Nieding abgeben. Doch wer jetzt seine Anleihen in Panik verkauft, realisiert vollständig den Verlust. Wer das Geld nicht dringend braucht, könnte also durchaus abwarten, was das Insolvenzverfahren bringt, sagt SdK-Anwalt Elsmann. Einen pauschalen Richtwert, wie viel Anlegergeld im Insolvenzverfahren gerettet werden kann, gebe es jedoch nicht. Bei der Prokon-Pleite hätten Anleihegläubiger immerhin noch 70 Prozent des Nominalwertes des Papiers zurückbekommen. „Es finden sich jedoch auch Gegenbeispiele, bei denen Anleger 90 oder 95 Prozent ihres Geldes verloren haben“, sagt Elsmann.

Wie viel Geld es zu verteilen gibt, hängt auch von der Art der Insolvenz ab. Prinzipiell gibt es drei Varianten, erklärt der Nürnberger Insolvenzrechts-Experte Volker Böhm von der Kanzlei Schultze & Braun. Bei der sogenannten Eigenverwaltung bleibt das bestehende Management um Firmengründer Frank Asbeck an Bord und versucht, das Unternehmen in Eigenregie zu sanieren. „Die Gläubiger müssen zunächst überlegen, ob sie den Verantwortlichen weiter das Handeln in maßgebender Position zutrauen“, sagt Böhm, der bei der Pleite-Firma Solar Millennium als Insolvenzverwalter eingesetzt wurde.

Manche Kommentatoren hoffen aber auch auf einen Neustart

Doch es ist fraglich, ob Firmenchef Asbeck sich so leicht verdrängen lässt: „Die Beispiele Prokon oder Windreich haben gezeigt, dass solche starken Unternehmerpersönlichkeiten häufig nicht einfach ins zweite Glied rücken“, so Böhm. „Dadurch können Nebenkriegsschauplätze über Personalien entstehen, die das Unternehmen jetzt nicht braucht.“

Alternativ wäre ein Verkauf des gesamten Unternehmens an einen Konkurrenten möglich. Die dritte und schmerzhafteste Lösung: Die Zerschlagung von Solarworld. Dass es so weit kommt, glaubt Andreas Ziegenhagen, Restrukturierungs-Experte bei der Kanzlei Dentons, nicht. „Solarworld könnte in deutlich kleinerer Form weiter fortbestehen“, sagt er.

Voraussetzung sei, dass Investoren Geld nachschießen und das Eigenkapital des Unternehmens stärken. „Mit einem vernünftigen Restrukturierungsplan wäre das realistisch“, so Ziegenhagen. Die Zerschlagung des Unternehmens, bei der typischerweise auch die Gläubiger am meisten bluten, könnte so vermieden werden. Sicher ist jedoch, dass es für die Aktionäre bitter wird. Der Solarworld-Aktienkurs liegt bei historisch niedrigen 87 Cent. Und im Insolvenzverfahren haben Aktionäre, deren Einlagen Eigenkapital sind, keine Rechte, sagt Ziegenhagen: „Sie erhalten grundsätzlich gar nichts.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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