Steuern: Die Schweiz umgarnt Investoren

Steuern: Die Schweiz umgarnt Investoren

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Die Schweizer Landesfahne weht am Großen Aletschgletscher unweit der Riederalp im Wind

von Daniel Schönwitz

Das Bankgeheimnis ist geknackt, die Zuflüsse von Schwarzgeld versiegen. Doch die Schweizer schlagen zurück. Sie buhlen jetzt massiv um legales Kapital – mit Steuersenkungen für Unternehmen, Spezialofferten für reiche Zuwanderer und einem umstrittenen Werbefeldzug in Deutschland.

"Das sind die Abschreibungstabellen in der Schweiz.“ Hubertus Ludwig hält ein einzelnes Blatt Papier hoch und blickt stolz ins Publikum. In Deutschland seien die Tabellen „ein bisschen umfangreicher, oder?“, fragt der muntere Anwalt aus Basel und lächelt seinen Co-Referenten an. Der deutsche Steuerexperte Heiko Kubaile von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young nickt zustimmend. „Die deutschen Tabellen konnte ich leider nicht mitbringen. Das sind mehrere Bände, insgesamt sicher einen halben Meter dick.“

Beide Juristen, der Schweizer und der Deutsche, sind nach München gereist, um deutsche Unternehmer von den Vorzügen des Alpenstaates zu überzeugen. Veranstalter des Seminars „Geschäftsmöglichkeiten in der Schweiz“ ist die Osec, eine staatliche Organisation, die im Ausland die Werbetrommel für den Wirtschaftsstandort rühren soll. Das Interesse ist groß, rund 100 Zuhörer haben sich in der „Ratstrinkstube“ im Münchner Rathaus am Marienplatz eingefunden – junge Existenzgründer, gestandene Unternehmer und interessierte Ruheständler.

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Die Osec hat keine Kosten und Mühen gescheut, um die Besucher von den Vorzügen der Schweiz zu überzeugen: Mit den Steuerexperten Ludwig und Kubaile sind Vertreter von fast allen 26 Kantonen erschienen. In den Kaffeepausen und nach Ende des offiziellen Teils preisen sie in Einzelgesprächen niedrige Steuern, unbürokratische Behörden und eine Rundum-Betreuung ausländischer Investoren. Zudem haben sie Schweizer Spezialitäten wie Kräuterbonbons und Schokolade mitgebracht – kleine Geschenke fördern eben die Freundschaft.

Wie in München, so wirbt die Schweiz derzeit in vielen deutschen Städten für sich. Dass die Marketingoffensive gerade jetzt gestartet wurde, ist kein Zufall: Die Eidgenossen sind dringend darauf angewiesen, mehr legales Kapital ins Land zu locken. Denn Ausländer ziehen massiv Geld ab, weil die Schweiz ihr Bankgeheimnis preisgegeben hat und von 2010 an enger mit ausländischen Steuerfahndern kooperiert.

Laut einer aktuellen Studie der Universität St. Gallen und der Beratungsgesellschaft KPMG drohen Schweizer Privatbanken Abflüsse von bis zu 25 Prozent des verwalteten Vermögens. Allein bei Schweizer Filialen der UBS haben Privatkunden im dritten Quartal fast vier Milliarden Franken abgezogen – einer der Hauptgründe für den Quartalsverlust von 564 Millionen Franken, den die UBS in der abgelaufenen Woche verkündete.

Menschen statt Schwarzgeld

Geschätzt vier Fünftel des von EU-Bürgern in der Schweiz angelegten Kapitals sind Schwarzgeld. Die Nachbarländer wollen die geheimen Schätze jetzt endlich aufspüren und zurück in die Heimat holen. Italien und Großbritannien zum Beispiel bieten Steuerhinterziehern zurzeit eine Amnestie – und setzen sie gleichzeitig mit einer Fahndungsoffensive unter Druck. Deutschland bietet bei Selbstanzeige seit jeher Straffreiheit und fordert lediglich Steuernachzahlungen.

Dass der stete Schwarzgeld-Zufluss versiegt, der den Banken jahrzehntelang hohe Gewinnmargen garantierte, trifft die gesamte eidgenössische Wirtschaft hart. Der wichtige – und bereits von der Finanzkrise schwer gebeutelte – Bankensektor fällt als Wachstumstreiber bis auf Weiteres aus. Der einflussreiche Schweizer Unternehmer und Ex-Politiker Tito Tettamanti fordert deshalb einen „Neuanfang“: Statt Schwarzgeld anzulocken, müsse die Schweiz „die Vermögenden Europas dazu bringen, sich und ihre Firmen bei uns anzusiedeln“.

Der deutsche Fiskus beäugt den Werbefeldzug misstrauisch. Finanzbeamte hegen den Verdacht, dass die Schweizer ungeniert zur Steuerflucht aufrufen. Bei einer Veranstaltung des ländlichen Kantons Appenzell Ausserrhoden in Tuttlingen nahe der Schweizer Grenze saß im Frühjahr der Leiter eines nahe gelegenen Finanzamts im Publikum.

Auch in Großbritannien sorgt das aggressive Standortmarketing der Schweiz für Unmut: Die „Times“ berichtete vor einigen Wochen, Vertreter des Kantons Genf hätten britische Unternehmenschefs kontaktiert, um sie zu einem Standortwechsel zu überreden. Einem sei dabei eine pauschale Einkommensteuer von zehn Prozent angeboten worden. Der Kanton Genf bestritt den Vorfall.

Legaler Steuerwettbewerb

Während des Seminars in München outet sich kein Finanzbeamter. Es geht in den Vorträgen auch nicht um Schwarzgeldtransfers oder anonyme Stiftungen – weder offiziell noch hinter vorgehaltener Hand. Kantonsvertreter und Experten stellen die Rahmenbedingungen für Unternehmer in der Schweiz vor. Nicht mehr und nicht weniger.

Und es gibt tatsächlich manches, das für den Alpenstaat spricht – auch ohne Bankgeheimnis. Die effektive Steuerlast für Unternehmen ist „selten höher als 20 Prozent“, betont Anwalt Ludwig. Oft sei sie sogar deutlich günstiger. Laut „Taxation Index 2009“ des Instituts BAK Basel Economics müssen Unternehmen zum Beispiel in den Gemeinden des Kantons Appenzell Ausserrhoden im Schnitt nur 10,8 Prozent ihrer Gewinne als Steuer abführen. Viele Kantone haben seit 2008 Abgaben gesenkt, um sich im kantonalen Wettbewerb zu behaupten. In Schaffhausen, Nidwalden, St. Gallen, Basel, Appenzell, Schwyz und Luzern habe es „nennenswerte Steuersenkungen“ für Unternehmen gegeben, so die BAK-Experten: „Das Schweizer Steuerkarussell dreht sich weiter nach unten.“ Während hierzulande noch über Steuersenkungen diskutiert wird, haben die Eidgenossen also Fakten geschaffen.

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