Steuerparadiese: Zeichen der Stärke

Steuerparadiese: Zeichen der Stärke

Bild vergrößern

Bau des Burj-Dubai-Turms

Auch Asiens Staaten locken vermehrt Steuersparer. Die EU will zumindest beim Schwarzgeld nicht tatenlos zuschauen.

László Kovacs ist derzeit Vielflieger auf der Asienroute. Der EU-Steuerkommissar und ehemalige ungarische Außenminister will hochrangigen Beamten aus Hongkong, Singapur und Macao eine zusätzliche Steuer abringen. Die dort sitzenden Banken sollen künftig 15 Prozent von allem nach Europa überweisen, was Sparer aus der Europäischen Union dort an Zinsen kassieren. Dieses Zugeständnis haben sich schließlich auch die Schweiz und Liechtenstein entlocken lassen, seit im Juli 2005 in Europa der Startschuss für die EU-Zinssteuer fiel. Kovacs’ finsterer Verdacht: Viele Steuerflüchtlinge aus der Alten Welt haben längst ihr Erspartes in den Fernen Osten geschafft, um unbehelligt vom Fiskus Gewinne zu kassieren. Seine Mission: Schlupfloch schließen, aber schnell.

Doch schnelle Erfolge sind unwahrscheinlich. „In Asien ist es für die EU wesentlich schwieriger, politischen Druck auszuüben“, sagt Jens Wolff, Steueranwalt in der Kanzlei Holthausen & Partner in Köln. Besonders knifflig dürfte es seiner Meinung nach werden, das für sein strenges Bankgeheimnis bekannte Singapur ins Boot zu holen. Selbst das Bundesfinanzministerium räumt ein, dass „rasche Lösungen nicht zu erwarten“ sind. Kovacz will sich durchbeißen: Offizielle in Hongkong hätten beispielsweise „offen“ auf sein Ansinnen reagiert, pfeift er im Walde.

Anzeige

Sollten Asiens Steueroasen tatsächlich die Quellensteuer für europäische Anleger einführen – es wäre kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Denn die Staaten sind beileibe nicht auf Schwarzgeld aus Europa angewiesen. Gerade nach Dubai, Hongkong oder Singapur kommen Investoren längst wegen hochattraktiver Steuer- und Rechtssysteme und nicht wegen des strengen Bankgeheimnisses.

Dubai. Das Emirat am Golf ist das jüngste Steuerparadies. Die boomende Wirtschaft lockt Unternehmen aus aller Welt – und mit ihnen Tausende ausländische Manager. Laut Statistischem Bundesamt sind 2006 allein 1144 Deutsche in die Vereinigten Arabischen Emirate komplett ausgewandert, der Großteil davon nach Dubai. Damit sind die Emirate hinter China die zweitbeliebteste Destination deutscher Auswanderer in Asien.

Die Neuankömmlinge genießen in Dubai nahezu unschlagbare Steuervorteile: Eine Einkommensteuer gibt es nicht, und die Sozialabgaben sind niedrig. Einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Mercer zufolge landen stolze 95 Prozent des Bruttogehalts in den Taschen der Arbeitnehmer – egal, ob sie ledig oder verheiratet sind. In Deutschland sind es bei Ledigen gerade mal 54,3 und bei Verheirateten 64,3 Prozent. Die hohen Nettolöhne ködern vor allem junge, ungebundene Manager, nach Dubai aufzubrechen, sagt Mercers Dubai-Chef Marcus Wiesner. Expatriates könnten mit dem Ersparten aus „drei bis fünf Jahren Arbeit“ in der deutschen Heimat ein Haus bauen.

Bis dahin müssen sie aber auch vor Ort in Dubai wohnen, sonst vermasselt der deutsche Fiskus die schönsten Pläne. So verdonnerte das Finanzgericht Baden-Württemberg Ende 2006 einen Piloten dazu, weiter die hiesigen Steuern zu zahlen (7 K 211/03). Der Mann hatte sich zwar ein Apartment in Dubai gekauft. Die Richter rügten aber, er habe seinen Wohnsitz in Deutschland nur zum Schein aufgegeben, indem er seiner Lebensgefährtin den Anteil an der gemeinsamen Wohnung übertrug. In Wahrheit sei er weiter meist bei der Liebsten und nicht in Dubai gewesen. Ein wichtiges Indiz dafür: Sein erster Flug zum Dienstantritt startete immer von Frankfurt.

Besser haben es derzeit noch Konzernmanager, die regelmäßig eine Niederlassung in Dubai oder den anderen Emiraten besuchen. Sie können trotz Wohnsitz in der Heimat von der Steuerfreiheit profitieren, wenn sie nicht nur mit der deutschen Mutter, sondern auch mit der Unternehmenstochter einen Arbeitsvertrag abschließen. Für das dort kassierte Gehalt gelten dann die Dubai-Regeln. Noch, denn Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat das Steuerabkommen mit den Emiraten zum 9. August 2008 gekündigt; die neue Variante, über die derzeit verhandelt wird, dürfte keine Steuerfreistellung für Einkünfte in Dubai mehr vorsehen.

Hongkong. Befürchtungen, die ehemalige britische Kolonie würde nach der Rückgabe an China steuerlich unattraktiver werden, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Die Abgaben sinken weiter. In diesem Jahr wurde der Spitzensatz der Einkommensteuer von 19 auf 17 Prozent reduziert. Der Mercer-Studie über Steuersätze zufolge bleiben in Hongkong von einem 91 000-Dollar-Bruttogehalt 85,8 Prozent übrig (siehe Tabelle links). Zinsen oder Dividenden können ansässige Anleger gar komplett steuerfrei einstreichen. Im Oktober hat Verwaltungschef Donald Tsang angesichts eines überraschend hohen Budgetüberschusses weitere Bonbons für Privatleute angekündigt. Eines bekommen auch Unternehmer: Die Gewinnsteuer soll von 17,5 auf 16,5 Prozent fallen.

Singapur. Der Inselstaat in Südostasien gilt als „asiatische Schweiz“ – und macht diesem Namen alle Ehre. Nach Angaben der Zentralbank sind in Singapur 108 Geschäftsbanken und 49 Investmentbanken aktiv, um Investoren buhlen noch weitere 178 lizenzierte Finanzdienstleister. Die Finanzbranche wird subventioniert, und auch sonst ist das Abgabenklima mild: Die Körperschaftsteuer beträgt nur noch 18 statt wie bis zum vergangenen Jahr 20 Prozent.

Nicht nur der niedrige Satz ist attraktiv: Der aktuellen Weltbank-Studie „Paying Taxes 2008“ zufolge bietet Singapur für Unternehmen nach den Malediven das transparenteste Abgabensystem der Welt – vor Hongkong und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deutschland folgt abgeschlagen als 67. von 178 Ländern, knapp vor Bhutan.

Attraktive Angebote macht die Insel auch ausländischen Managern, die zeitweise dort arbeiten: Bleiben sie nicht länger als 183 Tage im Staat, sind für die dortigen Einkünfte maximal 15 Prozent fällig; ist der Aufenthalt gar kürzer als 60 Tage, fordern die Behörden gar nichts. Der Clou: Wird das Geld nicht vom deutschen Arbeitgeber, sondern von einer Tochtergesellschaft in Singapur gezahlt, hat auch der deutsche Fiskus keinen Zugriff.

Aber auch für Bewohner des Stadtstaats und für Kapitalanleger ist Singapur günstig: Der Spitzensteuersatz ist 2007 von 21 auf 20 Prozent gesunken. Kapitaleinkünfte werden, wie in Hongkong, vom Staat nicht angetastet. Kein Wunder, dass die EU in Singapur besonders viel Schwarzgeld aus Europa vermutet. Ein Indiz: Gerade Schweizer Banken wie Crédit Suisse oder UBS haben ihre Präsenz vor Ort massiv ausgebaut. Steuerfahnder argwöhnen, dass die Konten und Depots zahlreicher Kunden jetzt offiziell in den dortigen Niederlassungen stationiert sein könnten – während die Ansprechpartner der Kunden weiter bequem erreichbar in den Schweizer Filialen sitzen.

Wie viel Geld wirklich in den Fernen Osten geflossen ist, weiß niemand. Sicher ist aber: Bis hierhin reicht der Arm der europäischen Steuerbehörden nicht. Selbst wenn sie einem Hinterzieher auf die Schliche gekommen sind und gewichtige Indizien präsentieren können – Singapurs Banken halten dicht. Steueranwalt Wolff weiß: „Der Kleinstaat ist für seine unkooperative Haltung gegenüber ausländischen Steuerbehörden bekannt.“

EU-Kommissar Kovacs wird noch viel fliegen müssen.

Anzeige
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet
Immobilien-Wertefinder

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%