Streitfall des Tages: Wenn E10 das Auto ruiniert

Streitfall des Tages: Wenn E10 das Auto ruiniert

, aktualisiert 21. November 2011, 09:57 Uhr
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In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

von Renate ReckziegelQuelle:Handelsblatt Online

Der Biosprit E10 ist seit Anfang des Jahres an Tankstellen zu haben. Zehn Prozent aller Fahrzeuge reagieren auf ihn allergisch. Was passieren kann, wenn Autofahrer E10 tanken - und wer bei Schäden am Fahrzeug haftet.


Der Fall


Es geschah bei Kilometerstand 27.800: Dem ADAC-Mitarbeiter am Steuer des Opel Signum 2.2 direct stieg der Geruch von Benzin in die Nase. Übers Handy fragte er beim Testleiter Carsten Graf nach, was zu tun sei. „Sofort rechts anhalten und abschleppen lassen“, lautete die Antwort des Projektleiters der Fahrzeugtechnik.

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Was Graf sofort vermutete, sollten Untersuchungen hinterher bestätigen: Die Hochdruck-Kraftstoffpumpe des mit E10 betankten Testfahrzeugs war undicht, durch winzige Lecks verteilte sie das Benzin fein zerstäubt im Motorraum. Das bedeutete: akute Explosions- und Brandgefahr.

Der Experte


„Der Opel Signum mit 2,2-Liter-Direkteinspritzermotor ist ausdrücklich nicht für E10 zugelassen“, erläutert Carsten Graf. Und genau deswegen wählte der ADAC dieses Modell aus, um die möglichen Auswirkungen des Biosprits zu untersuchen, der seit dem Frühjahr an Tankstellen angeboten wird. Dieser Motortyp mit Benzindirekteinspritzung der ersten Generation wurde noch bis etwa 2007 produziert.

Seine Materialien im Kraftstoffsystem vertragen keinen Sprit mit zehn Prozent Ethanolanteil. „E10 löst bestimmte Metalle regelrecht auf“, erläutert Graf. Da können Gehäuse löchrig werden oder Leitungen undicht.
Carsten Graf rät Autofahrern, sich grundsätzlich beim Hersteller zu erkundigen, ob ihr Fahrzeug E10-tauglich ist. „Bei Kraftstoffsystemen mit beständigen Materialien passiert nichts“, ist sich Graf sicher. Bisher ist dem ADAC jedenfalls kein einziger derartiger nachgewiesener Fall zu Ohren gekommen.

Selbst der für E10 ausdrücklich nicht geeignete Opel Signum 2.2 direct war immerhin fast ein halbes Jahr lang falsch betankt unterwegs, bevor sich Schäden zeigten. „Doch wenn sie auftreten, tun sie das plötzlich und es kann dramatische Folgen haben“, warnt Graf. Denn mit Benzin im heißen Motorraum ist nicht zu spaßen.

Aktuell laufen beim ADAC weitere Tests die Auswirkungen des Biokraftstoffs auf die Motoren zeigen sollen. Besonders interessant wäre etwa, inwieweit sich bereits ein paar Tankfüllungen mit E10 negativ auswirken. Der Hintergrund: Einige Hersteller, darunter VW und Fiat, fordern Autobesitzer auf, die Systeme bereits nach einer Fehlbetankung komplett zu reinigen. „Ein sehr kostenintensiver Aufwand“, urteilt Graf. Andere Autoproduzenten wie Mercedes Benz und Ford sind von so strengen Vorsichtsmaßnahmen wieder abgerückt.

Ob ein Schaden im Auto auf falsches Betanken zurückzuführen ist, lässt sich nach Einschätzung Grafs übrigens eindeutig feststellen: „Ein Sachverständiger sollte E10 als Ursache erkennen.“


Welche Motoren kein E 10 vertragen

Die Relevanz


Etwa zehn Prozent aller Fahrzeuge, die in Deutschland zugelassen sind, sind für den Biosprit E10 nicht ausgelegt. Ihre Materialien halten einem Kraftstoff mit zehn Prozent Ethanolanteil nicht stand. Werden sie trotzdem mit dem „hochprozentigen“ Biosprit betankt, können Schäden entstehen, die die Gefahr von Bauteilversagen und Bränden bergen. Carsten Graf: „Das ist eine wirkliche Bedrohung.“

Die Gegenseite


Um zu vermeiden, dass Autos mit E10 betankt werden, die nicht dafür geeignet sind, stellt die DAT Deutschland (Deutsche Automobil Treuhand GmbH) im Auftrag von Automobilherstellern im Internet ein Daten-und Informationssystem mit einer Verträglichkeitsliste zu Verfügung. Außerdem haben einzelne Hersteller spezielle Hotlines eingerichtet.

Die Mineralölindustrie ist sich offenbar sehr sicher, dass der Biosprit für freigegebene Fahrzeuge nicht schädlich ist: Das zeigt eine kostenlose E10-Versicherung, die der Shell-Konzern zusammen mit der Deutschen Familienversicherung (DFV) anbietet.

Der Deal: Besitzer von Fahrzeugen, die E10 vertragen, können die Versicherung gegen eventuelle Schäden abschließen, wenn sie sich im Gegenzug verpflichten, überwiegend Shell-Kraftstoffe zu tanken. „Ein Marketing-Gag“ urteilt der ADAC-Jurist Klaus Heimgärtner. „Das dient nur der Kundengewinnung beziehungsweise der Kundenbindung.“ Laut Cornelia Wolber, Sprecherin von Shell Deutschland, ist das Angebot für den Konzern in erster Linie ein Mittel, um der Skepsis bei Autofahrern gegenüber dem neuen Kraftstoff zu begegnen.

Die EU-Mitgliedstaaten waren verpflichtet, bis Ende 2010 den maximalen Ethanol-Anteil im Ottokraftstoff von fünf Prozent (E5) auf zehn Prozent (E10) anzuheben. Die Neuregelung basiert auf der Richtlinie 2009/30/EG des Europäischen Parlaments und des Rates. In Deutschland trat m 14. Dezember 2010 die Neufassung der Verordnung über die Beschaffenheit und die Auszeichnung der Qualitäten von Kraftstoffen (10. BImSchV) in Kraft.

Es besteht jedoch kein Zwang, dass E10 angeboten werden muss. Die Branche muss nur nachweisen, einen Anteil von 6,25 Prozent am Kraftstoffabsatz aus nachwachsenden Rohstoffen zu gewinnen. Das ginge – nachdem E5 bereits als Standard eingeführt ist – beispielsweise auch über einen höheren Absatz von Biodiesel. E10 ist und bleibt also ein freiwilliges Angebot der Mineralölindustrie.


Ob Autofahrer Biosprit tanken sollen oder nicht


Das Fazit

Nach dem Wirbel um den Biosprit bleibt eine einfache Botschaft: Auf keinen Fall E10 tanken, wenn das Auto den Kraftstoff nicht verträgt. Fahrzeughalter müssen sich also unbedingt bei den jeweiligen Herstellern erkundigen, ob ihr Wagen E10-tauglich ist.

Genauer hinsehen müssen Käufer von Gebrauchtwagen, die für E10 nicht geeignet sind. Denn sollten nachträglich Schäden wegen Falschtankens auftauchen, kann es rechtlich mit der Beweislage schwierig werden. Käufern solcher Autos ist deswegen zu raten, übers Tanken lückenlos Buch zu führen und die dazugehörigen Belege aufzuheben. Nur so können sie bei eventuellen E10-Schäden beweisen, dass sie selbst nie falsch getankt haben, um dann gegebenenfalls Ansprüche beim Verkäufer geltend zu machen.

Nützliche Adressen

Broschüre „E10-Verträglichkeit von Kraftfahrtzeugen“, die die DAT (Deutsche Automobil Treuhand GmbH) im Auftrag der Fahrzeughersteller/-importeure erstellt hat, mit einer Übersicht aller vorliegenden Verträglichkeitsangaben.http://www.dat.de/products/products_printed/e10.page

Infos des ADAC zum Thema E10:www.adac.de/e10

Infos des Autoclubs Europa (ACE) zum Thema E 10: http://www.ace-online.de/ratgeber/umwelt/e10-der-neue-kraftstoff/

Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall

Quelle:  Handelsblatt Online
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