Streitfall des tages: Wie KFZ-Versicherer an der Preisschraube drehen

Streitfall des tages: Wie KFZ-Versicherer an der Preisschraube drehen

, aktualisiert 23. November 2011, 09:33 Uhr
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In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

von Dörte JochimsQuelle:Handelsblatt Online

Jeder zehnte Autofahrer wechselt alljährlich seinen Kfz-Versicherer. 2012 verteuern einige Neuerungen die Tarife. Welche Kunden für Unisex Tarifen, neue Rabattstaffeln und Änderungen bei Typ-und Regioklassen draufzahlen.

Der Fall


Fritz Mustermann besitzt seit August 2011 einen Ford Fiesta, Baujahr 2007. Er wohnt in Hamburg, fährt 8.000 km im Jahr und stellt das Auto an der Straße ab. Mustermann hat eine Haftpflicht nebst Vollkasko mit einem Selbstbehalt von 500 Euro beim Marktführer Huk Coburg abgeschlossen. Jetzt hat er gelesen, dass der Kfz-Versicherer eine neue Rabattstaffel einführen will. Er könnte zum 30.11 kündigen und damit ab Januar 2012 in den neuen Tarif wechseln.

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Wenn Mustermann Fahranfänger ist oder einen Zweitwagen angemeldet hat, kann er tatsächlich von der Regelung profitieren. So zahlt ein 19 Jähriger, der in die Schadensfreiheitsklasse 1 oder 2 eingestuft wird, für den Tarif Huk-Classic im genannten Fall 2.530 Euro Beitrag pro Jahr. Wechselt er in den neuen Tarif, sinkt die Summe ab 1.1.2012 auf 1.870 Euro. In den mittleren und höheren Klassen wird die Prämie dagegen eher teurer, errechnet Ivana Höltring, Geschäftsführerin bei der Unternehmensberatung Nafi.

Würde Mustermann beispielsweise beim alten Tarif in die Schadensfreiheitsklasse 25 eingestuft, würde er 434 Euro zahlen. Selbst wenn er bisher noch nie einen Unfall verursacht hat und in die beste Klasse des neuen Tarifsystems eingruppiert wird, müsste er nach ihrer Berechnung zwölf Prozent mehr berappen und 484 Euro zahlen.

Das Problem: „Theoretisch wird es zwar in den neuen Klassen, jenseits der Schadensfreiheitsklasse 25 günstiger,“ so Höltring. Doch in der Rechnung steht bestenfalls die Klasse 25 – und damit die höchste Stufe in der alten Rabattstaffel. Für Verbraucher sei es daher schwierig, sich in die neue Staffel einzuordnen. Und stufen sie sich fälschlicherweise zu hoch ein, drohen Nachforderungen, sobald sich der Versicherer beim Vorversicherer erkundigt und nachgerechnet hat.


Die Relevanz


Die Kraftfahrversicherung ist mit rund 104 Millionen Versicherungsverträgen die Sparte mit dem größten Versicherungsbestand in Deutschland: Beiträgen in Höhe von 20,1 Milliarden Euro standen 2009 laut Gesamtverband der deutschen Versicherer (GDV) Schäden von 19,4 Milliarden Euro gegenüber.

„Es ist auch die Sparte mit dem höchsten Anteil an Wechselwilligen,“ berichtet Torsten Rudnik, Geschäftsführer beim Bund der Versicherten. So nutzen Millionen Versicherungskunden die jährliche Kündigungsfrist ihres Vertrages, um sich einen neuen Anbieter zu suchen. In diesem Jahr sollen viele Policen teurer werden. Bei manchen Anbietern drohen Erhöhungen von 20 Prozent und mehr. Neukunden erhalten oft bessere Konditionen.

Doch so manche Innovation der Branche erschwert den Wechsel. „Die Änderung der Rabattstaffeln vermindert die Transparenz,“ sagt Rudnik. Bis dato gruppierten alle Versicherer bei der Kfz-Haftpflicht und bei der Vollkasko die Fahrzeughalter in 25 Schadensfreiheitsklasse ein. Je höher die Stufe ausfällt, desto höher ist der Rabatt, den die Versicherer gewähren.

Künftig werden es etwa bei der Allianz 35 Stufen sein. Auch Huk-Coburg, HDI, VGH und die ÖSA verwenden die neue Staffel. Rudnik moniert, dass bereits 2009 manche Versicherer den 30. November als traditionellen Stichtag für die Kündigung der Kfz-Versicherer kippten und damit den Wechsel erschwert hätten.

So legen manche Assekuranzen seither den Tag eines Vertragsabschlusses als jeweiligen Kündigungsstichtag fest. Das Problem: Während die Medien zum traditionellen Datum Versicherte an ihre Kündigungsfrist „erinnern“, müssen diese Kunden ihre individuellen Fristen im Blick haben.


Was die Prämien teuer macht

Die Gegenseite


„Wir führen die neuen Rabattstaffeln ein, weil sie sinnvoll sind,“ sagt ein Sprecher der Huk-Coburg. Sie würden auf Daten des Branchenverbandes GDV basieren. Die Änderung sei notwendig geworden, weil die alte, 1999 eingeführte Staffel neu hinzugekommene Tarifmerkmale wie zum Beispiel das Alter der Fahrer nicht ausreichend berücksichtige. Die neue Staffel sei also besser und gerechter als die alte.

„Aber wir sehen natürlich auch das Problem der Intransparenz,“ räumt der Sprecher ein. HUK-Coburg habe jedoch immer öffentlich gemacht, dass man jetzt noch genauer vergleichen müsse. Kunden würden zudem sehr genau über ihre schadenfrei gefahrenen Jahre befragt und dementsprechend eingestuft.

Man würde den Anfragern helfen, die richtige Einstufung im neuen System zu finden. Dabei sei festgestellt worden, dass Kunden ganz genau wissen würden, wie viele schadenfreien Jahre sie haben. Zudem registriere man durchaus durchaus eine Verteilung bis zur Schadensfreiheitsklasse 35. Eine genaue Einstufung würde zudem nachgelagert durch die obligatorische Vorversichereranfrage festgestellt.

Preistreiber und Sparvarianten


Neue Rabattstaffeln, die Einführung von Unisextarifen und Änderungen bei den Typen-und Regionalklassen – die Neuerungen des Jahres sind zahlreich. So wirken sie auf die neuen Tarife.


Die Experten


Die Auswirkungen der einzelnen Maßnahmen sind schwer abzuschätzen, sagt Diplom-Mathematikerin Höltring. Verbraucher sollten auf jeden Fall im Internet oder beim Versicherungsmakler für das eigene individuelle Risiko Angebote einholen. Beim Versicherungswechsel gilt es jedoch, Fehler zu vermeiden.


Wie Autofahrer steigende Prämien trotzen

Das Fazit


Aktuell gibt es bei Kfz-Versicherungen viele Veränderungen im Markt, die sich extrem auf die Prämien auswirken können. Verbraucher sollten daher auf jeden Fall im Internet oder bei Verbraucherzentralen oder dem Bund der Versichrerten Angebote für das eigene, individuelle Risiko einholen.

Fatal wäre es, Werbeaussagen blind zu trauen. Alleine die Tatsache, dass eine Schadensfreiheitsklasse anstatt 85 Prozent jetzt 45 Prozent Beitragssatz bewirkt, sagt über die Endprämie überhaupt nichts aus. Denn stets kommen noch weitere Ab- und Zuschläge für individuelle Merkmale zum Tragen.

Nützliche Adressen

Unabhängige Kfz-Vergleiche: www.nafi-auto.de

Informationen aus Verbrauchsicht bieten die Verbraucherzentralen der Länder (Bundesverband Verbraucherzentralen mit Wegweiser zu der nächsten Zentrale: http://www.vzbv.de).

Der Bund der Versicgerten: www.bundderversicherten.de/

Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall

Quelle:  Handelsblatt Online
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