
FRANKFURT/NEW YORK. In der Finanzbranche ist ein Kampf um Talente entbrannt. Immer häufiger verlassen Top-Mitarbeiter die unter Verlusten, Sparzwang und staatliche Bonusbeschränkungen leidenden Großbanken. Davon profitieren kleine Investmentboutiquen wie Greenhill, Jefferies, Lazard oder Rothschild und Banken, die die Krise bislang ohne staatliche Hilfe meistern konnten.
"Häuser der zweiten oder dritten Reihe nutzen derzeit ihre Chance", sagt Tim Zühlke, Geschäftsführer bei Indigo Headhunters. Die Auswahl ist reichhaltig: Durch die Wirtschaftskrise sind in der Finanzbranche nach Expertenschätzung weltweit bisher mehr als 325 000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Mittlerweile suchen auch Top-Banker diesseits und jenseits des Atlantiks neue Jobs. "Die Mitarbeiter, die wirklich Geld herein bringen, wandern in die verbliebenen, kleinen Investmentbanken ab und machen diese stark", bestätigt Larry Tabb, Bankenberater an der Wall Street.
Dabei kommen den kleinen Spielern die massiven Probleme großer Häuser wie Citi, Merrill Lynch oder UBS entgegen. Nach Angaben aus Branchenkreisen kürzten die Banken ihren Mitarbeitern den Bonus zum Teil um bis zu 70 Prozent. In guten Zeiten winkten dem "Managing Director" (MD) eines großen Hauses nicht selten 50 Prozent mehr Bonus als bei einer Boutique. Bei Fixgehältern von 200 000 bis 250 000 Euro ein gewichtiges Argument.
Gute MDs kamen so insgesamt leicht auf ein Jahresgehalt von einer Million Euro oder mehr. In der Branche geht man nun davon aus, dass so hohe Boni in den kommenden zwei bis drei Jahren kaum noch durchsetzbar sind. Realistisch sind vielleicht Jahresgehälter von 500 000 oder 600 000 Euro. Damit schrumpft der Abstand zu den Kleinen.
Hinzu kommt, dass bei vielen Banken mittlerweile der Staat die Gehälter kontrolliert. Beispiel USA: Rund 125 Mrd. Dollar steckte Washington im Herbst alleine in die neun größten Geldhäuser des Landes. Der Aufschrei des Entsetzens in der Öffentlichkeit über die Rettung hoch bezahlter Banker mit dem Geld kleiner Leute führte zu Auflagen: Laut Gesetz dürfen Top-Manager dieser Firmen "nur noch" 500 000 Dollar verdienen. Ähnlich sieht es in Deutschland für Banken aus, die Kapitalspritzen aus dem Finanzmarktstabilisierungsfonds Soffin erhalten. "Beschränkungen sind sicherlich nicht hilfreich", räumt Kai Tschöke, Leiter des Geschäfts mit Übernahmen und Fusionen bei Morgan Stanley in Deutschland, ein. "Sie sind wie ein Mühlstein um den Hals und belasten sicherlich auch bei dem ein oder anderen großen Wettbewerber das operative Geschäft."
Die kleinen Konkurrenten werden indes immer selbstbewusster. "Wir sehen uns den Markt sehr genau an und sind grundsätzlich bereit, uns weiter selektiv zu verstärken", sagt Hans Lotter, Co-Chef von Rothschild in Deutschland. Michael Drill, Chef beim Konkurrenten Lincoln International ergänzt: "Seit Mitte Januar erhalten wir täglich eine Bewerbung." Ähnlich sieht es in den USA aus. "Wir haben eine wahre Flut von Anfragen", frohlockte erst kürzlich Greenhill-Vize Scott Bok.
Es handelt sich um weit mehr als vollmundige Ankündigungen. 2008 hat Greenhill alleine 14 neue Manager für die zweite Führungsebene angeheuert, darunter vier vom untergegangenen Konkurrenten Lehman Brothers. Jefferies holte Ende Januar den Investmentbanker und Managing Director Hal Kennedy vom Rivalen Credit Suisse, um die bereits 40 Mann starke Restrukturierungseinheit auszubauen. Und hierzulande lockte Lazard kürzlich den 38-jährigen Managing Director Alexander Doll von der UBS weg; für die Schweizer ein Rückschlag.
Doch auch die ganz Großen haben leichtes Spiel - vorausgesetzt sie konnten sich dem Einfluss des Staates widersetzen. Beispiel Deutsche Bank. Deren Chef Josef Ackermann ließ jüngst keinen Zweifel daran, dass man ohne Beschränkungen beim Gehalt die Nase im Kampf um Talente vorne hat. "Am Schluss ist es ein People Business und es geht darum, wer die besten Leute hat", resümierte er trocken. "Ich gehe davon aus, dass es Häuser, die staatlichem Einfluss unterliegen, künftig deutlich schwerer bei der Rekrutierung haben werden", sagt Headhunter Zühlke. "Dies ist auch ein zentraler Grund, weshalb sich etwa die Deutsche Bank oder Barclays ihre Unabhängigkeit unbedingt erhalten wollen."




















