Tommaso Padoa-Schioppa im Interview: "Zerstörerische Freiheit"

Tommaso Padoa-Schioppa im Interview: "Zerstörerische Freiheit"

Bild vergrößern

Tommaso Padoa-Schioppa, ehemaliger italienischer Finanzminister

Der ehemalige Euro-Zentralbanker und italienische Finanzminister Tommaso Padoa-Schioppa fordert eine europäische Bankenaufsicht.

Wirtschaftswoche: Herr Padoa-Schioppa, hätte die Finanzkrise vermieden werden können?

Padoa-Schioppa: Wir haben es nicht mit einer einzigen Krise zu tun, in Wirklichkeit überlagern sich derzeit gleich drei Krisen. Ganz oben sehen wir die Panik, darunter die US-Immobilienblase und ganz unten das Zahlungsbilanzdefizit der USA.

Anzeige

Hätten die drei Krisen durch ein Gegensteuern der Politik abgewendet werden können?

Keine der drei Krisen war unvermeidbar. Wäre die Investmentbank Lehman Brothers gerettet worden, hätte es wahrscheinlich keine Panik gegeben. Aber die Rettung hätte alle Banken in moralische Versuchung gebracht. Sie wäre das Signal gewesen, dass alle, die sich falsch verhalten, auf Kosten der Allgemeinheit gerettet werden – der klassische Fall von Moral Hazard. Die Immobilienblase hätte vermieden werden können, wenn die Notenbanken frühzeitig ihre lasche Zinspolitik aufgegeben hätten und die Politik sich nicht der Illusion hingegeben hätte, dass sich der Finanzmarkt selbst reguliert. Die Zahlungsbilanzkrise hätte durch ein anderes Verhalten von Haushalten und US-Regierung vermieden werden können – letztlich durch mehr Sparsamkeit, aber auch das nur langfristig.

Besteht die Gefahr, dass die Politik diese drei Krisen nun nicht sauber trennt und die Finanzmärkte zu stark reguliert?

Durchaus. Ich kann nicht ausschließen, dass auf ein Übermaß an Deregulierung nun übermäßige Staatseingriffe folgen werden. Sie dürfen aber eines nicht vergessen: Die letzte Krisensituation in diesem Ausmaß war die große Depression in den Dreißigerjahren. Und wir diskutieren immer noch, was deren Ursachen waren. Die Analyse der aktuellen Krise ist bei Weitem nicht beendet. Gute Politik ist aber ohne gute Analyse nicht möglich.

Plädieren Sie dafür, erst mal gar nichts zu tun?

Natürlich nicht, aber die Ursachen der Krise müssen grundlegend erforscht werden. Gleichzeitig muss akzeptiert werden, dass die Marktwirtschaft nur dann funktioniert, wenn es eine Mischung aus Freiheit und Regeln gibt. Ohne Regeln, das haben wir gesehen, wird Freiheit unkontrollierbar und selbstzerstörerisch. Wir sollten uns jetzt auch nicht auf Selbstverpflichtungen einlassen, die schon erahnen lassen, dass sie nicht funktionieren werden, zum Beispiel weil sie den Interessen der Finanzbranche widersprechen. Bestimmte wünschenswerte Verhaltensweisen entstehen eben ausschließlich durch verbindliche Regeln.

Brauchen die Finanzmärkte weltweite Regeln?

Der Geltungsbereich der Regeln sollte immer der Größe des Marktes entsprechen. Für den globalen Markt sind globale Regeln unerlässlich, für den nationalen reichen nationale.

Verbessert die Krise die Chancen auf gemeinsame Regeln?

Bisher hat sich ja schon Europa mit gemeinsamen Regeln sehr schwergetan. Theoretisch gibt es sie, nicht aber in der Praxis. Die Eigenkapitalrichtlinie Basel II etwa wird in den Mitgliedstaaten auf 27 unterschiedliche Arten umgesetzt. Es ist komplett absurd, dass die Deutsche Bank und UniCredit in jedem Land eine andere Version von Basel II befolgen müssen. Das kommt teuer und führt nicht zur gewünschten Stabilität der Finanzbranche.

Anzeige
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet
Immobilien-Wertefinder

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%