Vertrauenscrash: Die wahren Hintergründe der Finanzkrise

Vertrauenscrash: Die wahren Hintergründe der Finanzkrise

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Philosoph Jürgen Werner

Der Frankfurter Philosoph Jürgen Werner über die wahren Hintergründe der Finanzkrise.

Es ist nicht lange her, da warb eine deutsche Großbank um Kunden mit dem schönsten aller Versprechen: „Leben Sie. Wir kümmern uns um die Details.“ Ein Satz wie eine körperwarme Badewanne, der Inbegriff kindlicher Sorglosigkeit. Er nimmt auf, dass es beim Geld stets um mehr geht als nur ums Geld. Und er überführt dessen sinnbildliche Bedeutung, die auf Sehnsüchte oder Befürchtungen verweist, in eine verlockende Perspektive. Indem die Bank sich professionell mit der Abwicklung der Finanzprobleme beschäftigt, so die Zusicherung, entlastet sie den Menschen existenziell.

Niemand, der sich für Anlageformen entscheidet, ob festverzinsliche Wertpapiere oder hochspekulative Derivate, entschließt sich nur für eine bestimmte Renditeerwartung. Mit der Einstufung in eine Risikoklasse gibt er auch Auskünfte über seine Lebensängste. Im Gespräch mit dem Vermögensberater offenbart er den Wunsch, künftig freier zu sein, oder die Sorge, sich einschränken zu müssen. Geldfragen sind Daseinsfragen. Aber längst scheinen Finanzprodukte wie Marktgesetze so komplex zu sein, dass die Antworten uns überfordern. Was könnte es da Attraktiveres geben als das unverschämt einfache Angebot, nur zu leben. Es ist der Musterfall einer Aufforderung zu vertrauen.

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Nicht alles wissen zu wollen, kann vernünftig sein. Es macht viele Entscheidungen leichter. Vielleicht ist Verlässlichkeit im Umgang miteinander das effiziente Verfahren schlechthin. „Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen.“ Was der Soziologe Georg Simmel als die Bindungskraft einer Gesellschaft erkundet, hat die Geldwirtschaft früh verstanden. Ohne das Vertrauen in die „Deckung“ der Münzen wären diese nie als Zahlungsmittel akzeptiert worden. Die reiche Bildwelt, welche die Rückseite der Scheine und des Hartgelds auffällig ziert, kündet von der monetären Beglaubigungsanstrengung. Wir setzen nur aufs Metall oder das Papier, weil Mächtigere seinen Wert garantieren, sei es die Queen als symbolische Personifikation der Beständigkeit auf dem englischen Pfund oder die amerikanische Notenbank unter Beschwörung höchster Vertrauenskompetenz auf der Dollar-Note – „in God we trust“. Es wundert daher nicht, dass etliche Vokabeln, die in der Finanzwelt Hausrecht besitzen, jener Sphäre entliehen sind, in der sonst nur Intimes ausgetauscht wird: Im „Kredit“ als Glaubensakt oder der „Treuhand“ wird der Zusammenhang am augenfälligsten.

Die Krise berührt das Selbstverständnis der Wirtschaft im Ganzen

So sehr diese Verbindung einleuchtet, es genügt nicht, die derzeitige Vertrauenskrise auf das Versagen Einzelner zurückzuführen, auf deren Gier und Unmäßigkeit, Verantwortungslosigkeit oder Spieltrieb. Das mag von Fall zu Fall stimmen. Aber die Misere hat andere Gründe als moralische, Ursachen, die weit über individuelle Fehlhandlungen innerhalb der Finanzdienstleistungsbranche hinausreichen. Sie berührt das Selbstverständnis der Wirtschaft im Ganzen: Wo die unablässige exponentielle Steigerung zum Arbeitsideal erklärt wird, ist der Raum groß genug für Überforderungen aller Art, die unter dem mitwachsenden Kontrolldruck leicht das Verlogenheitspotenzial von Menschen herausfordern.

Um ein Beispiel zu nennen: Bankberater, deren Leistung sich ausschließlich an den Ertragserwartungen des eigenen Instituts messen lassen muss, erliegen nicht selten der Versuchung, die Kennzahl eher im Blick zu behalten als das Bedürfnis des Kunden. Wenn solche Vorgaben begleitet werden durch kurzfristiges Controlling, über hochambitionierte Zielvereinbarungen definiert, dann ist für Glaubwürdigkeit wenig Platz. Es könnte sein, dass wir längst dabei sind, durch unser Bemühen, noch effizienter zu werden, die vornehmste Form der Effizienz, das Vertrauen, auszurotten. Die Wirtschaft scheiterte an ihrem eigenen Erfolg.

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