
Preisfrage bei einem Branchentreff der Assekuranz im Frühjahr in München: „Weiß jemand, mit wie viel Eigenkapital europäische Versicherer künftig ihre Staatsanleihen absichern müssen?“, fragt der oberste Branchenaufseher Thomas Steffen. Nur eine Hand zeigt auf: „Mit null Prozent“, sagt der Manager und liegt goldrichtig. Seitdem ist viel passiert: Griechenland musste mit Milliardenhilfen vor dem Bankrott gerettet werden, gerade bangen Anleger um Spanien. Doch das Risiko, dass Wackel-Staaten ihre Anleihen nicht bedienen können, bleibt null – jedenfalls bei den Anlagevorschriften für Versicherer.
Ungeachtet der fundamental geänderten Finanzlage, halten EU-Kommission, Politik und Finanzbranche eisern daran fest: Staatsanleihen, egal, welcher Bonität, seien ein sicherer Hafen für Geldanlagen. Derart realitätsferne Bewertungen könnten deutsche Lebensversicherte mittelfristig mit Abstrichen bei der Sicherheit ihrer Einlagen oder Einbußen bei der Gewinnbeteiligung bezahlen: „Die Vorschriften können dazu führen, dass Versicherer verstärkt in scheinbar risikolose Kapitalanlagen investieren, die eine geringere Rendite erwarten lassen“, warnt Reiner Will, Chef der Ratingagentur Assekurata – statt etwa in rentablere Immobilien, die weniger riskant sind als so manche Anleihen, aber höher besichert werden müssen. Von gut 700 Milliarden Euro Kapitalanlagen steckten die Versicherer 2009 fast ein Drittel in Staatsdarlehen und -Anleihen.
Selbst bei dem künftigen Finanzabkommen Solvency II hat keine Anlage eine so günstige Bewertung wie Staatsanleihen. Solvency II ist ein Projekt der EU-Kommission, es geht um die Eigenkapitalausstattung von Versicherern. Im Prinzip soll Solvency II von 2012 an dafür sorgen, jede Kapitalanlage passgenau nach ihrem Risiko abzusichern.
Immobilien ausgebremst
In den neuen Praxistests im Herbst sieht die EU-Kommission für strategische Unternehmensbeteiligungen eine Kapitalunterlegung von 22 Prozent vor, bei Aktien muss das Kapital einen Einbruch zwischen 39 und 49 Prozent auffangen. Immobilien-Investments, als sicherer Hafen gegen Finanzkapriolen gefragt, müssen mit 25 Prozent hinterlegt werden.
„Das ist eine Bremse für hochattraktive Immobilien-Anlagen“, klagt Michael Morgenroth, Vorstand bei der Gothaer Asset Management. „Eine solche Quote ist vielleicht angemessen für den britischen Markt – aber für den deutschen ist sie hanebüchen. Die Versicherer werden so in risikoreichere Anlagen getrieben.“
Länderrisiken im Gleichschritt
In Deutschland hatten sich die Immobilienpreise vor der Krise weit weniger rasant entwickelt als etwa auf der Insel, dafür sind sie im Crash relativ stabil geblieben. Heinz-Jürgen Schwering, Vorstand bei Axa in Köln: „Deutschland ist als Anlagestandort tendenziell benachteiligt.“
Doch im einheitlichen Europa sind unterschiedliche Länderrisiken schon aus politischen Gründen verpönt. Das gilt für Immobilien ebenso wie für Staatsanleihen. Obwohl südeuropäische Papiere derzeit Zockeranlagen sind, sollen die Versicherer sie genauso risikolos einstufen wie niederländische oder deutsche.














