Allianz Capital Markets Day: Auch die Riesen suchen noch den Weg

Allianz Capital Markets Day: Auch die Riesen suchen noch den Weg

, aktualisiert 30. November 2016, 14:22 Uhr
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Der Konzern verspricht sich deutliche Produktionssprünge von der Digitalisierung.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Insurtechs mischen die Versicherer auf. Doch die Allianz sieht sich nicht als Opfer der Entwicklung, sondern als ein Treiber. Schon 2018 will der Konzern hohe Produktivitätsfortschritte aus der Digitalisierung erzielen.

FrankfurtOliver Bäte gibt sich lässig. Die Krawatte hat der Boss des 126 Jahre alten Versicherungsriesens Allianz ebenso wie seine Vorstandskollegen auf dem Podium zu Hause gelassen. Im offenen, weißen Hemd tritt der Vorstandschef am Mittwoch auf die Bühne vor die versammelten Analysten und Investoren, um die Digitalstrategie des Konzerns auf dem Capital Markets Day in München zu erläutern.

Die Lockerheit hat System. Denn Bäte will dem 126 Jahre alten ehrwürdigen Konzern nichts weniger als einen Kulturwandel verordnen: Aus dem grundsoliden, aber langweiligen Konzern soll ein modernes Digitallabor werden – das ab 2018 dem Unternehmen zu neuen Sprüngen verhilft.

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Bereits jetzt seien 800 Millionen Euro Produktivitätsgewinn durch die Digitalisierung fest eingeplant, sagte Vorstandsmitglied Christof Mascher in München. Über das Erreichen weiterer 400 Millionen werde konzernintern diskutiert. Vor einem Jahr hatte die Konzernspitze sich eine Milliarde als Ziel gesetzt. „Die Allianz wird vorne und im Zentrum des Prozesses (der Digitalisierung) stehen und kein Opfer sein“, betonte Bäte.

Schon vor Monaten hatte Konzernchef Bäte seine Führungskräfte auf dem Managementtreffen um sich versammelt und die großen Linien seiner digitalen Agenda entworfen. Die Vorbilder heißen nun Apple, Google oder Amazon. So wie die US-Riesen immer wieder Kundenerfahrungen und -bedürfnisse neu definieren und daran verdienen, so will auch die Allianz künftig agieren. Das Ziel: eine neue Form von Versicherungsunternehmen, das die Risiken seiner Kunden weiter routiniert managt, dabei aber agil wie ein Internet-Start-up ist und rasanter und gewinnträchtiger wächst als die Konkurrenten alter Schule.

Es ist eine digitale Revolution, die die deutsche Industrie längst erfasst hat – aber nun auch beginnt, die traditionell konservative Versicherungsbranche durcheinander zu wirbeln. Als „eine der letzten Bastionen des 19. Jahrhunderts“ bezeichnete der 46-jährige Leiter der Geschäftssparte Digital Partners von Munich Re, Andrew Rear, die Branche jüngst.

Rears und Bätes Aufgabe besteht nun darin, das zu ändern. Denn viele Manager haben eingesehen, dass die Branche Nachholbedarf hat. Vor einigen Jahren lachten Versicherungsvorstände noch über die Start-ups, die plötzlich antraten, um ihr Geschäftsmodell durcheinanderzubringen. Insurtechs werden diese, ähnlich wie Fintechs, hoch technisierten Finanzunternehmen in der Branche genannt.


Google lässt grüßen

Doch mit der herablassenden Haltung der etablierten Versicherer ist es inzwischen vorbei. Alle bemühen sich um Partnerschaften, die großen Versicherer versuchen, junge Unternehmen mit eigenen „Programmier-Garagen“ zu kopieren, wo im Eiltempo neue Versicherungsangebote, Apps und Programme gebaut werden. Doch noch sind es tastende Versuche: auch die Riesen suchen auf diesem Feld noch ihren Weg. Der Digital Accelerator, eine Art Inkubator, mit dem die Allianz Fin-Tech-Start-ups züchten und an sich binden will, wurde beispielsweise drei Jahre nach seiner Gründung schon wieder komplett umgebaut und umgetauft; er heißt jetzt „Allianz X“ - Googles Forschungsfabrik „X“ lässt grüßen.

Zum Wandel gibt es allerdings keine Alternative. Seit Jahren kaufen immer mehr Menschen Versicherungen im Internet, der Online-Absatz hat sich in Deutschland in zehn Jahren vervierfacht. Junge Kunden suchen nicht mehr den Versicherungsmakler auf, ihre Loyalität ist ungewiss. Bäte weiß, dass er die Geschäftsmodelle des Versicherers neu erfinden, dass er nicht mehr nur Prozesse automatisieren, sondern sie von den Kunden her denken muss.

Aus dem Reich der Vertreter, die in vielen kleinen Agenturen Kfz-, Hausrat- oder Lebensversicherungen verkaufen, soll nach Bätes Willen ein schlagkräftiger Internetkonzern werden, der es mit Vergleichsportalen wie Check24 oder neuen Playern wie den US-Internetgiganten Google aufnehmen kann. So lässt Bäte an den unterschiedlichsten Plätzen im Allianz-Reich nach digitalen Ideen suchen und ordnet an, dass junge Mitarbeiter neue Versicherungsprodukte entwickeln – abseits der starren Konzernhierarchien.

Der wichtigste Mann von Bäte bei dieser digitalen Offensive heißt dabei Solmaz Altin. Der Chief Digital Officer mit den locker nach hinten gegelten Haaren, der 2009 als Risikochef der Allianz in der Türkei anfing, soll im Konzern die Digitalisierung verkörpern. Ende des Jahres wird er gemeinsam mit seinen Teams in ein Loft mitten in Münchens neues Start-up-Biotop in der Nähe des Ostbahnhofs ziehen. Dort sollen Altin und seine Entwickler die digitale Zukunft des Versicherungsriesens erfinden. Sie sollen arbeiten wie Softwareentwickler von Internetfirmen, mit kaum Vorgaben, großer Entscheidungskompetenz, engen Zeitbudgets. Programmiert wird dabei notfalls über Nacht, der Praxistest folgt auf dem Fuß. Manches wird als Betaversion im Netz freigeschaltet. Funktioniert es nicht optimal, wird es anschließend neu geschrieben.

Es ein Umbau des Konzerns, der bereits seine Spuren im weiten Reich des blauen Riesens hinterlässt. Der Allianz-Krankenversicherte kann bereits heute seine Arztrechnungen per App an das Unternehmen weiterleiten. Junge Autofahrer können ihren Fahrstil von einer App überwachen lassen und erhalten, wenn sie denn umsichtig und unfallfrei unterwegs sind, am Jahresende bis zu 40 Prozent ihres Versicherungsbeitrags zurück. Die Allianz hat auch Apps im Piloteinsatz, mit deren Hilfe die Schadensfälle bearbeitet werden: Da fotografiert der Autofahrer die Delle an seinem Fahrzeug, schickt die Bilder an die Allianz, die wiederum aus der Verknüpfung mit ihrer riesigen Datenbank in Sekundenschnelle den Schaden beziffert und das Geld überweist.

Bäte weiss, dass auch die Konkurrenz nicht schläft. Doch noch kann der Versicherungsriese den nötigen Wandel aus einer Position der Stärke vollziehen. Im letzten Quartal lief es für die Münchener besser als erwartet. Für das Gesamtjahr sieht Finanzvorstand Dieter Wemmer den Versicherer auf Kurs zu dem geplanten operativen Gewinn in Höhe von 10 bis 11 Milliarden Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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