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Altersvorsorge: Wie kann ich mich für das Leben versichern?

von Michael Detering und Oliver Stock Quelle: Handelsblatt Online

Lebensversicherungen galten lange als Verkaufsschlager. Doch der Wandel der Gesellschaft setzt der Branche zu. Hausgemachte Probleme verschlimmern die Lage sogar noch. Ist der Deutschen liebstes Sparprodukt in Gefahr?

Versicherer verzeichnen bei den Lebensversicherung eine immer kleiner werdende Nachfrage. Quelle: dpa
Versicherer verzeichnen bei den Lebensversicherung eine immer kleiner werdende Nachfrage. Quelle: dpa

Frankfurt/DüsseldorfIm Jahr 1827 war die häusliche Welt noch übersichtlich. Es wurde früh geheiratet. Der Mann zog hinaus ins feindliche Leben. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Damals, als Ernst Wilhelm Arnoldi die "Gothaer Lebensversicherungsbank für Deutschland" gründete und damit den Grundstein für des Deutschen liebstes Vorsorgeprodukt legte, lag klar auf der Hand, warum praktisch jeder Haushalt eine Lebensversicherung braucht: Für den Fall, dass der Mann als Ernährer stirbt, muss die Familie finanziell abgesichert sein. Im Gründungsdokument schreibt Arnoldi: Es geht darum, "die ihres Hauptes beraubte Familie gegen Mangel zu sichern". Und "das eigene Gemüt von der Qual zu befreien, welche der Gedanke an einen frühzeitigen Tod bei unerzogenen Kindern und der Vermögensunzulänglichkeit der Witwe mit sich führt".

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185 Jahre später sieht die Welt anders aus: Männer und Frauen gehen zur Arbeit. Wenn Kinder zur Welt kommen, bleibt auch der Mann mal daheim. Einige reisen über Jahre ins Ausland. Andere nehmen sich eine Auszeit, die sie "Sabbatical" nennen. Jede zweite Ehe bricht auseinander. Aus dem Wunsch: "Bis dass der Tod uns scheidet", ist für manche eine Drohung geworden. Die Hoffnung, dass alles bleibt, wie es ist, konkurriert mit der Einsicht, dass nichts mehr ist, wie es war. Patchwork-Familien entstehen. Der Job ein Leben lang gilt nur noch so lange, bis der Headhunter anruft, und wir ihn wechseln.

Wo Bindungen zur Belastung werden, haben es Versicherer, die eine lebenslange Bindung an ein Produkt verkaufen wollen, schwer. Mit ihrem Angebot, nicht nur wie zu Gründungszeiten eine Police zum Schutz der Angehörigen beim eigenen Tod zu verkaufen, sondern sie auch mit der an sich höchst vernünftigen Idee zu verknüpfen, eine private Altersvorsorge aufzubauen, dringen sie immer weniger durch. Denn wer tatsächlich ein hübsches Sümmchen ansparen will, muss über lange Zeit Beiträge zahlen. Am besten jahrzehntelang.

Viele Deutsche sind dazu nicht mehr bereit. Seit 2004 sinkt die Zahl der Lebensversicherungsverträge von fast 95 Millionen auf unter 90 Millionen. 2011 schrumpfen die Beitragseinnahmen das erste Mal seit vielen Jahren, von fast 91 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf knapp mehr als 86 Milliarden Euro.

Die Idee einer Versicherung fürs Leben findet weniger Anhänger bei den Lebenden. Schon macht das Wort vom "Auslaufmodell" die Runde. Verbraucherschützer sehen das so. Kerstin Becker-Eiselen, Anwältin in Hamburg und Spezialistin für Versicherungsrecht bei der Verbraucherschutzzentrale, ist eine der bekanntesten Kritikerinnen. Die zierliche Frau ist ein rotes Tuch für die Branche. "Lebensversicherungen sind nicht mehr zeitgemäß", sagt sie. "Versicherte binden sich mit einer Lebensversicherung für sehr, sehr lange. Solche langfristigen Verträge sind zu unflexibel für unsere heutige Zeit." Der Satz wirkt - aber er könnte sich auch als populärer Unsinn erweisen. Vielleicht ist es mit der Lebensversicherung so wie mit der FDP: Es müssen die Richtigen kommen, um ihr wieder Leben einzuhauchen. Vielleicht ist es aber auch so wie mit der Kirche: Wenn sie nur lange genug an ihren Prinzipien festhält, wird sie gerade dafür gefeiert.

Einer der profiliertesten Verteidiger der Versicherung fürs Leben ist jener Mann, nach dem ein ganzes Bündel von Vorsorgemodellen benannt ist: Walter Riester. Von seinem Feriendomizil in Österreich verfolgt er in diesen Tagen die Debatte in Deutschland, und es kocht in ihm: "Die Menschen", sagt er, "werden von Verbraucherschützern, Politik und Kreisen der Medien ständig verunsichert." Ihre Kritik falle auf fruchtbaren Boden, denn die meisten Menschen kümmerten sich nicht aus eigenem Antrieb um die Altersvorsorge. Das liegt in ihrer Natur. Sie geben ihr Geld lieber aus, statt es für das Alter zurückzulegen.

Die Meinungen prallen also aufeinander. Die Branche steckt in der Defensive. Es ist beinahe so wie in der testamentarischen Offenbarung des Johannes: Wenn am Ende auf der Erde nichts mehr geht, werden sieben Plagen die Menschheit heimsuchen, schreibt der Prophet. Sieben Plagen sind es auch, mit denen sich die Versicherer in einer Situation herumschlagen, in der ein Teil ihrer Produkte als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen werden. Es sind selbst verschuldete Plagen darunter und solche, die von außen kommen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie jenes Modell, das Ernst Wilhelm Arnoldi im vorletzten Jahrhundert entwarf, untergehen lassen könnten.


Die erste Plage: Angst

Uwe Schroeder-Wildberg hat eine angenehme Stimme. Der 46-Jährige ist ausgebildeter Bariton. Doch zum Singen kommt er kaum noch. Er muss vielmehr erklären. Als Chef des Finanzdienstleisters MLP ist er der Frontmann eines Versicherungsvertriebs, dessen Vertreter ihr Geld auch mit dem Verkauf von Altersvorsorge-Produkten verdienen. Wer eine Versicherung bei MLP oder anderen Vertrieben abgeschlossen hat, erhält einmal im Jahr eine Übersicht, wie sich das Ersparte entwickelt hat und wohin die Reise geht.

Doch die Vertreter haben ein Problem, das Schroeder-Wildberg mit den beiden Wörtern "schwieriges Marktumfeld" nur sehr nüchtern beschreibt. Ein Mitarbeiter wird deutlicher: "Meine Kunden fragen mich, was unsere Standmitteilung wert ist, wenn nicht einmal klar ist, ob wir in zwei oder drei Jahren noch mit demselben Euro zahlen wie heute?" Die Angst geht um. Die Angst um die Zukunft der europäischen Währung.

Wie sehr sich die Deutschen wirklich um den Euro sorgen und damit das Geschäft der Versicherungsverkäufer erschweren, wollte auch Branchenführer Allianz herausbekommen. Die Tochter Allianzbank gab eine Studie in Auftrag, deren Ergebnisse seit zwei Monaten vorliegen. Sie könnten kaum schlechter ausfallen. Je jünger die Befragten, so fanden die Meinungsforscher heraus, desto größer ist das Misstrauen gegenüber dem Euro. In der Zielgruppe der unter 30-Jährigen, dort also, wo Lebensversicherungen sinnvollerweise abgeschlossen werden könnten, glaubt nicht mal mehr ein Drittel der Befragten daran, dass der Euro langfristig bleibt, wie er ist. Die Folge: "Die Kunden fliehen in Betongold", stellt der MLP-Berater fest und meint damit den typischen Verlauf eines Beratungsgesprächs, an dessen Ende eine Immobilienfinanzierung, aber nicht der Verkauf einer Lebensversicherung steht.


Die zweite Plage: Gier

Jahrhundertelang existierte eine alchimistische Formel. Sie hieß: Aus Geld wird durch den Zusatz von Arbeit und Rohstoffen mehr Geld. Im vergangenen Jahrzehnt hatten gierige Banker diese Formel scheinbar außer Kraft gesetzt und allein aus Geld mehr Geld gemacht. Die Folgen waren eine weltweite Krise, eine sprunghaft steigende Verschuldung der Staaten, die die Krise eindämmen mussten und Notenbanken, die all dies durch eine Politik des billigen Geldes unterstützen müssen. Ben Bernanke, Jean-Claude Trichet und erst recht jetzt Mario Draghi: Die Präsidenten der Notenbanken kennen beim Zins nur eine Richtung: nach unten. Dazu beglücken sie mit Aufkaufprogrammen den Markt. Das Geld, was sie dafür ausgeben, stammt aus der Notenpresse. Es ist billiges Geld. Billiges Geld heißt null oder fast keine Zinsen.

Das seit vier Jahren anhaltende historische Zinstief schlägt auf die Renditen der Versicherungspolicen durch. Langsam zwar - weil die Bestände der Gesellschaften noch gut gefüllt sind mit Papieren aus besseren Anlagezeiten. Aber sicher, weil die Versicherungsunternehmen die hohen Verzinsungen aus der Vergangenheit nicht mit den aktuellen Renditen festverzinslicher Papiere kompensieren können. "Eine Versicherung ist keine Kuh, die auf der Erde gemolken werden kann, aber im Himmel frisst", erklärt Professor Bert Rürup. Rürup, der ehemalige Regierungsberater und Wirtschaftsweise, ist wie Riester einer derjenigen, dessen Namen für eine ganze Klasse von Altersvorsorgeprodukten steht. Was er so bildhaft ausdrückt, ist schlicht die Tatsache, dass Versicherer eben nur die Zinserträge weitergeben können, die sie mit dem angelegten Geld ihrer Kunden erwirtschaftet haben.

Für Neukunden sind Lebenspolicen unter dem Renditegesichtspunkt jedoch kaum mehr attraktiv. Der Garantiezins sank seit dem Jahr 2000 von vier auf 1,75 Prozent. Auch die Überschüsse sinken. Waren vor einigen Jahren noch Überschussbeteiligungen von mehr als sieben Prozent möglich, liegt der aktuelle Durchschnittssatz laut dem Analysehaus Morgen & Morgen bei weniger als vier Prozent. Zum Jahreswechsel senkten acht von zehn Gesellschaften ihre Überschussbeteiligungen. Die Gesamtverzinsung setzt sich aus laufenden Überschüssen und Garantiezins zusammen und bestimmt maßgeblich die Rendite einer Police. "Auch im nächsten Jahr dürfte die Überschussbeteiligung weiter sinken", sagt Professor Kurt Wolfsdorf, Vorstand der Deutschen Aktuarsvereinigung. Unterm Strich kann das bei einem lebenslangen Vertrag eine sechsstellige Summe ausmachen, die ein Versicherungskunde am Ende weniger erhält.

Wie das ausgeht, können die Deutschen an den Japanern studieren. Dort platzten 1990 gleichzeitig eine Aktien- und eine Immobilienblase, was zu riesigen Buchverlusten in der Unternehmenswelt führte. Die Notenbank und die Regierung versuchten, durch immer niedrigere Zinsen die Banken vor faulen Krediten zu bewahren und die Finanzierung der Staatsschulden zu sichern. Seit 2000 liegt der Leitzins bei nahezu null Prozent. Die Lebensversicherer waren der Kollateralschaden. Eine Pleitewelle raffte fünf große Lebensversicherer dahin. Dies und Japaner, die wie die Deutschen immer weniger Kinder gebären wollen, ließen die Zahl der bestehenden Policen seit ihrem Hoch 1996 um 40 Prozent schrumpfen. Das Vertragsvolumen der Neuverträge ging um 60 Prozent zurück.

Für kleinere Lebensversicherer könnte es also ums Überleben gehen. Das weiß Allianz-Chef Michael Diekmann. Er ist kein Mann, der lautstark auftritt. Bei Konferenzen liest der kühle Ostwestfale seinen Redetext meist leise vom Blatt ab. Bei seinem jüngsten Auftritt aber hebt er an einer Stelle die Stimme. Er klingt unwirsch. Die sinkende Rendite sei eine Folge der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. "Die Zeche dafür zahlen die Sparer. Ich fände es gut, wenn die Politik das von sich aus ansprechen würde und der Schwarze Peter nicht in die falsche Ecke geschoben wird." Diekmann schaltet also um auf Angriff und erhält dabei Rückendeckung von seinem Verband, dem GDV. "Eine anhaltende Niedrigzinsphase wird sich zunehmend auch auf die Leistungen der Lebensversicherung auswirken", klagt Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung. "Der Bürger steht also nicht nur mit seinen Steuergeldern, sondern auch mit seinem Ersparten für die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise ein."


Die dritte Plage: Politik

Nach 2008 war die Sache glasklar: AIG, der größte amerikanische Erstversicherer, hatte mit Staatsgeld gerettet werden müssen, sonst hätte es ein Desaster schlimmer als nach der Lehman-Pleite gegeben. So etwas durfte sich nicht wiederholen. Also entwickelten die Versicherungsaufseher unter Anleitung der Politik Vorschriften, in welche Anlageklasse die Versicherer das Geld ihrer Kunden stecken dürfen. Aktien sollten es fortan nicht mehr allzu viele sein, denn die galten als wacklige Kandidaten. Staatsanleihen dagegen seien eine prima Idee, meinten die Politiker, und prompt steht in den Regulierungsvorschriften nicht einmal, dass die Versicherer Eigenkapital zurücklegen müssen, wenn sie das ihnen anvertraute Geld in Kredite an Staaten der EU investieren.

Ob sich Finanzminister Wolfgang Schäuble noch an die Szene Anfang Mai vor zwei Jahren erinnert? Damals besuchten ihn 14 Chefs von deutschen Banken und Versicherern, und der Finanzminister verpflichtete die Runde zur "freiwilligen" Hilfe, die unter anderem darin bestehen sollte, den Griechen ihre Anleihen nicht zu kündigen. Heute ist auch der Minister froh über jeden heimischen Finanzkonzern, der nicht auf einem enormen Risiko sitzt, das er durch den Kauf von Anleihen aus Schuldenstaaten eingegangen ist.

Das Wechselbad der Politik, dem die Versicherer ausgesetzt sind, findet keinen Eingang in die Vorschriften. Die Regulierung bleibt veraltet. Weil Staatsanleihen dort noch immer als sicher gelten, ist es für einen Versicherer einfacher, in Griechenland-Anleihen zu investieren als in BASF-Aktien. Dass Griechenland pleite ist, aber BASF blüht, wissen zwar alle, aber es schlägt sich bislang nicht in geänderten Vorschriften nieder. Stattdessen suchen Versicherer händeringend nach Schlupflöchern, die die Aufseher noch nicht entdeckt haben. Ihre neueste Idee: Konzerne wie die Munich Re und die Allianz fühlen vor, ob sie das Geld ihrer Kunden nicht in den Ausbau von Stromnetzen stecken können. Das wird schließlich gerade staatlich subventioniert und verspricht eine hübsche Rendite. Der Treppenwitz dabei: Die Subvention stammt aus Steuergeld. Der Versicherungskunde zahlt sich also seine eigene Rendite.

Trotz der eingeschränkten Anlagemöglichkeiten fiel in einem Belastungstest des Analysehauses Morgen & Morgen immerhin keiner der getesteten Versicherer durch. Das Institut analysierte, ob die deutschen Gesellschaften auch bei einem Aktien- und Zinscrash ihren Verpflichtungen nachkommen könnten. "Das Ergebnis ist positiv, wir können aber trotzdem keine Entwarnung geben", sagt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. 22 der 70 untersuchten Versicherer verweigerten die Teilnahme. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Kleine Versicherer dürften Kosten und Aufwand scheuen. Einzelne könnten aber auch aus Angst vor einem negativen Testat absagen. "Für die nächsten Jahrzehnte kann auch dieser Test keine Sicherheit garantieren", sagt Schinnenburg. Genau so lange läuft aber eine Lebensversicherung.


Die vierte Plage: Zügellosigkeit

Wenn sich der Vertrag bei der einen Versicherung mehr lohnt als bei der anderen, liegt das auch daran, wie gut die Gesellschaften ihre Kosten im Griff haben. Noch immer wird in der Branche gern geklotzt und nicht gekleckert. Wer jemals den Hauptsitz der Allianz an der Münchner Königinstraße besucht hat, weiß, dass das von außen bescheidene Gebäude innen ein Juwel ist. Viele Versicherer haben in den vergangenen Jahren zwar teils erhebliche Sparprogramme gefahren. Aber es reicht nicht. Um selbst ordentlich zu verdienen, sind die Preise, die manche Gesellschaften für Abschluss und Verwaltung ihrer Produkte berechnen, gesalzen. Bei Direktversicherern gehen bis zu sechs Prozent der Beiträge dafür drauf, bei vertriebsstarken Gesellschaften acht bis zehn Prozent. Die teuersten Gesellschaften verlangen laut Morgen & Morgen sogar bis zu 15 Prozent. Bildlich gesprochen: Von dem Geld, das die Versicherung für sich behält, könnten Kunden im Laufe ihres Lebens einen Mittelklassewagen kaufen.

Wie sich hohe Kosten und sinkende Zinsen auswirken, zeigt eine Rechnung des Analysehauses für das Handelsblatt. Das Ratinginstitut hat Musterrenditen für 70 Gesellschaften berechnet. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Ein 37-jähriger Versicherter, der jetzt abschließt und jeden Monat 100 Euro einzahlt, würde nach 30 Jahren eine Rendite auf seine Beiträge je nach Gesellschaft zwischen 2,4 Prozent und fünf Prozent erzielen - wenn die Zinsen konstant blieben.

Weil immer mehr Kunden nachrechnen, ziehen einige Gesellschaften daraus inzwischen Konsequenzen. Der Bauspar- und Versicherungskonzern Wüstenrot & Württembergische kündigte vergangene Woche ein Sparprogramm an. Ohne Genehmigung des Vorstands sind Einstellungen ab sofort tabu. Auch wenn der Konzern in diesem Jahr einen Ergebnisanstieg um ein Drittel für möglich hält, sollen die Kosten schnell und radikal reduziert werden. "Wenn das Geschäft jetzt auch stark ist, muss man angesichts der Niedrigzinsphase gedanklich mindestens ein Jahr voraus sein", erklärte ein Sprecher den Sparkurs. "Wir stellen uns heute darauf ein, auch in schwierigeren Zeiten unsere Solidität zu wahren."


Die fünfte Plage: Verrat

Versicherungen funktionieren, wenn viele Menschen in einen Topf einzahlen, aus dem am Ende weniger Menschen etwas ausbezahlt bekommen. Die Menge kann ein höheres Risiko auf sich nehmen als ein Einzelner. Bei Lebensversicherungen ist dieses Grundprinzip jedoch erschüttert, denn kaum ein Sparer bleibt bis zum Ende dabei. Der deutsche Versicherungsverband GDV rechnet mit Stornoquoten von rund drei Prozent pro Jahr. Das klingt überschaubar, führt jedoch bei einem Produkt, das über Jahrzehnte läuft, am Ende dazu, dass am Ende fast so viele Menschen aus dem Vertrag fliehen wie dabeibleiben. Drei Prozent dürfte auch optimistisch gerechnet sein. Im Vergleich von Morgen & Morgen lag diese Quote bei einer Gesellschaft im Jahr 2010 sogar bei 23 Prozent.

Aber selbst ein mittlerer Wert bedeutet: Es gibt mehr "Verräter" als treue Dauersparer. Dass die "Verräter" nichts anderes als Kunden sind, die sich in dem Korsett des einmal abgeschlossenen Vertrags nicht mehr bewegen können, wischen die Versicherer beiseite. "Der Rückkauf ist nicht das Szenario, weshalb Kunden das Produkt abschließen sollten", sagt Alf Neumann, Vorstand der Allianz-Lebensversicherung. Damit die Kunden sich nicht zu früh abwenden, greifen die Versicherer in die Trickkiste: In den ersten fünf Jahren ist der Ausstieg ein besonders schlechtes Geschäft. Denn in dieser Zeit fallen die Abschlusskosten an - vor allem die Provisionen der Versicherungsvertreter.

Kunden klagen inzwischen gegen diese Praxis und erhalten recht. Zuletzt erklärte der Bundesgerichtshof für bestimmte Verträge, dass es "eine unangemessene Benachteiligung des Versicherungsnehmers" sei, wenn die eingezahlten Beiträge vor allem in die Taschen der Vermittler fließen.

Wegen der hohen Verluste bei Kündigung, niedrigen Renditen und hohen Kosten raten zahlreiche Verbrauchervertreter von einem Neuabschluss ab. "Heute braucht niemand mehr eine solche Police", sagt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Axel Kleinlein, Vorsitzender des Bundes der Versicherten, konstatierte zuletzt bitter: "Die Versicherer haben in der Altersvorsorge versagt."


Die sechste Plage: Selbstüberschätzung

Versicherungen sind ein Produkt wie jedes andere auch. Wer sie haben will, verspricht sich davon einen Vorteil. Wer sie entwickelt und verkauft, will auch nicht leer ausgehen. "Ein Versicherungsvertreter bekommt seine Provision, wenn er etwas verkauft. Ob das verkaufte Sparprodukt auch im Interesse des Verbrauchers ist, steht nicht im Vordergrund. Er bekommt die Provisionen von den Versicherungen. Das ist der falsche Anreiz", stellt Rechtsanwältin Becker-Eiselen nüchtern fest.

Das typische Bild eines Versicherungsvertreters: Er verkauft etwas, das man eigentlich nicht braucht. Sobald die Police abgeheftet ist, bekommt der Kunde von seiner Assekuranz nichts mehr mit. "Es gelingt Versicherungen nicht gut, außerhalb von Schadensfällen in Kontakt zu treten", meint Frank Dopheide, Ex-Grey-Chef und Inhaber der Firma Deutsche Markenarbeit. Um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, hätten die Versicherer jahrelang zu wenig getan.

Das Selbstbildnis derjenigen, die Versicherungen verkaufen, ist allerdings manchmal ein anderes. Wer in die ganz eigene Welt der Versicherungsverkäufer eintritt, fühlt sich, als komme er vom Gemüsemarkt in den Gottesdienst: Bei Ergo zum Beispiel, dort also, wo Vertreter schon mal zur Belohnung für gute Abschlüsse auf Firmenkosten mit Prostituierten ins Bett durften, zeigt der jüngste Werbespot prägnante Gesichter in Nahaufnahme. Im Hintergrund spricht eine besonnene Männerstimme: "Glaube verstehen, Enttäuschungen verstehen, Zögern verstehen." Am Ende die Botschaft: "Versichern heißt verstehen."

Weil Eigen- und Fremdwahrnehmung auseinanderklaffen, hat der Versicherungsverband inzwischen einen "Verhaltenskodex für den Vertrieb von Versicherungsprodukten" aufgelegt. Wer ihn liest, erfährt viel über das wahre Leben. "Beachtung des Kundeninteresses", heißt zum Beispiel ein Grundsatz im Kodex, der so selbstverständlich klingt, dass sich jeder Außenstehende fragt, warum er trotzdem aufgeschrieben werden muss. "Beratung auch nach Vertragsschluss" ist ein weiterer Punkt, der zeigt dass Markenexperte Dopheide recht hat. "Klare Legitimation gegenüber Kunden" - dieser Satz spricht den Missstand an, dass sich Vertreter als unabhängige Berater empfehlen und dabei verschweigen, dass sie den Auftrag haben, ein bestimmtes Produkt zu verkaufen.


Die siebte Plage: Ein langes Leben

Gestorben wird immer, wissen die Risikomanager in den Versicherungszentralen. Die Frage ist nur: wann? Was für die Versicherten der größte Wunsch ist, ist für die Versicherer das größte Risiko: ein langes Leben, für das sie bis zuletzt die Rente zahlen. Genauso wie Sachversicherer die Wahrscheinlichkeiten von Hagelstürmen und Erdbeben ausrechnen und danach die Prämien kalkulieren, müssen Lebensversicherer die Wahrscheinlichkeit kalkulieren, dass Herzinfarkt oder Krebs dem Leben ihrer Kunden doch ein früheres Ende bereiten könnte.

Ihre Erkenntnis: Der medizinische Fortschritt lässt die Menschen immer älter werden. Die Lebenserwartung eines heute 60-jährigen Mannes beträgt knapp 90 Jahre, heißt es etwa beim deutschen Großversicherer Debeka. Vor acht Jahren lag die Schätzung nur bei einem Alter von gut 85 Jahren. Je älter die Menschen werden, desto höher müssen aber die Beiträge sein, die die Versicherten in der Ansparphase aufbringen.

Grundlage für die Berechnung der Kosten einer Lebensversicherung sind die sogenannten Sterbetafeln. Die Tafeln sind die in Excel-Tabellen gegossene Kalkulation, wie lange ein Kunde durchschnittlich lebt. Die Gesellschaften rechnen damit, dass ein neugeborenes Mädchen 103 Jahre alt wird. Bei fondsgebundenen Produkten unterstellten einige Versicherer sogar, dass heute geborene Mädchen durchschnittlich 111 Jahre alt würden. "Jenseits dessen kalkulieren einige Anbieter sogar mit Lebenserwartungen von mehr als 130 Jahren", sagt der inzwischen bundesweit bekannte Versicherungskritiker Kleinlein.

Allianz-Vorstands-Mitglied Alf Neumann ist zurückhaltender, aber 102 Jahre Lebenserwartung für einen heute geborenen Säugling - das ist ein Wert, mit dem auch seine Gesellschaft kalkuliert. "Die Lebenserwartung steigt seit der industriellen Revolution kontinuierlich an. Laut Max-Planck-Institut im Schnitt um zwei bis drei Monate pro Jahr. Dieser Trend ist weiterhin intakt, und wir müssen für die Garantien zunächst entsprechend vorsichtig kalkulieren." Einer 25-Jährigen zu erklären, dass sie deswegen jetzt bereits etwa ein Fünftel ihres Einkommens zur Seite legen soll, um davon ein halbes Jahrhundert später zu leben - das ist eine Aufgabe, an der die Versicherungsverkäufer öfter scheitern.

Die sieben Plagen sind eine biblische Metapher. Der Prophet Johannes hält den Menschen den Spiegel vor. Die Versicherung für das Leben ist auch ein Spiegel des Lebens. Sie leidet unter den gleichen Schwächen, unter denen ihre Kunden leiden: der Angst um die Zukunft, der Zügellosigkeit, der Gier, dem Verrat.

"Altersvorsorgeprodukte sind - fast wie ärztliche Therapien - Vertrauensgüter", sagt Bert Rürup. Eine Therapie für die Lebensversicherung könnte sich lohnen.

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